Kinderohren und Musik

Die Kindheit ist eine Zeit im Leben, von der es zuweilen scheint, als hätte man sie mehr in der Retrospektive durchlebt als im tatsächlichen Augenblick ihres Bestehens. Zumindest kann man nicht bestreiten, dass das aktive Bewusstmachen der eigenen Umstände in der frühen Kindheit so gut wie nicht existent ist. Man erlebt die Welt in dieser Phase gewissermaßen im Rausch der Gefühle. Diese sind sicherlich nicht weniger intensiv als später im Erwachsenenleben, jedoch geht ihnen in den meisten Fällen eine gewisse Tiefe ab, die Gefühlen im Zustand des Erwachsenseins so eine bewusste Note verleiht. Vor diesem Hintergrund kann es eigentlich nur interessant und gewinnbringend sein, sich einmal mit der Frage zu beschäftigen, wie man in diesem ganz speziellen Alter der (hoffentlich glückseligen) traumweltlerischen Naivität Musik wahrnimmt. Da es – neben den anmaßenden allgemeinen Postulaten – vor allem interessant und sinnvoll erscheint, in dieser Hinsicht gerade persönliche Erfahrungen zu beleuchten, werde ich in diesem Text auch auf 1-2 konkrete musikalische Beispiele eingehen, die ich in diesem Teil meines Lebens kennengelernt habe.

Wenn man möchte, kann man den eigenen Charakter als Konglomerat verschiedener persönlichkeitsbildender Faktoren interpretieren und das Leben als Suche danach, welche Faktoren genau es sind, die am Ende das große ganze – die Identität – konstituieren. Folgte man diesem Identitätsverständnis, müsste man allerdings zu dem Schluss kommen, dass das Leben nicht mit der Geburt, sondern mit der ersten Orientierung bezüglich der eigenen Rolle und Position im Leben beginne. Freilich findet die Suche nach der eigenen Identität oder zumindest das Nachdenken darüber bei manchem nie überhaupt erst einen Anfang, jedoch ist es insbesondere die frühe Kindheit, in der eben dieses bewusste Suchen bei kaum jemandem vorhanden sein dürfte.
Das macht sie – die Kindheit – zu einem Zustand außerordentlicher Freiheit, wenn man so will. Bisher sind wir nur durch unsere Gene beeinflusst, die großen Verlockungen und Fingerzeige des Lebens warten erst noch. Manch einer mag nun lachen und sagen, dass es doch gerade unsere Gene sind, die in unermesslich größerem Maße unser Leben bestimmen, als das die äußeren Umstände jemals könnten.
Dennoch befinden wir uns als Kinder in einem Stadium später nie mehr erreichter Offenheit, d.h. wir sind bereit, jede erdenkliche Art von Geschehnis oder Reiz vorurteilsfrei in uns aufzusaugen und stehen daher auch allen kulturellen Errungenschaften, wenn natürlich auch oft mit Unverständnis, so doch mit optimistischem Interesse gegenüber.

Was hat das alles mit Musik zu tun? Nun, zwar sind wir im Kindesalter natürlicherweise nicht in der Lage, die Dimensionen von Kunst jeglicher Art tatsächlich zu erfassen und so bleiben uns nur ganz bestimmte Seiten derselben unverborgen, jedoch lässt sich wohl behaupten, dass es gerade die Musik, als intuitivste aller Kunstformen, ist, die sich auch im Kindesalter schon auf eine ganz selbstverständliche Art und Weise erschließt. Darüber hinaus ließe sich wohl andersherum ebenfalls argumentieren, dass unser Blick auf neue Musik umso getrübter und verfälschter wird, je mehr wir uns mit Musik beschäftigen, je mehr also auch unsere Wahrnehmung von Musik durch das Bild, das wir uns im Laufe unseres Lebens von ihr machen (egal, ob bewusst oder unbewusst), bestimmt wird.
Und in der Tat geht es den meisten Musikhörern so, dass sie sich meist im jugendlichen Alter in bestimmten Ansichten festgefahren sehen und mit dem Reifen der eigen Person immer mehr versuchen, aus diesen engen, selbst gesteckten Grenzen auszubrechen. Allerdings geht es mir nicht nur um diese bewusste, sogar absichtlich herbeigeführte offene Einstellung gegenüber verschiedenen Musikrichtungen, sondern es geht um die allgemeine, völlig unabhängig von persönlichen Vorlieben existierende, Prägung durch alle jemals erfahrenen Formen kulturellen, künstlerischen und in diesem Fall natürlich speziell musikalischen Schaffens, die man nicht einfach mal so willentlich ausblenden kann. Die Frage ist nämlich: was, wenn diese Prägung dann noch nicht vorhanden ist, sorgt im Kindesalter überhaupt dafür, dass wir Musik als angenehm oder unangenehm wahrnehmen? Tja, das ist wohl eine Frage, bei der es tiefgreifenderer Untersuchungen bedürfte als einem solchen Text, aber nichtsdestotrotz kann man wohl konstatieren, dass hier wieder unsere Gene eine entscheidende Rolle einnehmen.

Doch wie sieht es überhaupt mit konkreten Interpreten aus, die man in der Kindheit kennenlernt? Ist die Chance, sie später zu mögen, dadurch geringer oder größer? Ich persönlich muss sagen, dass ich in dieser Hinsicht sehr ambivalente Erfahrungen gemacht habe, wenngleich es völlig evident erscheint, dass bereits in der Kindheit wahrgenommene Musik auch im Erwachsenenalter zumindest gewisse emotionale Reaktionen auslösen kann. Durch meinen Vater habe ich gezwungenermaßen die Erfahrung gemacht, wie es ist, 20 Jahre lang mit einem einzigen Interpreten, in diesem Fall BAP, zugedröhnt zu werden. Solch eine Erfahrung ist, wenn man selbst an Musik interessiert ist, sicherlich nicht ohne Einfluss, allerdings kann dieser meiner Meinung nach auch überbewertet werden. Jedenfalls würde ich, fragte man mich heute, welchen Einfluss BAP auf meinen musikalischen Werdegang hatte, sicherlich antworten, dass es ein sehr geringer gewesen sei. Also doch eine noch größere Rolle der Gene oder völlig anderer Faktoren? Stand ich der Musik von BAP vielleicht doch nicht ganz so offen gegenüber? Na ja, zumindest spielt die Band für mich heute eine gewisse Rolle. Einerseits als Assoziation zu meinem Vater und andererseits sogar als gewisse Konstante – immerhin kenne ich alle Alben von BAP und kann bei unzähligen Liedern den kompletten Text mitsingen, ohne sie jemals wirklich aktiv gehört zu haben. Hätte mein Vater nicht BAP gehört, würde ich mit ihrer Musik heute sicherlich noch viel weniger anfangen können, als es nun tatsächlich der Fall ist.

Andererseits gibt es da aber noch andere Ereignisse, so eine Art von Erinnerung an meine ersten wirklich positiven Erlebnisse mit Musik. Denn sei es nur die Stimme der Mutter bei einem Einschlaflied oder das Aufschnappen irgendeines Liedes aus dem Radio oder einer Melodie aus einem klassischen Musikstück, so bin ich mir richtiggehend sicher, dass ich schon sehr früh eine Art Faible für melancholische Melodien, die einen in ganz ungekannte, intensive atmosphärische Zustände versetzen konnten, entwickelt(?) habe. Und obwohl ich dieses Faible mit dem Einstieg in die Musikwelt mit all ihren Konventionen und Trends im Alter von 10-11 ein wenig verloren habe, hat es nicht lange gedauert, bis ich wieder zu dieser Art der Musik zurückgefunden habe und sie mich eine ganze Zeit lang okkupiert hat, bis sich meine Vorlieben etwas geweitet haben. Als ich dann irgendwann bei den Platten meiner Mutter eine Live-Aufnahme des Liedermachers Klaus Hoffmann („Ich will Gesang, will Spiel und Tanz…“) entdeckt habe und von dessen Darbietungen hellauf begeistert war, erinnerte ich mich auch daran, dass ich diese Lieder schon im Alter von 7-8 gehört und damals schon äußerst liebgewonnen hatte. In der Retrospektive wirkt das alles natürlich noch einmal etwas bedeutungsvoller als ich es damals wahrgenommen habe, aber allein die Tatsache, dass ich mich jetzt noch an diese eigentümliche Stimmung des Versunkenseins in die erzählerischen und teilweise düsteren Lieder Klaus Hoffmanns erinnern kann, spricht Bände, da man aus dieser Zeit nun wirklich nicht allzu viele Erinnerungen dieser Art im Gedächtnis behält.

Haben nun diese frühen Erfahrungen mit melancholischer, stimmungsvoller Musik einen solchen Eindruck auf dem weißen Blatt meines damaligen Kunstverständnisses hinterlassen, dass ich auch später wieder zu ihnen zurückgefunden habe und war es somit eine eigentümliche Mischung aus genetischer Prägung und realweltlichen Eindrücken, die zu meinem Musikgeschmack oder überhaupt meinem Interesse für Musik führte, oder wäre ich auch ohne diese Erlebnisse irgendwann dort angekommen, wo ich jetzt bin? Diese Frage muss wohl ebenfalls unbeantwortet bleiben. Fest steht allerdings, dass mich das gesamte Thema noch weiter beschäftigen wird. Denn jeder, der sowohl mehr über die eigene Identität in Erfahrung bringen möchte als auch in großem Maße an Musik interessiert ist, sollte sich auch einmal darüber Gedanken machen, wie es bei ihm in dieser Phase scheinbarer Losgelöstheit von so vielen Einflüssen, die unser Leben später bestimmen, gewesen ist, da sie einen meiner Ansicht nach unter Umständen äußerst viel über beide genannten Bereiche lehren kann.

Levskin [Leonard R.]

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