Spaß haben unerwünscht: Vomirs Welt der Harsh Noise Walls

Vomir @L’Embobineuse, Marseille (20.12.2013)*

Als ich vor Jahren zum ersten Mal vom Konzept des Noise gehört habe, war mir von vornherein klar, dass das das dümmste Genre überhaupt sein muss. Komischerweise ging es bei mir relativ schnell, dass ich aufhörte mich insgeheim über die Fanbase lustig zu machen und gewöhnte mich mit der Zeit an die kakophonischen Klanggebilde, mit denen die verschiedensten Vertreter hantierten. Dass ich nicht als Einziger diesem Pfad gefolgt bin, zeigt die übermäßige Popularität von Prurient, Merzbow oder auch Pharmakon, die mit ihrer Interpretation von Noise eine gewisse Akzeptanz in der Musikwelt erlangt haben. Dass jene Interpreten nur die Spitze des Eisberges darstellen dürfte jedem klar sein und deshalb wird es mir diesmal um eine der verruchteren Spielarten des Noise gehen, der Harsh Noise Wall.

Harsh Noise Wall (kurz: HNW) bezeichnet eine Variante des Harsh Noise, die mit relativ wenig Dynamik einhergeht und in ihrer Fülle eine wall-of-sound darstellt, die mit zahlreichen Texturen angereichert ist. Das Konzept ist eigentlich nichts Neues, so können solche Konstrukte bereits in diversen Veröffentlichungen von vor 20 Jahren wiedergefunden werden. Doch führt man die heutige Bewegung (ca. ab 2000) auf Künstler wie Sam McKinlay (The Rita), Phil Blankenship (The Cherry Point) und Richard Ramirez (Werewolf Jerusalem) zurück, die gezielt mit Wallnoise experimentiert und dabei auch die Maßstäbe in dem Bereich gesetzt haben.
Erst Jahre später sollte der Franzose Romain Perrot über die amerikanische Front der HNW stolpern und sich überrascht darüber zeigen, dass er mit seinem Noise als Vomir in eine ähnliche Richtung hinarbeitete. 2006 durfte er seine erste Wallnoise-CDr über McKinlays Label veröffentlichen. Während die Grenzen zwischen HNW und Harsh Noise bisher stets fließend waren, distanzierte sich Vomir mit seinem Wallnoise relativ klar vom üblichen Noise.

Perrot schrieb auch ein Manifesto, fasste jenes aber lediglich als Richtlinie an sich selbst auf. Trotz des (pseudo-)intellektuellen Untertons wird relativ schnell deutlich, dass Vomir gezielt mit dem Gedanken der Anti-Musik spielt und auch mehrere Male darauf verweist, dass es ihm u.a. um die Abgrenzung seiner Selbst, der Abkehr von Bedeutung an sich und dem Verlust von Zeit und Kontext geht. Sein Mantra, welches er gerne in Interviews anbringt, gibt dann auch einen genaueren Einblick in seine Herangehensweise beim Konstruieren: „no ideas, no change, no dynamics, no development“.

Man mag von diesen Ideen halten was man will, doch ist es, wie bei jeder Art von Musik, kein Problem das Kunstwerk als solches zu bewundern, ohne wirklich den philosophischen Hintergrund zu verinnerlichen; aber es kann durchaus beim Verstehen helfen. Vomirs Releases weisen zum Beispiel oft verschiedenste Artworks auf, doch stellen diese nie eine direkte Verbindung zu den Aufnahmen dar und werden stets von den jeweiligen Labels erstellt; Perrots Philosophie der ideenlosen Wand sollte klar machen, wieso er nicht an Covern interessiert ist. Titel können die Tracks besitzen, aber auch das ist kein Zwang, da es immer nur um die HNW selbst geht. Man soll nichts aus der Wall mitnehmen, es gibt keine Message und keine Art des Hörens, die empfohlen wird.
Gerade dieses Fehlen an Inhalten, sei es in Musik oder Konzept, bringt den Hörer dazu, sich mit dem auseinanderzusetzen, was dann noch übrig bleibt: Die Wall und man selbst. So beschreibt Justin K. Broadrick (Godflesh, Jesu, u.v.m.) in einem TheQuietus-Interview, was er z.B. aus dem Mikrokosmos von Vomir für sich mitnehmen kann, nicht ohne den Hinweis, dass es nicht für Jedermann ist. Die Frage des Warums lässt sich mit dem wohl auch markantesten Detail seiner Walls, die nur die logische Konsequenz Perrots formulierter Absichten darstellt, erklären: die totale Regungslosigkeit in der die Geräuschkulisse auf den Hörer trifft. Auch wenn Vorreiter wie The Rita ihre Tracks mit wesentlich mehr Bewegung und Abwechslung gestalten, ist Vomir in seinem Tun radikaler und lässt in der Tat keine Änderung im Sound zu, weshalb er nicht grundlos zu den sperrigsten Vertretern des Subgenres gehört. Wer will schon (manchmal mehrstündige) Cuts aus Harsh Noise hören, die wie tatsächliche Wände im Raum stehen und zu keiner Zeit in Form, Lautstärke oder Frequenz variieren.

Den genauen Reiz davon zu Beschreiben fällt selbst mir als Fan von Vomir schwer, weshalb es mir auch nicht weiter ein Anliegen ist, euch jenen näher zu bringen. Nur darf man an dieser Stelle nicht unerwähnt lassen, dass die dahinterstehende Attitüde nicht ohne einen Augenzwinkern erschaffen wurde, was man allein am Namen des Projekts erkennen kann („vomir“, französisch für „sich erbrechen“). Ohne eine gewisse Eigeninitiative sich in dem Sound verlieren zu wollen, oder ihn sich sonstwie zunutze zu machen, wird man in der Galerie der Musikwelt weiterhin an den leeren Wänden vorbeilaufen und erst stehen bleiben, sobald man wieder vor einem Bild steht. Doch sollte einem jetzt wenigstens im Gedächtnis bleiben, dass man manchmal auch die Freiflächen bewundern darf.

Zu guter Letzt sollten Vomirs Live-Performances erwähnt werden, die, wie das obige Foto vermuten lassen, absonderlich aussehen. Es ist zu einer Tradition geworden, dass man sich als Zuschauer eine dünne, schwarze Plastiktüte, die man ausgehändigt bekommt, über den Kopf stülpen kann. Angeblich um die Immersion zu erhöhen und sich mit deutlich höherer Aufmerksamkeit der HNW widmen zu können. Das Ganze ist natürlich freiwillig, doch macht es Vomir immer wieder aufs Neue selbst vor, in dem er die Gigs ohne Bewegung stehend, sitzend oder liegend verbringt und damit zwangsweise die Integrität seiner Walls wahrt. Ein Besuch seiner Konzerte, welche relativ selten statt finden, sind daher vielleicht auch für HNW-Skeptiker ein Erlebnis wert. 😉

Hati [Daud B.]

*Quelle: https://www.facebook.com/roroperrot, Foto: Pierre Gondard
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