Die heutige Releaseflut – oder eine kurze Motivationsgeschichte

Eine der allerersten – und zugegebenermassen wahrscheinlich eine der überschätztesten – Fragen, die sich nach der Entscheidung, an einem solchen Projekt teilzunehmen, stellt, ist diejenige nach dem Thema des ersten zu verfassenden Beitrages. Eine Übersicht über den persönlichen Geschmack artet viel zu schnell in arges Runterleiern einer Liste aus, die Beschreibung des „musikalischen Werdeganges“ kann sich schnell im Detail zu verlieren, während ein beliebiges Album zu banal und ein Lieblingsalbum zu speziell erscheinen.

Persönlich hat sich für mich die Frage eigentlich schon mit der Entscheidung, an diesem Projekt teilzunehmen, beantwortet, als ich auf dem endlosen Musikkosmos von „Rate Your Music“ wieder einmal die Rangliste des aktuellen Jahres betrachtet habe. Es gibt wohl wenige bessere Möglichkeiten, aufzuzeigen, in was für einer beinahe überproduktiven und von Releases nur so überquellenden Zeit wir im Moment leben. Das Internet als für beinahe jedermann zugängliche Verbreitungsquelle sowie billigere und einfachere Aufnahmemöglichkeiten machen es heutzutage so einfach wie nie, persönliche musikalische Vorstellungen zum Leben zu erwecken.

Die ist natürlich Fluch und Segen zugleich: während die Anzahl potentieller Kandidaten, die auf den persönlichen Geschmack zugeschnitten sind, beinahe exponentiell wächst, tut dies die Anzahl an Releases, die man hören und verinnerlichen möchte, ebenso. Und dann gibt es ja natürlich noch die ausgezeichnete Möglichkeit, nach „verpassten“ Erscheinungen vergangener Tage zu stöbern und jeden noch so gut versteckten Schatz ans Tageslicht zu fördern. Je grösser der eigene musikalische Horizont – und ich würde meinen als relativ weitumspannend beschreiben -, desto unerschöpflicher werden diese „Quellen“. Kann man es verdenken, wenn sich jemand in Anbetracht dieser Umstände, entschliesst, sich nur noch auf Altbekanntes zu konzentrieren?

Ohne jemandem obenstehende Einstellung absprechen oder dessen Musikbegeisterung in Frage zu stellen, muss ich doch sagen, dass ich ebendiese Einstellung ein bisschen schade finde. Denn sie geht oft mit der Meinung einher, dass heutzutage nichts hochwertiges, das sich zu hören lohne, veröffentlicht werde. Und eben genau dies kann ein Blick auf die angesprochene Jahresliste – zumindest auf diejenige des laufenden Jahres – auf „Rate Your Music“ doch sehr gut widerlegen. Dort häufen sich die obenausschlagenden Releases im Moment enorm und machen auch vor der magischen Grenze von 4 aus 5 möglichen Punkten nicht halt.

Ebendies bestätigt mich in meiner alltäglichen Suche nach neuen, aufregenden und ungehörten Schätzen, welche die Musikindustrie hervorgebracht hat und noch hervorbringen wird. Denn auch wenn es immer mehr Releases sind, durch die man sich hören „muss“ und die man entdecken kann, so beinhaltet doch (fast) jeder Release eine eigene Seele, geprägt durch die Persönlichkeit der dahinterstehenden Musiker. So finde ich immer mehr und mehr Alben, die mich auf die eine oder andere Art mitzureissen und zu faszinieren vermögen und sich zu den „alteingesessenen“ Favoriten, die immer wieder den Weg in die Playlist finden, gesellen. Und ebendiese immer wiederkehrende und immer neu entfachte Begeisterung, die mich jedes Mal aufs Neue unzählige Listen, Bandcampseiten und Youtubevideos nach noch unbekannten und ungehörten Bands durchforschen und deren Releases verfolgen lässt, ist es, die mich dazu bewogen hat, hier mitzumachen und zu versuchen, die Begeisterung und Hingabe an vereinzelte solcher Alben und Künstler mit ein paar Lesern zu teilen und der persönlichen Begeisterung ein kleines Sprachrohr zu geben. Und somit gehe ich nun mal meine endlose Liste an Lesezeichen der Marke „noch reinhören“ abklappern und verspreche, im nächsten Beitrag auch mal über Musik an sich zu schreiben.

Tiz [Tizian C.]

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