Inmitten zweier Extreme: Funkenflug 2015 – Teil 1/2

Litha. Mitsommer. Feill-Sheathain. Alban Hevin. Sommersonnwend.
Wie auch immer man es nennen will, das Fest des längsten Tages des Jahres ist eine weltweit in vielen Kulturkreisen verbreitete und teils uralte Tradition. Die Helligkeit und Kraft der Sonne erreicht ihren Höhepunkt, was sich in der rundum gedeihenden Natur widerspiegelt. In diesem Sinne wird an diesem Abend ein Fest des Lebens und der Fruchtbarkeit, aber auch des Dankes und der Freude gefeiert. Das Kollektiv Speckjaga lud in diesem Rahmen erneut alle Freunde atmosphärischer und naturmystischer Musik ins Salzburger Abtenau ein, um dort oben auf der Neudegg Alm dieses Fest mit zahlreichen namhaften Bands und Gleichgesinnten zu zelebrieren. Praktischerweise ist die Sommersonnenwende auch das festivaltauglichste der vier großen Sonnenfeste. Musiktechnisch ist hierbei alles erlaubt, was dem spiritualistisch angehauchten Grundtenor des Festivals gerecht wird: Dark/Ritual Ambient, Drone, Black/Doom Metal, Psychedelic Rock/Metal, aber auch lokale Blasmusiker.
Die Speckjagas und ihr engster Umkreis nutzten diese idyllische Kulisse schon lange für ihre Feiern, seit einigen Jahren ist es als ordentliches (mittlerweile zweitägiges) „Funkenflug“ Festival auch einem breiteren Publikum zugänglich geworden. Das Kollektiv denkt allerdings nicht daran, aus dieser Feier eine Massenveranstaltung zu machen, so sind die Tickets stets auf 333 Stück limitiert. Die atemberaubende Location, die greifbare Atmosphäre und nicht zuletzt das sorgfältig ausgewählte Bandaufgebot sorgten in letzter Zeit dafür, dass der Funkenflug kein Szenegeheimnis blieb, und so war der Ansturm auf die streng limitierten Tickets dieses Jahr so hoch wie nie zuvor. Dies resultierte selbstredend in einer Menge enttäuschter Gesichter, die trotz Ticketbestellung in der ersten Minute mit leeren Händen dastanden und ihrem Unmut teils auch auf sozialen Netzwerken wie Facebook Luft machten. Seitens der Speckjagas gab es hierzu keine großartigen Versuche der Erklärung oder Beschwichtigung, was vielleicht diplomatisch gewesen wäre und viele Missverständnisse aus dem Weg geräumt hätte, wozu sie sich aber auch nicht verpflichtet fühlten. Letzten Endes ist es immer noch die private Feier des Kollektivs in geschlossener Gesellschaft.

Aussicht vom Gelände über das Tal
Generell erscheint es bei näherer Betrachtung etwas unangemessen, den Funkenflug als normales Festival und sich selbst hier als normalen zahlenden Kunde zu sehen, welcher im Dienstleistungssektor gerne – zumindest in theoretischer, utopisch-idealisierter Hinsicht – als König betrachtet wird. Klar bezahlt man für eine Eintrittskarte und bekommt dafür ein Äquivalent zu einem Festivalbändchen (dieses Jahr ein zum Armband umfunktionierter Patch, in den vergangenen Jahren aber auch Lederarmbänder oder Halsschmuck). Dennoch landet man näher bei der Wahrheit, wenn man sich als geduldeter Zuschauer eines Rituals versteht, zu dem man nicht unbedingt Zugehörigkeit, gerne auch Skepsis, aber in jedem Fall gewisse Neugier empfindet. Umfassendes Verständnis und Ritenkenntnis ist kein Hindernis, aber bei weitem nicht obligat. Es ist eher wie bei einem Besuch in südostasiatischen Ländern, wenn man mit offener Geisteshaltung und Respekt, aber auch kindlicher Neugier einen prächtigen Tempel betritt, alle Farben und Gerüche in sich aufsaugt und den unendlich widerhallenden, alle Sprach- und Religionsbarrieren transzendierenden Mönchsgesängen lauscht.
Im Fall des Funkenflugs ist der Tempel die Naturlandschaft rund um die Alm, mit seinen Wäldern und der Aussicht auf die Berge und die unten liegenden Täler. Die Gerüche sind hier die gereinigte Waldluft, durchzogen von eigens zusammengemischten Räucherkräutern und -Harzen. Für viele dürfte dieses Umfeld auch einen willkommenen Ausbruch aus der Zivilisation darstellen, welche zwar für Sicherheit, Ordnung und Geborgenheit, aber auch für Zwang und einengende Gefangenschaft stehen kann. Neben dem musikalischen und rituellen Aspekt bieten die Umstände und die Umgebung der Feier auch Momente der individuellen Reflexion. Menschen aus lauten, schnelllebigen Orten laden hier ihre Akkus neu auf und verlassen das Fest – neben all den gewonnenen Erlebnissen, Freundschaften, Impressionen und Erinnerungen – vielleicht auch mit neuer Energie, die einem „Fest der Reinigung“ würdig ist.

Den Höhepunkt des Festes bildet jedes Jahr das Ereignis am Samstagabend, das ihm auch seinen Namen verleiht: Das Entfachen des großen Sonnwendfeuers am Hügel ober der Alm, und der daraus resultierende Funkenflug, welcher bei klarem Himmel hunderte Meter in scheinbarer Zeitlupe den Himmel emporsteigt. Das Kollektiv ist sehr darum bemüht, hochkarätige und unter Szenekennern geschätzte Bands und Künstler aller passenden Genres einzuladen, allerdings muss die Magie der spielenden Bands immer mit der unbändigen Energie dieses Feuers und seiner Symbolwirkung konkurrieren. Vor dem eigentlichen Feuer luden bereits einige Jongleure und Feuertänzer zu einer kleinen, aber stimmigen Show ein.
Dem Extrem des Feuers und der Hitze gesellte sich dieses Jahr auch das Extrem des Wassers und der Kälte hinzu. Mit Ausnahme weniger Stunden wurden beide Festivaltage von andauernden Regenschauern heimgesucht, was vor allem spät am Abend in sehr unsommerlichen Temperaturen nahe der Null-Grad-Grenze resultierte. Inmitten dieser beiden Gegenpole stand der Festivalbesucher und musste zwischen wärmendem Feuer und kühlendem Regen mit den beiden Extremen hin- und herjonglieren, welche letztendlich nichts anderes sind als zwei Seiten derselben Medaille. Kein Licht ohne Schatten, kein heiß ohne kalt. Der Atmosphäre des Festivals tat die Witterung keinen Abbruch (manch Hartgesottener würde wohl sagen „Ganz im Gegenteil!“).

Das entzündete Sonnwendfeuer

Leider wurden Sonnwendfeiern dieser Art vor Jahrzehnten auch von Menschen fragwürdiger politischer Gesinnung eingenommen und diese haben die Sommersonnenwende im Kontext einer Blut-und-Boden-Ideologie zelebriert. Da diese Konnotation teilweise nach wie vor im kollektiven Gedächtnis verankert ist muss hier für den allfälligen stirnrunzelnden Leser ausdrücklich versichert werden, dass der Funkenflug frei von jeglicher politischen Färbung ist und sich auch beim anwesenden Publikum eher ein kunterbuntes Sammelsurium aller erdenklichen Musikgeschmäcker, Weltanschauungen und Herkunftsländer findet. Disclaimer Ende.
Das Schöne an einem solchen Festival ist gerade, dass quasi jeder Besucher seine individuelle Erwartungshaltung mitbringt. Auf der Alm tummeln sich geschätzt 400 verschiedene Hintergrundgeschichten und Anschauungen bezüglich Ritus, Spiritualismus und auch Musikgeschmack, und dennoch fließt Harmonie und Einigkeit. Man vernahm viele verschiedene Sprachen und ein erwähnenswerter Teil der Besucher kam aus allen erdenklichen Teilen Europas, und möglicherweise sogar darüber hinaus.

Und so verlässt man ein sehr verregnetes, aber trotzdem schönes Wochenende mit einem Grinsen im Gesicht und ich habe nun mit einigen Wochen Verspätung versucht, das Erlebte in Worte zu fassen. Natürlich ist dies, wie so oft bei Musik und anderen Dingen, „die man erlebt haben muss“, ein sehr schwieriges Unterfangen, aber ich hoffe, einigen Funkenflug-Besuchern ein wenig aus der Seele gesprochen zu haben und anderen Leuten etwas Neues präsentiert und halbwegs schmackhaft gemacht zu haben. So bleibt mir nur die Hoffnung übrig, für nächstes Jahr wieder ein Ticket ins Paradies zu ergattern und diesem Schauspiel zum dritten Mal beiwohnen zu dürfen.
Im nächsten Post wird Kollege Jonas schon eher der Erwartung eines klassischen Festivalsberichts gerecht werden und auf die einzelnen Bands und ihre Performances eingehen.

Interloper [Johannes S.]

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