Jay Munly & The Lee Lewis Harlots

Jay Munly, einigen vielleicht geläufig als prägendes Mitglied des Slim Cessna Auto Club ist eine der bekannteren Personen der Musikszene in Denver, Colorado, die beispielsweise auch die großartigen 16 Horsepower hervorbrachte. Für eines seiner Projekte tat er sich dabei mit den Lee Lewis Harlots zusammen, einer ebenfalls aus Denver stammenden Band, die hier die musikalische Untermalung und Umsetzung seiner Songs vornimmt, mit Banjos, reichhaltigen Streichern, Chören und einer gekonnten Mischung aus Folk, Americana, Blues, Rock, Gothic und urtümlichem Country. Aber im Endeffekt steht und fällt dieses Album mit Munlys Stimme, die in jedem Song im
Mittelpunkt steht und dieser Rolle auch jederzeit gewachsen ist. Vor allem in ‚Cassius Castrato the She-Male of the Mens Prison‘ bin ich jedesmal wieder überwältigt, welch verschiedene Stimmlagen er scheinbar mühelos bewältigt, vom düsteren fast ins Growling ragende bis zum hohen Falsetto ist alles geboten.

Schon der hypnotisierende Opener ‚Amen Corner‘ macht klar, dass man es hier mit einem ganz besonderen Album zu tun hat. Mit einer im ersten Moment verschreckenden Eindringlichkeit spricht Munly, nur um kurz darauf in einem vokalen Mahlstrom zu versinken, dessen eigenartige Klangwirkung ich am besten mit einer etwas merkwürdigen
Jodel-Assoziation und Yo-Yo-Yee-Yee-Yo-Chören beschreiben kann. Im zweiten Song ‚Big Black Bull Comes Like A Cesar‘ haben dann die Harlots ihren ersten großen gesanglichen Auftritt, indem sie einen tatsächlich perfekt in den Song und die Stimmung eingebetteten choralen Part beisteuern. Solcherart Highlights hat das Album viele, aber was mich jedes Mal wieder besonders mitnimmt ist ‚Goose Walking Over My Grave‘, ein langsamer, tieftrauriger Sond mit extrem unangenehmen Lyrics, vielleicht neben ‚A Trace Of Blood‘ von PAIN OF SALVATION die unangenehmsten Lyrics, die ich kenne: She said ‚punch me in the stomach‘ I said girl I do not know, if I punch you in the stomach that our child inside will not grow. Die Teilnahmslosigkeit, mit der Munly diese Verse rezitiert jagt mir jedesmal passend zum Songtitel eine Gänsehaut über den Rücken. Aber das Album hat auch fast schon poppige Songs zu bieten, mit Refrains und Melodien die sich direkt ins Gehirn fräsen, wie ‚Of Silas Fauntleroy’s Willingness to Influence The Panel‘, ein Stück schierer Leichtigkeit, das vor allem nach dem fast schon aggressiven ‚The Denver Boot Redux‘ ein wenig über dem Rest des Albums zu schweben scheint. Den Abschluss bildet dann das getragene ‚River Forktine Tippecanoe‘, das mit einer ruhigen, erleichterten Atmosphäre den Hörer in die Freiheit entlässt. Aber auch hier wird nochmal deutlich, welch Intensität Munly allein mit seiner Stimme erzeugen kann.

Munly & The Lee Lewis Harlots ist ein ambitioniertes Album, aber vor allem auch ein überwältigendes Album. Ein Album, das es wie nur wenige schafft, einen gleich einem Strudel nichtsahnend bis auif den Grund zu ziehen, wo nichts bleibt außer der elementaren Frage des Überlebens, den Gewalten derart ausgeliefert dass einem nichts übrig bleibt als tiefer einzutauchen, um dann schlussendlich wieder an die Oberfläche katapultiert und anschließend an den Strand geschwemmt zu werden. Dieses Album ist meiner Meinung nach das bisherige Magnum Opus des Herrn Munly, vielleicht sogar der ganzen Musikszene Denvers, auf einem Niveau mit Klassikern wie „Folklore“ und „Secret South“. Das 6 Jahre später erschienene Album „Petr & The Wulf“, eine musikalische Interpretation des Prokofjewschen Märchens Peter und der Wolf ist zwar ebenfalls sehr gut umgesetzt, kann insgesamt aber nicht ganz mit diesem Werk mithalten, was den Abwechslungsreichtum und vor allem die Intensität betrifft. Aber abwarten, die Umsetzung des Prokofjew-Kosmos soll ja noch nicht abgeschlossen sein, also kann man gespannt der Dinge harren, die noch kommen.

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