Tom Waits – Rain Dogs

Nachdem in den letzten Wochen und Monaten wieder verstärkt die Diskographie des großen Kaliforniers (und nein, ich meine nicht Arnold Schwarzenegger) lief, ist für mich persönlich immer klarer, das „Rain Dogs“ sowas wie mein Liebling im gesamten Schaffen ist. Warum? Ist es etwa ein sogenanntes „perfektes Album“? Nein, das denke ich mit Sicherheit nicht, aber grade das macht das Album so spannend.

„Rain Dogs“, der Mittelteil der Trilogie aus „Swordfishtrombones“, „Rain Dogs“ und „Frank’s Wild Years“ ist der perfekte Soundtrack für dunkle Gassen, Rotlichtviertel, Menschen in den schwierigen Lagen des Lebens, die dunkle Seite des Lebens in den großen Städten. Dazu passt auch super das Cover, ein Bild aus einem Buch des Fotografen Anders Petersen über das Cafe Lehmitz, eine Stehbierhalle auf der Reeperbahn in St. Pauli und Treffpunkt für allerlei abgehalftertes Gesindel, das sich dort so rumtreibt. Für Petersen war es allerdings auch ein Ort, an dem er viele Freundschaften schließen konnte und der ihn hinter diese Fassade dieses allgemein als asozial geltenden Teils der Gesellschaft blicken ließ.

Dieser Abstieg in die Gesellschaft wird auch durch die Instrumentierung verdeutlicht, Waits entwickelt sich zum Feinde moderner Instrumententechnik auf diesem Album. Das Piano des Vorgängers muss immer häufiger einem Harmonium weichen und anstelle eines Schlagzeugs werden häufig einfach alte Möbelstücke missbraucht auf denen etwas herumgehämmert wird. Waits lief auch mit einem Kassettenrekorder durch die dunklen Gegenden Manhattans, um die Geräusche der Stadt einzufangen, bei Tag und bei Nacht, um diese ambientartig in sein Album einzuflechten.
Auch in der Produktion versucht Waits sich von dem Trend der 80er, immer mehr Technik einfliessen zu lassen, zu distanzieren und wählt eine sehr organische Produktion. Hauptgrund dafür war sein ausgeprägtes Streben nach größtmöglicher Individualität mit seinem Sound, „if we couldn’t get the right sound out of the drum set we’d get a chest of drawers in the bathroom and bang it real hard with a two-by-four,“ such that „the sounds become your own“, weshalb er auch auf sehr ungewöhnliche Instrumente wie eine Marimba und eine singende Säge zurückgriff.
Nicht gespart wird dafür an hochkarätigen Gastmusikern wie Keith Richards, Greg Cohen und Stephen Hodges, um nur ein paar der bekanntesten Namen zu nennen.

Los geht das Album mit einem meiner liebsten Waits-Tracks überhaupt, dem düsteren „Singapore“, ein Song der auch in jedem Piratenfilm seinen Platz finden würde. Es geht um eine Gruppe Seeleute und ihren Zielort Singapur, über den Waits mit seiner Reibeisenstimme eine kleine Geschichte erzählt. Sehr schräger Song, der klar aufzeigt was man von dem Album zu erwarten hat. Weiter geht es mit „Clap Hands“, einem etwas eingängigeren Song, der eigentlich fast nur von seinen Percussions lebt. Waits flüsternde Stimme erschafft eine etwas merkwürdige Stimmung, man bekommt eine leichte Gänsehaut und der fast schon monotone, repetitive Refrain zieht mich sofort in seinen Bann. Ich will jetzt nicht durch ein Song-By-Song Review langweilen, weshalb ich nur noch ein paar besondere Songs ansprechen werde. Einer davon ist mit Sicherheit „Hang Down Your Head“ mit einem wundervollen Gitarrenlead und unglaublich emotionalen, melancholischen Vocals. „Hang down your head for sorrow. Hang down your head for me. Hang down your head, hang down your head, hang down your head Marie.“ Großartig und von keinem anderen Künstler in dieser Art zu bewerkstelligen. Ein wieder etwas wilderer Song ist „Union Square“, eingängig, rau, mit toller Hook, fast schon ein Hit. Der bekannteste Song des Albums ist aber zweifellos „Downtown Train“, der dank eines Rod Stewart-Covers auch mal auf #3 der Charts zu finden war, aber zu einem langweiligen Popsong transformiert wurde, dem jegliches Feeling des Originals fehlt. Ein romantischer Lovesong, natürlich wieder mit Toms rauer Stimme, aber da steckt noch so viel mehr Emotion dahinter als jeder andere es mit einer noch so schmeichelnden Stimme schaffen könnte.

Natürlich hat das Album noch viel mehr großartige Songs zu bieten, aber es ist ohnehin schwierig Toms Musik zu beschreiben. Man muss es einfach hören, erleben, fühlen, denn dieser Mann ist meiner Meinung nach einer der großartigsten Musiker die jemals gelebt haben und trotz der Fülle an Alben die er aufgenommen hat ist jedes auf seine ganz eigene Art und Weise großartig. Ob das blu“esige „Closing Time“ mit noch völlg normaler Stimme oder eben etwas wie „Rain Dogs, alles völlig großartig und eine unbedingte Kaufempfehlung. Kaufempfehlung für wen? Prinzipiell natürlich für jeden Menschen der Ohren hat, aber natürlich muss man zuallererst mit Toms Stimme klarkommen. Aber reinhören sollte zumindest jeder Mal, denn wenn man seine Stimme mag, gibt es wohl nicht viele Musiker bei denen es so viel zu entdecken gibt wie bei Tom Waits.

Nezyrael [Florian R.]

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