Die Schönheit der Uneigenständigkeit oder – If These Trees Could Talk „Above the Earth, Below the Sky“

Es ist kaum anzunehmen, dass Bands wie Slint, Godspeed You! Black Emperor, Talk Talk oder Bark Psychosis geahnt haben, wohin sich ihre Bemühungen, die Grenzen der klassischen Rockmusik ein weiteres Mal nach den 1970ern Jahren in exorbitante und von der Klassik beeinflusste Richtungen zu verschieben, im Endeffekt auslösen würden. Gleichzeitig ist es ein Musterbeispiel, wie innovative, grenzensprengende und äusserst kreative Herangehensweisen an die Musik äusserst schnell auf die am leichtesten zu identifizierenden Merkmale reduziert werden, ob beabsichtigt oder nicht. So wurde der höchst ausgeklügelte, von der Romantik, der Erkundung unbekannter Herangehensweisen und Polyrhythmik beeinflusste Progressive Rock der 70er Jahre schnell auf den Aspekt, möglichst technisch zu spielen, reduziert. Ähnlich erging es ebenjener Musik, die eingangs erwähnte Bands im Sinn hatten. Noch ohne jegliches Label oder Nametagging – der Terminus Post Rock etablierte sich erst nach den ersten Klassikern – strebten diese Bands nach einer weiteren Grenzverschiebung im Dunstkreis des Shoegaze und Indie Rock. Das Ziel, die Stille und die einzelne Note als möglichst effizientes, mitreissendes Stilmittel zu etablieren und der gleichzeitige Rückgriff auf Musikstile wie Ambient, Krautrock oder Field Recordings wurde von vielen Nachzüglern schnell auf die Grundelemente der verträumten, beziehungsweise weitläufigen, Gitarrenriffs und den berühmt – berüchtigten Crescendos reduziert. Die Folge ist vielen Genrefans nur zu gut bekannt und besteht in einer kaum mehr übersehbaren Masse an äusserst ähnlich und vorhersehbar agierenden Bands.

Doch genau hier kommen die Amerikaner von If These Trees Could Talk ins Spiel. Gegründet wurde die Band bereits im Jahre 2000, also noch bevor die Musikrichtung ihre inflationären Tendenzen entdeckt hatte. Nachdem das 2006 in Eigenregie veröffentlichte Debut bereits einige Qualitäten – die jedoch nicht gross von den eingangs erwähnten stilistischen Grenzen abwichen – aufzeigte, entstand um das 2009 erschienene Zweitwerk „Above the Earth, Below the Sky“ doch ein kleiner, aber feiner Hype innerhalb der damals doch rasant wachsenden Szene. Nun endlich, sechs Jahre nach dem mittlerweile vergriffenen Originalrelease, erbarmt sich Metal Blade Records also den Nachzüglern (mich eingeschlossen) und hat das Album mitsamt Nachfolger neu aufgelegt. Und vor allem der Zweitling zeigt, dass If These Trees Could Talk zwar genau in das Schema der genannten „Kopistenbands“ passt, gleichzeitig aber offenbart, wie anmutig, grossartig und mitreissend man diese Musik präsentieren kann, selbst wenn man auf Experimente und grenzensprengende Stilmittel verzichtet und sich mit Herz und Verstand vollständig der Essenz verschreibt.

„From Roots to Needles“ eröffnet das Album mit dröhnendem Unterton und luftigen Pianoakkorden, die den Hörer bereits aber der ersten Sekunde träumen lassen, bevor dann das erste, zurückhaltende Gitarrenriff einsetzt, welches dann unter pulsierenden Drums in das erste Crescendo übergeht. Bereits hier lässt sich feststellen, dass If These Trees Could Talk das Post Rock Schema perfekt verinnerlicht hat. Dennoch vermögen sie bereits in den ersten Minuten des Openers den Hörer gefangen zu nehmen, man wird von der Musik eingesogen, abgehoben und schwebt mit der Band in unbekannte Sphären. Nachdem das Crescendo verebbt ist geht es auf repetitiv-oszillierenden Bahnen weiter, bevor gegen Mitte des Songs das exakte Crescendo nochmals eingesetzt wird. Gegen Ende des Openers zeigen die Amerikaner dann, dass sie auch andere Töne anschlagen können und konfrontieren den bis dahin umschmeichelten und sanft entschwebenden Hörer mit drückenden, fast schon Sludge Metal mässigen Riffs, die dann aber genauso plötzlich und perfekt eingefädelt wieder in den Weiten der Atmosphäre entwirrt werden und sich in fliessenden und tragenden Klängen auflösen, die dann den Song an sein Ende geleiten. So streifen die Amerikaner auf ihrem Zweitling beinahe alle Klischees und Baukastenteile des Post Rock und verpacken sie perfekt in handliche, mitreissende Songs. So besticht „What’s in the Ground Belongs to You“ durch seine vertrackte, leicht technische Grundnote, die sich dann nach und nach in langgezogenen, verträumten Akkorden verliert, bevor dann wieder krachenden Riffs den Hörer unter sich begraben und endgültig zeigen, wieso diese Band auch bei Fans von Post Metal und Sludge schnell Anklang gefunden hat. Der Doppelschlag „Above the Earth“ und „Below the Sky“ hingegen deckt die ganze Bandbreite dieser Band ab und lässt den Hörer vom Boden hin bis zu den höchsten Sphären der Atmosphäre schweben und beschert dabei purste Glücksgefühle, die durch die wunderbare, repetitiv entflochtene Riffs immer weiter den Hörer umspannen.

So ist „Above the Earth, Below the Sky“ im Grund ein Album, auf das der Terminus Post Rock so zutrifft wie die sprichwörtliche Faust aufs Auge. Dass dies auch für gestandene Genrefans noch lange kein Grund Reissaus zu nehmen ist, wird durch die bestechende Hingabe, die If These Trees Could Talk in ihre Musik einfliessen lassen und die perfekte Umsetzung der, zugegebenermassen kaum innovativen, Stilelemente belegt. Zudem erschaffen die Amerikaner auf ihrem Zweitwerk eine Atmosphäre, die den Hörer von der ersten Sekunde an gefangen nimmt und nicht wieder loslässt. Es ist erstaunlich und mitreissend, wie hier mit den grundlegendsten Stilmittel eine beinahe perfekte Atmosphäre erschaffen wird, die von elegisch-schwärmender Melancholie und raumgreifenden, beinahe überschwänglichen Momenten den Euphorie geprägt ist. „Above the Earth, Below the Sky“ ist ein Album, das dem Hörer erlaubt die Augen zu schliessen und sich bereits vom ersten Hördurchlauf weg in die grenzenlosen Weiten der Stratosphäre tragen zu lassen, weit weg von den Gedanken, ob das Album nun anspruchsvoll, innovativ oder grenzensprengend ist. Alles, was man für den Genuss dieses Albums braucht sind knappe 47 Minuten und am besten ein klarer Himmel und schnell sieht man, wie wunderbar mitreissend und bewegend die Uneigenständigkeit von If These Trees Could Talk sein kann. Fallen- und wegtragen lassen ist das Motto, das die Musik dieses Albums auszustrahlen vermag und dafür gebührt den Amerikanern eindeutig Lob und Respekt, da sie es schaffen, Leben in vermeintlich leblose Setzkastenmusik zu hauchen.

Tiz [Tizian C.]

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