Ritualmusik im kleinen Kreis: Funkenflug 2015 – Teil 2/2

Nun, da ihr Leser bereits Bescheid wisst, was es mit dem Funkenflug überhaupt auf sich hat, möchte ich im Folgenden noch etwas ausführlicher auf die musikalische Seite des Rituals eingehen. Das musikalische Aufgebot konnte sich auch in diesem Jahr wieder durchaus sehen lassen und konnte unter anderem durch eine gewisse Vielfalt begeistern. So gab es an den zwei Festivaltagen kaum Ausfälle und für jeden war irgendetwas Interessantes dabei. Lest nun also, was es für meine Begleiter und mich zu hören gab:

Freitag

Die Eröffnung des Festivals am Freitagnachmittag machen Sativa Root. Das Dreigespann aus Salzburg hatte nur eine kurze Anreise und präsentiert im gemütlichen Nachmittagsregen einen Instrumentalbrocken aus Doom, Psychedelic und noch mehr Doom. Ein ganz netter Einstieg, so richtig angekommen ist das Publikum allerdings noch nicht. Dafür gibt es noch zu viele andere Details zu bestaunen.
Hinter Lapis Niger verbirgt sich Saturnalia Temple-Frontmann Tommie Eriksson, der anlässlich der diesjährigen Sonnenwende seine insgesamt zweite Soloperformance zum besten gibt. Wer mit zu hohen Erwartungen vorgetreten war, ist wahrscheinlich nach dem Auftritt beleidigt davongezogen: Erikssons orientalisch angehauchter Ritual Ambient klimpert aus den Boxen und der Meister selbst gibt dazu ein paar beschwörende Laute von sich. Nach ein paar Minuten ist das Spektakel auch schon vorüber.
Atomikylä legen danach ganz schön vor. Die Finnen spielen sich mit ihrer eigenwilligen Stoner/Psychedelic-Mischung völlig in Ekstase. Auch das Publikum geht mittlerweile gut mit und verliert sich in den sich minutenlang wiederholenden Riffs, nur um dann von den wenigen Vocaleinlagen (ja, Stoner mit Geschrei) aufgerüttelt zu werden. Eine durchweg gelungene Performance, die ich mir ohne Weiteres noch in doppelter Länge gern angesehen hätte.
Von Finnland geht es nach Frankreich. Schnell ist der Mini-Cthulhu aufgestellt und die drei (!) Gitarren aus ihren Hüllen befreit. The Great Old Ones legen eine ausnahmslos gelungene Performance hin und lassen auch in der Setlist keine Wünsche offen. Sei es nun das stampfende „Antarctica“ oder der nahezu-Klassiker „Jonas“ vom Debutalbum. Ein sehr intensiver und atmosphärischer Auftritt.
Nach einer kurzen Umbaupause betreten ein paar Gestalten in langen Gewandungen die Bühne. Fyrnd, eigentlich das alleinige Mitglieder der Band Fyrnask, hat eine Band um sich geschart, um am Funkenflug 2015 teilnehmen zu können. Die Band ganz in schwarz, Frontmann Fyrnd in einem weißen Gewand und mit geweihartigem Kopfschmuck legt einen hervorragenden Auftritt hin. Die Mischung aus rasendem bis zuweilen fast chaotischem Black Metal mit leichten Folk-Anleihen funktioniert hier oben in den Bergen wunderbar. Lediglich das Klangbild war zuvor schon besser und hätte bei Fyrnask etwas differenzierter ausfallen können.
Und wieder Finnen. Dieses Mal spielen die fünf Herren von Dark Buddha Rising auf und präsentieren einen fiesen Sludge und Doom Bastard. Hin und wieder schleichen sich sogar die magenverdrehenden Drones ein, die auf den Aufahmen der Band zu hören sind. Sänger J. Niemi windet sich zwar mehr Zeit am Boden als tatsächlich in sein Mikrofon zu schreien, das tut der Musik allerdings keineswegs weh. Mittlerweile ist es dämmrig geworden und die massive Soundwand von Dark Buddha Rising passt perfekt zur Stimmung auf der Alm.
Anschließend wissen dann Caronte durchaus, wie man Stimmung macht. Ihre einprägsame Stoner/Doom-Mischung macht eine Menge Spaß. Ob nun „Black Gold“ oder „Navajo Calling“ – irgendwie fühlt man sich dazu veranlasst mitzuwippen. Ein großartiger Abschluss der Gitarrenfraktion des ersten Festivaltages.
Mittlerweile ist es spät geworden. Es ist stockdunkel, lediglich ein paar Feuer und Kerzen sorgen für Orientierungspunkte. Caronte sind lange fertig und etwa 40 Minuten lang kann man immer wieder ein paar Gestalten über die Bühne huschen sehen. Es wird ein Sammelsurium an fremdländischen Instrumenten aufgebaut, rituelle Gewänder angelegt und jede Menge Räucherwerk verbrannt. Was uns nun bevorsteht, ist eigentlich mit Worten kaum zu beschreiben. Der nächste Tag hat schon längst begonnen als der eigentliche Auftritt der Russen von Phurpa dann endlich losgeht. Dass reine Stimmgewalt einen solchen Bass hervorbringen kann, muss man unbedingt erlebt haben. Dazu stoßen dann mit der Zeit seltsame Blechblasinstrumente, Glocken und noch ein paar andere Obskuritäten. Dieses Ritual zog sich nun über eine Dauer von nahezu zwei Stunden. Ich gebe frühzeitig auf und bewege mich in die Waagerechte – nicht weil mir die Musik nicht schmeckt (das Gegenteil ist der Fall), sondern weil meine Beine mich langsam aber sicher nicht mehr tragen wollen.

Fyrnask

Fyrnask

Samstag

Der zweite Festivaltag beginnt mit den recht unbekannten The Good End aus dem nahegelegenen Salzburg. Was hier musikalisch präsentiert wird, will irgendwie nicht so richtig an diesen Ort passen: Nahezu radiotauglicher Rock/Pop. Nicht mein Fall und dem Rest des Publikums scheint es ebenfalls so zu gehen. Der ausbleibende Beifall konnte einem fast Leid tun, allerdings kann man das wohl kaum auf die Unfähigkeit der Musiker, sondern eher auf die Erwartungen und Geschmäcker des Publikums schieben.
Drey Principia merkt man nachfolgend an, dass sie in dieser Konstellation keine große Bühnenerfahrung haben. So wirken die Musiker (ausgenommen Frontmann Beissert, den man von der gleichnamigen Band kennen könnte) auf der Bühne recht steif. Dem Publikum scheint das Dargebotene hier schon deutlich besser zu gefallen – Psychedelic Rock mit einigen genrefremden Anleihen wirkt auch gleich etwas passender.
Path of Samsara machen anschließend ihr Ding auch richtig gut, obwohl sie auch nicht unbedingt jedermanns Geschmack zu sein scheinen. Der eingängige Rock mit okkulter Schlagseite funktioniert hier aber wunderbar und lässt den geneigten Zuhörer die gesamte Spielzeit in Ruhe mitwippen.
Darauf habe ich mich gefreut: Die nächsten Finnen, diesmal Abyssion, betreten die Bühne. Die Jungs haben es doch tatsächlich fertig gebracht, kurz vor dem Festival einen hervorragenden Previewsong für die neue EP zu präsentieren und sind dann mal kurzerhand mit dem Auto in vier Tagen von Finnland bis nach Österreich gefahren. Auch der Auftritt kann bei mir punkten. Psychedelischer Black Metal mit viel Effektspielereien und diesen angepissten Keifvocals. Gute Sache.
Nachdem der Regen erst nachgelassen hatte, geht es nun wieder richtig los. Für die Bands auf der überdachten Bühne alles gar kein Problem. Das Publikum hingegen steht wieder im Nassen, um sich nun von Hemelbestormer beschallen zu lassen. Insgesamt wird auch hier eine runde Sache abgeliefert, obwohl mir persönlich in den massiven Gitarrenwänden die Höhepunkte etwas fehlen.
Wohl einer der Höhepunkte für viele Festivalbesucher folgt nun in der Dämmerung mit Ascension. Erneut hätte der Sound durchaus besser sein können, aber das lässt sich gut verkraften. Die fünf Bandmitglieder spielen souverän ihr Set aus älteren und neuen Songs. Vor der Bühne ist mittlerweile schon ordentlich etwas los, sodass mein steter Wechsel zwischen dem nahegelegenen Lagerfeuer und selbiger immer schwieriger wird.
Da ist er wieder: Tommie Eriksson, der schon am Vortag als Lapis Niger zu hören war, gibt nun mit seiner Hauptband Saturnalia Temple einige Songs zum besten. Ab dem ersten Ton von „Golachab“ ist im Hintergrund eine sehr passende Videoinstallation mit Aufnahmen von Vulkanausbrüchen und diversen anderen Szenarien zu bestaunen (leider hat sich wohl zwischendurch ein paar Mal der Beamer verabschiedet). Der Auftritt hat mich schlussendlich in einen ähnlichen Trancezustand versetzt, wie es Atomikylä schon am Freitag geschafft haben.
Das heißersehnte Highlight der Veranstaltung beginnt: Die Veranstalter und einige Bandmitglieder beginnen an der Bühne den Fackelzug zum beeindruckenden Sonnwendfeuer. Es regnet noch immer etwas, aber das ändert nichts an der Atmosphäre. Zunächst wird nach und nach der obere Teil des Aufbaus aus Baumstämmen und jeder Menge Geäst in Brand gesetzt, danach darf dann jeder der Beteiligten seinen Beitrag leisten und die untere Hälfte entzünden. Für die musikalische Untermalung des Spektakels sorgen dieses Jahr Urfaust, die trotz lädiertem Drummer angereist sind und ein kurzes, aber sehr intensives Set spielen. Ein perfekter Moment, um das sich dem Ende zuneigende Festival kurz zu reflektieren oder auch einfach nur den Funkenflug und die Musik zu genießen.
Man sollte nicht denken, der Abend sei schon gelaufen. Nach einer langen Umbaupause und ein paar technischen Komplikationen stehen Dragged Into Sunlight auf der Bühne, um kurz mal alles in Kleinholz zu zerlegen. Die Band ist für die diesjährige Veranstaltung das, was letztes Jahr Amenra waren, obwohl Dragged Into Sunlight musikalisch deutlich mehr auf das Gaspedal gehen. Das Gesamtbild aus einer vollkommen schwarzen Umgebung, einer Kerzenmenge, die allen anderen Konkurrenz macht und ein paar Menschen, die alles für einen authentischen Auftritt geben, passt perfekt. Wähnt man sich nach ein paar ohrenbetäubenden Feedbacks gerade wieder in Sicherheit, gibt es unmittelbar wieder voll auf die Zwölf. Abriss pur und damit ein perfekter Abschluss für den zweiten Tag der Veranstaltung.

Phurpa

Phurpa

Nun, im Nachhinein bleibt mir nur noch übrig „Danke“ zu sagen. „Danke“ an die Veranstalter, die diese Veranstaltung jedes Jahr aufs neue zu einem Erlebnis machen. „Danke“ an die Bands, die den hervorragenden Rahmen mit Leben gefüllt haben. Und „Danke“ an meine Begleiter, mit denen ich dieses Erlebnis (teilweise erneut) teilen durfte.

Delirium [Jonas B.]

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