ASC – Imagine The Future

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Bereits seit nunmehr 16 Jahren gehört der britische Produzent James Clements zum festen Kern der westeuropäischen Drum’n’Bass-Landschaft – Bekanntheit erlangte er in dieser Zeit jedoch nur unter Szenekennern, Amateur-DJs sowie regelmäßigen Lesern von FACT, Futureproofing oder dem Resident Advisor-Blog. Gute Gründe für diesen Mangel an Popularität finden sich vor allem in den frühen Phasen seines Schaffens. Schon die ersten beiden Alben „Environments“ (2003) und „Open Spaces“ (2004) schmückten sich mit durchaus solide produzierten, oft gediegen harmonischen Zusammenstellungen stimmiger Samples und einladender Melodien – eine Tonalität, die zum damaligen Zeitpunkt schlicht und ergreifend nicht gefragt war.

Verschiedene Spielweisen von Trommeln und Bässen brachten sich in diesen Jahren gegenseitig bei, noch dunkler, noch knarzender, noch dröhnender zu klingen, die Klimax noch weiter hinauszuzögern, den Drop mit einem immer größeren Knall einzuleiten. Maximalismus war das Gebot der Stunde, das in der Konsequenz solch glühend heiße Neurofunkbrocken wie Black Sun Empires „Driving Insane“ (2004) oder das kriminell unterbewertete „Warlords Rising“ (2005) des norwegischen Duos Future Prophecies hervorbachte, die sich daraufhin zu Klassikern des Genres entwickeln sollten. Für das sommerliche Getrommel und Gebummse jüngster Zeit, das wir in mundgerechten Häppchen bereits in Werbespots und auf den Laufstegen dieser Welt vorgesetzt bekommen, war damals kaum ein Raverherz zu erwärmen. Für Clements, der zu diesem Zeitpunkt mit dem reichlich konturlosen Pseudonym ASC ungefähr so auffällig war, wie Butter auf Brot, bedeutete dies wiederum erst einmal Pause – über fünf Jahre produzierte er lediglich Singles und Beiträge diverser Kompilationen, die von einer ähnlich zurückhaltenden Prägnanz waren.

Als 2009 „The Astral Traveller“ erschien, waren bereits zahlreiche Fortschritte in puncto Texturen und Sampling hörbar, obwohl es sich immer noch um stinknormalen Drum’n’Bass handelte. An einem solchen Punkt musste jede weitere Auseinandersetzung mit der Diskographie dieses Produzenten als blanke Zumutung verstanden werden. Doch rund ein Jahr später veröffentlichte das Label NonPlus+, auf dem u.a. auch schon Actress und Skream vertreten sind, das zwischen IDM, Ambient, Techno und minimalistischen Drumsamples mäandernde „Nothing Is Certain“. Experimentelle 170bpm-Strukturen verdrängten Amen Breaks und einfallslos emporschraubende Beatverläufe, während Einflüsse aus anderen Spielarten taktorientierter Electronica in einer unerwarteten Verfeinerung des Klangbildes resultierten – eine Emanzipation von jeglicher Erwartungshaltung, die an Clements gestellt werden konnte. Auf den darauf folgenden Alben konstatierte der Brite in mal mehr, mal weniger eindrucksvollem Umfang, dass seine Aufmerksamkeit nunmehr gedehnten Ambientflächen gilt – sorgsam produziert, zurückhaltend, ja fast schon vorsichtig von tellurischen („The Light That Burns Twice As Bright „) und lunaren („Time Heals All“) Samples durchzogen. Hier deutete sich ein Stil an, der gegenwärtig in ähnlich astraler Form lediglich von einem gewissen Dan Richmond, besser bekannt als Clubroot, verfolgt wird – abermals einem Briten, welcher mit seinem Debüt im Jahr 2009 das Dubstep-Genre eindrucksvoll aus dem Muff dilettantischer Sorglosigkeit zur Kunstform erhob.

Im Jahr 2015 schickt sich ASC nun an, diesen Stunt zu wiederholen und präsentierte am 8. Juni ohne große Ankündigungen sein mittlerweile elftes Album mit dem ominösen Titel „Imagine The Future“, dessen Cover entweder die abstrakte Elektronik der Innereien eines Sternenkreuzers zeigt, oder letzte Ausblicke der Voyager-Sonden auf unser hinfortgleitendes Sonnensystem nahelegt. Zentrales Motiv ist das ummantelnde, gleichsam wärmende Gefühl der Verlorenheit, das beim Eintauchen in stockfinsteres Tannicht ebenso wahrnehmbar wird, wie beim Blick in den Nachthimmel.

Keine 60 Sekunden vergehen und das wie eine Ouvertüre konzipierte „Sunspots“ mit seinen drei Events erweckt Bilder von sich intensivierenden Solarflares, die aus exzentrischen Fernen besorgt beobachtet werden. Sobald der tief raunende Bass mit seinem nahezu glottalen Timbre einsetzt, wird eine beunruhigende Räumlichkeit spürbar, die fortan das gesamte Album durchzieht. „Bell Curve“ klingt dann auch sogleich wie die nahtlose Fortsetzung des Intros und stellt eines von zwei eher orthodox produzierten Stücken dieses Albums dar. Tribal agierende Schlagwerkzeuge und dumpf verzerrte Vokalsamples erinnern an frühe Großtaten von Bong-Ra, subtrahiert mit einigen Dutzend bpm – Bullet Time Jungle, der mehr groovt als pumpt. „Dark Matter“ entwickelt diesen Sound in einem nahezu perfekten Übergang schleppend, rauchspeiend fort. Jede Tonhöhe und -dauer, jede noch so kleine Hz-Modifikation ist punktgenau abgestimmt auf die Struktur dieses Stücks, das wie eine betrunkene und übermütige Version der Carbon Based Lifeforms klingt. „Response Code“ deutet sich als typisches Intro zu einer DnB-Konstruktion an, setzt aber im Gegensatz zu dieser auf unkonventionelle Entwicklungen in Tempo und Harmonien – kein Stakkato, keine kreischenden Synthies, stattdessen geisterhafte Melodieverläufe, die sich immer wieder in anderen ihrer Natur verlieren und erneut auftauchen. Durch das Klimpern einer kindlichen Schlafmelodie stößt daraufhin abrupt das Mantra von „Imagine The Future“, welches einen der großen Wirksprüche Arthur C. Clarkes atmosphärisch zu verdeutlichen scheint: „The future is made to be dangerous“. In diesen Kanon fügt sich dann auch das programmatische „Unfriendly Waters“ ein, dessen maschinelles Wummern von verzerrten Stockhieben auf Treppengeländern begleitet wird – ganz ähnlich wie „Bell Curve“. Präzise schneidet „Cosm“ durch dieses Schauspiel und evoziert Bilder dunkler Maschinenräume voller Dampf und Metall. Doch bevor sich mehrere Ebenen freifließender Rhythmussektionen hier endgültig etablieren können, tritt eine sphärische Stimme aus dem Hintergrund ins Licht der Melodie, umgeben von zischenden Geysiren defekter Kühlsysteme und dem Knarzen drehenden Vinyls. „Axis Shift“ lenkt die Stimmung großzügig wieder in Richtung planetarer Abläufe von titanischer Qualität – ein Stück, das hervorragend zu Vulkanausbrüchen oder Gewitterstürmen passt. Dagegen wirkt „Negative Space“ mit seinem treibenden Groove und den wie auf Gläsern gespielten Synthies fast schon tanzbar, erinnert aber gleichzeitig in puncto Tonalität äußerst positiv an die verträumte Unterwasseratmosphäre von „Dire Dire Docks“ aus dem Soundtrack zu Super Mario 64. Das darauf folgende „The Secret Society“ ist wahrscheinlich jenes Stück auf diesem Album, welches den Stil von Clubroot präzise und im wahrsten Sinne kongenial einfängt. Ein Bass der beinahe schon als Leitmelodie agiert, flötenartige Spielereien im Hintergrund, Kulissen von Urwäldern und leuchtenden Metropolen verschwimmen zum Kopfkino einer anderen Realität. Der vierte und finale Event der eingangs begonnenen „Sunspots“ markiert dann zusammen mit „Atmospheric Interference“ den Schlusspunkt eines Experiments, das in seiner gewagten Kreuzung von Teilelementen aus Drum’n’Bass, IDM, Dubstep und Space Ambient als Opus Magnum in der durchwachsenen Diskographie von ASC gelten muss – ein Album von kosmischen Ausmaßen.

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