And so I watch your slow but steady decline from afar

Hach ja, die Britischen Inseln im Allgemeinen und England im Speziellen waren immer schon die Ursuppe, aus der viele der ganz großen und nicht wenige der ganz kleinen Musikbewegungen emporstiegen. Und wo das nicht der Fall ist kann man sich dennoch darauf verlassen, dass sich die Insulaner eines andernorts entstandenen Stils annehmen und seine Pfade ausweiten oder mitlenken. Die Nische des verspielten Instrumentalrocks ist hier keine Ausnahme.
Spätestens seit der Jahrtausendwende will eine Band nach der anderen in die Riege von Bands wie Godspeed You! Black Emperor aufsteigen (bloß in weniger cineastisch und ausgearbeitet), begibt sich ins Fahrwasser des crescendobasierten Post-Rocks und entlädt eine überschwängliche Tremolo-Klimax nach der anderen auf seine Hörerschaft. Nicht, dass dieser Stil keine Daseinsberechtigung hätte, ganz im Gegenteil. Das Kopfkino eines „The Earth Is Not a Cold Dead Place“ beispielsweise steht nicht umsonst so hoch in der Gunst vieler Menschen. Trotzdem ist es erfrischend, dass sich parallel dazu auch Bands etabliert haben, die den Pathosregler etwas zurückschrauben und dem satten Riff und der hörbaren Spielfreude, dem musikalischen Dauergrinsen wieder einen Platz im Rampenlicht gönnen.

Und genau solche Bands findet man auf den Britischen Inseln kreuz und quer über die Landschaft verteilt. You Slut! aus Nottingham entladen in zwei knackigen Alben alles, was man sich von math-infiziertem Instrumentalrock wünschen kann. Die Iren von Adebisi Shank fügen dem eine Portion Humor, Elektronikspielerei und gelegentliche Vocoder-Zuckerstreusel hinzu. Sie teilen sich die Insel mit And So I Watch You From Afar aus Belfast, die sich je nach Album ambitioniert und deftig oder aber verspielt-sommerlich geben. Ansonsten passt auch noch die erste Diskografiehälfte von 65daysofstatic oder Maybeshewill in das bunte Portfolio, und natürlich noch viele kleinere Kapellen, die hier unerwähnt bleiben müssen.
Allerdings steht die Zukunft dieses kleinen Musikbiotops auf wackeligen Beinen. Im September vergangenen Jahres mussten Fans gleich zwei schlechte Nachrichten am selben Tag verkraften, als You Slut! und Adebisi Shank beinahe gleichzeitig ihre Auflösung verkündet haben. Erstere sprechen von einer „odd coincidence“. Andere Gruppen blieben als Band bestehen, unterzogen sich aber einem Stilwechsel. So haben 65daysofstatic die tanzbaren, ja nicht selten sogar clubtauglichen Beats für sich entdeckt. Und auch Maybeshewill lassen die knackigen Garagengitarren zunehmend im Hintergrund und verlassen sich lieber auf Keyboard und Klavier, mit denen sie ohnehin immer schon geliebäugelt haben. Aber die unermüdlichen And So I Watch You From Afar (ASIWYFA), die konstant im Zweijahresrhythmus ein neues Album veröffentlichen und letzten Monat ihren neuesten Output „Heirs“ auf die hungrige Meute losfeuerten, bleiben weiterhin standhaft an der leer und einsam gewordenen Speerspitze dieser Nische, oder? Oder?

Nein.

Eine recht plump in den Raum geworfene Antwort auf diese Frage. Aber das hat seinen Grund: Dem aufmerksamen ASIWYFA-Hörer wird nicht entgangen sein, dass die Band im Verlauf ihrer Karriere immer mehr mit der Stimme als zusätzliches Instrument herumexperimentiert hat. Auch das selbstbetitelte Debut hatte schon seine pointierten Zwischenrufe und seinen Na-Na-Na-Mitsingpart, um die Positivität der Gitarrenmelodien zusätzlich zu akzentuieren. „Akzentuieren“ trifft aber seit dem letzten Album „All Hail Bright Futures“ nicht mehr wirklich den Kern der Sache und mit „Heirs“ haben sie endgültig den Punkt erreicht, an dem sie nicht mehr als Instrumentalrock bezeichnet werden können.
Selbstredend sagt diese Tatsache allein gar nichts über die Qualität des Albums aus. „Heirs“ ist nicht nur im Bezug auf den Einsatz von Vocals die logische Fortsetzung des Vorgängers. Auch die sommerliche Grundstimmung, die den Hörer zu jeder Sekunde ansteckt, vermisst man hier nicht, und die euphorischen, oft regelrecht hyperaktiven Gitarren flirren einem sehr vertraut um die Ohren. Jeder einzelnen Note scheint die Sonne förmlich aus dem Arsch. Die gesungenen Textfragmente und chorartigen Gangshouts sind nun zwar allgegenwärtig, die Band hat ihre Vergangenheit als reine Instrumentalband aber nicht komplett über den Haufen geworfen und nicht vergessen, an welchen Stellen es klüger ist, den Mund zu halten und die Instrumente ihre ganz eigene, universellere Sprache sprechen zu lassen.
ASIWYFA sind in ihrer Soundprogression wie gesagt in logisch nachvollziehbaren Bahnen unterwegs. Dabei sind sie (leider?) auch in den Aspekten sehr konsequent, die ihre ersten Alben zu monumentalen Brechern gemacht haben. Die schnellen Gitarrenmelodien lassen „Heirs“ verspielt, ja fast schon frech wirken, ganz im Gegensatz zu so manchen gemächlichen, tonnenschweren Riffs von früher. Man liest Songtitel wie „Like a Mouse“ oder „Wasps“, welche die Hektik im Soundgewand gut verbildlichen. Das Debutalbum und Nachfolger „Gangs“ haben noch eine andere Sprache gesprochen: „If it Ain’t Broke… Break it“, „Think:Breathe:Destroy“, you get the idea. Einige der Songs auf „Heirs“ leiden auch unter den stetig kürzer werdenden Songlängen, in denen sich ein kreativer Songaufbau mit gelungener Dramaturgie und cleveren Wendungen zunehmend schwierig gestaltet. Die meisten der Nummern unter drei Minuten Spielzeit sind im Grunde eine gebetsmühlenartig wiederholte Melodie, zu der sich im Songverlauf in vorhersehbarer Manier übereinandergeschichtete Gesangschöre legen. Auch wenn diese Songs immer noch sehr schön anzuhören sind, lässt einen das Gefühl nicht los, dass man sich in dieser Hinsicht mal mehr getraut hat. Man kann sich ja auch in der Sicherheit des Formularischen wiegen. Nichtsdestotrotz ist „Heirs“ immer noch ein Album, über das es mehr gute als schlechte Worte zu verlieren gibt, allerdings flacht das fette Grinsen über eine neue Platte mit jeder Ankündigung ein winzig kleines Stück mehr ab.

Was in Großbritannien und Irland zukünftig in den Gefilden der unbesungenen Riffsalven passieren wird steht in den Sternen. Für große Überraschungen war das Inselvolk immer schon zu haben. ASIWYFA halten davon eher weniger und werden ihren eingeschlagenen Pfad wohl auch in Zukunft stur geradeaus fortsetzen und sich damit auch gewiss ihre verdiente Anhängerschaft erspielen.

Interloper [Johannes S.]

 

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