Biosphere – Microgravity (2015 Reissue)

Geir Jenssen ist ein vielbeschäftigter Mann. In der kleinen Universitätsstadt Tromsø geboren, müssen die ausgedehnten Gletscherflächen und Fjorde, sowie die glasklaren Polarnächte im Norden Norwegens schon früh seine Sinne und Weltsicht geprägt haben. Das lässt sich sowohl in seiner Faszination fürs Bergsteigen erkennen, als auch in seinen schwerelosen Soundkonstruktionen, die seit nun mehr als 25 Jahren mit Bezeichnungen wie „Arctic Ambient“ geschmückt werden. Zwar ist gerade anhand seiner Frühwerke schnell zu hören, woher diese pleonastische Umschreibung rührt, doch Jenssens Schaffen bietet insgesamt mehr als weitläufige Produktionen zum Runterkommen – wesentlich mehr.

Das Debüt seines Pseudonyms Biosphere erschien bereits 1991 – im gleichen Jahr also, in dem Aphex Twin seine erste 12-inch „Analogue Bubblebath“ veröffentlichte und das aus Rochdale stammende IDM-Duo Autechre mit der „Cavity Job“ EP Aufmerksamkeit in Englands Underground erregte. Während auf der Insel dabei der Einfluss des ebenfalls Anfang der 90er entstehenden Jungle-Sounds dominierte – synkopierte Rhythmen, tiefer Bass, prägnant und refrainartig wiederholte Sprachsamples -, verfolgte Biosphere als eines der ganz wenigen Projekte in dieser Frühphase der Ausdifferenzierung moderner elektronischer Musik einen eher konträren Ansatz. Der hedonistisch durchtränkte Techno früher Morgenstunden wurde hier mit geisterhaften Samples von Funksprüchen und digitalen Computersystemen angereichert. Aufmerksamkeit galt weniger tanzbaren Qualitäten, als viel mehr astral konzipierten Klangtopographien voller Naturgeräuschen, hypnotischen Melodien und sanften Rhythmussektionen, in denen sich der konzentrierte Hörer wie in einem Werk Kurt Vonneguts verlieren konnte. Zurecht von Nettwerk Records als vollkommen untauglich für den damaligen Musikmarkt bezeichnet, hatte es Jenssen zu Beginn schwer seine Vision eines futuristischen Kopfkinos über ein Label einer größeren Hörerschaft näher zu bringen – bis sich seiner die Damen und Herren von Origo Sound annahmen und mit „Microgravity“ aus gegenwärtiger Sicht das erste Ambient Techno Album der Musikgeschichte veröffentlichten. Noch heute zählen selbst Größen der elektronischen Musik wie The Orb oder The Future Sound Of London diese rund 47 Minuten zu ihren prägenden Einflüssen, insbesondere wenn es um den Einsatz all jener Klänge geht, die in jüngster Zeit immer häufiger unter dem Begriff Field Recordings subsumiert werden. Laut eigener Aussage entstehen viele von Jenssens Stücken sogar aus genau diesen Aufnahmen von Flugzeugen, Wasserfällen, Stadtgeräuschen oder auch Filmzitaten. Dabei ist der Norweger immer auf der Suche nach dem einen organischen Sound, nach der speziellen Klangfarbe, die er einschließen und in seinen Tonlaboren unter strenger Aufsicht züchten und modifizieren kann. So verwundert es kaum, wenn er in einem Interview 2011 anlässlich seines damals erschienenen Albums „N-Plants“ noch betonte, dass ihm Improvisation ein Gräuel sei und dazu prompt eine Aussage Ingmar Bergmans referenzierte, der das wohl ganz ähnlich sah.

Auf „Microgravity“ wird diese Abneigung gegenüber improvisierten Strukturen in jedem Stück deutlich und ist dank einer von Jenssen Ende 2014 initiierten Kickstarter-Kampagne nun im Juni 2015 auch in einer Vinyl-Version zu hören, die zudem ganze sieben Bonusstücke beinhaltet. Dabei handelt es sich um rund eine halbe Stunde Material, das teilweise aus unveröffentlichten B-Seiten von damals besteht, teilweise aber auch von Jenssen im Laufe der Jahre neu konfiguriert wurde.
Erstaunlicherweise sind zwischen dem eigentlichen Album und den neuen Stücken in keinster Weise Unterschiede hinsichtlich Texturen oder Produktion zu erkennen – ein Umstand, der einmal mehr belegt, wie weit „Microgravity“ seiner Zeit voraus war. Doch auch die neun Stücke des Kernalbums sind überarbeitet und zeitgemäß produziert worden. So klingen die an eine Mischung aus Alphörnern und Walgesängen gemahnenden Rufe zu Beginn von „Cloudwalker II“ nun weiter, dunkler und tiefer, während das Raunen mehrerer Turbinen eine im Fiebertraum wankende Synthiemelodie einläutet und in Panoramen verwesender Metropolregionen mündet – ein Sound, wie aus dem kommenden Final Fantasy VII Remake. Spätestens hier wird deutlich, dass sich dieses Album nicht mit unserem Aufbruch in den Kosmos beschäftigt, sondern mit dem, was wir zurücklassen werden. „Baby Interphase“ zeichnet jene Reste der menschlichen Geschichte ähnlich wie das neue „Ectozone“ als urbanen Pfeifentraum mit fatalistischem Groove und finalen Radiobotschaften: „Straight ahead. Ready to go“. Währenddessen klingt „Dewy Fields“ mit seinen säuselnden Trompeten als richte es sich direkt an die kommenden Generationen wagemutiger Sternenfahrer, in euphorischer Verheißung neuer Horizonte und Erfahrungen. Unklar bleibt daher auch bis zum Schluss, in welcher Stimmung dieses Album eigentlich genossen werden kann. So vielgestaltig hier Aspekte aus Ambient Techno, Drone und Field Recordings vermengt wurden, so ambivalent sind auch die Atmosphären, in denen sich der Hörer mit jedem neuen Stück verirrt. Das Kernalbum von 1991 schließt mit dem Titeltrack „Biosphere“, dessen immer wieder leise aufheulende Melodieverläufe gleich Äonen alter Notrufsignale im Schädel des Hörers kreisen und eine seltsame Ahnung von imminenter Gefahr aussenden. Jenssen selbst würde wohl in seiner gewohnt lakonischen Art jedem Hörer empfehlen, die Musik selbst über die eigene Stimmung entscheiden, ja sich regelrecht entführen zu lassen – und in der Tat: „Microgravity“ ist kein Album für den Hintergrund, keines für die Verstärkung von Gefühlslagen. Es entwirft eigene Szenarien, die erst introspektiv in völliger Dunkelheit auf einem neutralen, visuellen Medium beobachtet werden können.

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