Jerusalem In My Heart – Mo7it Al-Mo7it

Als Musikhörer und -liebhaber ist man im Normalfall immer auch auf der Suche nach dem Andersartigen und Neuen – und wenn man es nicht ist, sollte man es vielleicht sein. Jedenfalls ist das Interesse am bisher Unbekannten, völlig fremden Klangwelten und Stilen für mich immer ein großer Teil der Faszination Musik gewesen. Da liegt es sicherlich nahe, auch einmal nachzuforschen, welche Arten von Musik denn so in anderen Kulturkreisen existieren und praktiziert werden, da man dort naturgemäß eine höchstmögliche Authentizität in der Andersartigkeit erwarten kann. Leider gibt der eine oder andere bei derartigen Forschungsausflügen schnell auf, da die Strukturen in solchen Szenen oft in keiner Weise den von uns gewohnten Abläufen in der westlichen Musikszene und -kultur entsprechen. Glücklicherweise gibt es jedoch immer wieder Verbindungsglieder, die an der Schnittstelle zwischen authentischer Musik anderer, nicht-westlicher Kulturen und den üblichen Gepflogenheiten hinsichtlich Veröffentlichungs-, Promotions- und im Allgemeinen Darstellungsmechanismen in der uns (manch einer würde sagen: leider einzigen) vertrauten Musikkultur liegen. Sie können es dem faulen Hörer unter Umständen etwas einfacher machen, sich mit fremdkulturellen musikalischen Errungenschaften auseinanderzusetzen, auch wenn dieser dabei sicherlich Gefahr läuft, den eigentlichen Kern aufgrund der touristischen Brille nicht so recht ausmachen zu können.R-4463297-1365580101-4515.jpeg

Um eines dieser Verbindungsglieder – das möchte ich jetzt einfach mal behaupten – handelt es sich auch beim Debüt der kanadischen Gruppe Jerusalem In My Heart. Kanadisch ist dabei allerdings schon arg verallgemeinert, da es sich bei der Formation eigentlich um ein internationales Dreigespann handelt. Radwan Ghazi Moumneh, ein im Oman aufgewachsener Libanese, der 1993 nach Kanada kam, ist der Kopf des Projekts. Bisher vor allem als Produzent in Erscheinung getreten, könnte der eine oder andere ihn auch aus ein paar Crust-Punk-Kombos kennen (z.B. Cursed). Komplettiert wird das Trio durch die chilenische Regisseurin Malena Szlam und den französischen Produzenten Jérémie Regnier.
Den Einfluss des arabischen Kulturraums hört man der Musik schon in den ersten Sekunden an und so ist es auch diese ganz eigene Art des Gesangs, der Instrumentierung und Melodieführung, die das Werk stetig umgibt und den Hörer in eine sonderbare, völlig einzigartige Atmosphäre einhüllt. Allerdings wäre es vermessen, diesen eindrucksvollen Effekt des Albums allein aus dem kulturellen Kontext herzuleiten. Vielmehr stellen Jerusalem In My Heart bzw. Moumneh über den Verlauf des Albums mehrfach unter Beweis, dass es sich bei ihnen um sehr begabte Musiker und großartige Produzenten handelt, die es vor allem auch unabhängig vom offensichtlichen Einfluss der arabischen Musik bewerkstelligen, ganz eigene Klangwelten und kreative Musik, wie sie im Buche steht (auch wenn sich das irgendwie ausschließt), zu entwerfen. So ist es gerade diese seltsame, jedoch unglaublich nahtlos gelungene Symbiose aus traditioneller arabischer Volksmusik, den eindrücklichen stimmlichen Darbietungen und den wabernden elektronischen Effekten und Drones, die den Hörer letztlich für sich gewinnt und ihm eine völlig eigene, tiefe und mit den unterschiedlichsten Farben gestaltete Welt vor Augen führt.
Mal reißt die volle und gleichzeitig schneidende Stimme Moumnehs den Hörer in einem Moment aus der Unaufmerksamkeit, so z.B. mit dem Beginn des großartigen Openers, der nahezu vollständig von den Vocals getragen wird, und mal sind es dann weibliche, ätherisch anmutende Gesänge, die bspw. in „Yudaghdegh el-ra3ey walal-ghanam“ eine geradezu hypnotische Wirkung entfalten. Hierbei wird stets auf Abwechslung geachtet – kein Song klingt genau wie ein anderer, aber alle sind sie durch diese merkwürdige, schwer zu beschreibende Stimmung verbunden. Neben den bereits genannten Songs gibt es immer wieder auch Passagen (hauptsächlich in den akustischen Folk-Parts), die fast improvisiert klingen (z.B. in „3andalib al-furat“ und „Dam3et el-3ein 3“) und die dadurch ihren ganz eigenen Charme gewinnen.
Auch eine Art Stimmungswechsel hält das Album bereit: nachdem die ersten fünf Songs vor allem durch Drone, elektronische und repetitive Effekte sowie die bereits besprochenen Vocals dominiert werden und sie deshalb einigermaßen ruhig und verhältnismäßig wenig Melodie-lastig klingen, weisen die beiden letzten Songs, auch dank des Einsatzes weiterer traditioneller arabischer Seiteninstrumente, eine wirklich treibende Note auf, die die weiter vorhandenen Elemente aus den anderen Songs perfekt ergänzt. Dass das Album einige wunderschöne Momente bereithält, ist zweifelsohne der visionären Schaffenskraft Moumnehs, sowohl als Song“schreiber“ wie auch als Produzent, zu verdanken. Dass die ihnen innewohnende Schönheit nicht zuletzt auch durch all die fremdartig klingenden Elemente, sei es die Instrumentierung oder auch die für deutsche Ohren eigentümliche arabische Phonetik, mit gestaltet und verändert wird, ist dann aber genau das glückliche Zusammentreffen eines großartigen Albums, nach dem der Musiktourist so eifrig sucht, wenngleich man sich als einigermaßen an experimenteller Musik interessierter Mensch ohnehin schnell in den Klanglandschaften von Jerusalem In My Heart zurechtfinden sollte.

Die lyrische Botschaft, das trifft vermutlich auf die allermeisten Hörer zu, bleibt dabei zwangsweise etwas auf der Strecke, was bei derartig intuitiv anmutender Musik zwar leicht zu verschmerzen ist, letztendlich aber nicht darüber hinwegtäuschen kann, dass einem wohl doch nur die Rolle des interessierten, aber wehmütigen Beobachters vergönnt ist, zumal der textliche Aspekt (sowie der visuelle – es ist ja nicht umsonst eine Regisseurin mit von der Partie) bei Jerusalem In My Heart, das lässt sich den Interviews entnehmen, eine doch nicht zu unterschätzende Rolle spielt. So nimmt es auch kaum wunder, dass sowohl der Titel des Projekts (ein Album der libanesischen Sängerin Fairuz) als auch der des Albums (zu deutsch: „Ozean des Ozeans“), der von einer aus dem 19. Jahrhundert stammenden Enzyklopädie geborgt wurde, auf den kulturellen Kontext Bezug nehmen. Sogar die zunächst verwirrende Schreibweise der Titel, die Ziffern symbolisieren die im englischen nicht vorhandenen Laute – ein Verfahren, das bei modernen Kommunikationsmitteln im arabischen Raum anscheinend üblich ist, wenn nur das lateinische Alphabet zur Verfügung steht, verdeutlicht noch einmal den interkulturellen Charakter des Werks, obgleich eindeutig bleibt, welche Luft die Seele der Musik atmet.

„Mo7it Al-Mo7it“ ist nicht unbedingt ein Meisterwerk, aber es ist ein großartiges Album, das in allen Aspekten absolut erwachsen und darüberhinaus hingebungsvoll ausgearbeitet ist. Dass man beim Versuch, vollständig authentische Musik aus anderen Kulturen finden zu wollen, die gleichzeitig den hiesigen Darstellungsnormen entspricht, letztlich einer Illusion unterliegt, kann auch Jerusalem In My Heart nicht widerlegen. Ob das Refugium der altbekannten Mechanismen der eigenen Kultur dabei nicht komplett zurückgelassen werden sollte, sei dahingestellt – für diesen Interpreten ist die Frage ohnehin unerheblich. Allerdings ist dieses Debüt genau jenes Album, bei dem der unablässig Suchende interessiert und erstaunt Halt machen und sich im besten Fall darin verlieren wird. Und das ist schließlich das, was zählen sollte. Hervorragende und instinktive Musik.

https://soundcloud.com/constellation-re … -al-khimar
https://soundcloud.com/constellation-records/amanem
Levskin [Leonard R.]

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