Oasis‘ „Definitely Maybe“ – oder, schnoddrig geht die Welt zugrunde

Persönlich bin ich wohl unbestreitbar und auch bedauernswerterweise ein Kind der Millenniumsgeneration, was die musikalische Sozialisation betrifft. Aufgewachsen inmitten wenig sagender, stetig wechselnder „Sommerhits“ und fernab jeglichen grossen musikalischen Revolutionen, rufen Songs aus meiner Teenager Zeit zumeist nur noch ein „Ach ja“ und leichte Verbitterung hervor und keine stürmischen Lobesarien. So bleibt mir heutzutage nur noch der schwärmerisch-verklärte Blick in vergangene Jahrzehnte und die Erforschung derer musikalischen Begleitumstände. Die Sechziger glänzten zuerst mit der Beat-Musik und den Hochzeiten des Jazz, bevor dann mit dem Psychedelic Rock die erste musikalische Revolution abseits der Popkanons sich abspielte. Die Siebziger wiederum erlaubten zuerst das Abtauchen in die Traumwelten des Progressive Rock, bevor dann der Punk zur neuen Freiheit aufrief. Die Achtziger wiederum erlaubten das Verweilen im düster-melancholischen Gothic/Post Punk Umfeld oder die unendliche Freiheit des Heavy Metal Lebensgefühls und in den Neunzigern konnte man alledem wiederum getrost den Rücken zukehren und sich in den aufkommenden Tiefen des Shoegaze und Indie Rock getrost dem seichten Weltschmerz hingeben. Aus letzterer „Epoche“ stammt auch ebenjenes Album, das mich zuletzt auf meinen Streifzügen durch die Vergangenheit gepackt und unvorhergesehen die Lebenseinstellung dieser Zeit perfekt ins Hier und Jetzt übertragen hat. Die Rede ist von einer Band, die mittlerweile so stark im Kanon der Popmusik verankert ist, dass man ihr die durch ihr Debut vermittelte Haltung kaum noch anrechnen würde, was sie aber umso einnehmender und mitreissender macht. Die Rede ist von Oasis Debutalbum „Definitely Maybe“.

Natürlich, die Popularität, welche die Band bis heute erfährt, war schon damals schnell auf den Plan gekommen, waren doch bereits die ersten beiden Singleauskopplungen genauso in den britischen Charts vertreten wie der mitgeprägte Begriff „Britpop“ die Runde machte. Dass „Definitely Maybe“ dennoch keineswegs ein von Zugänglichkeit und Fröhlichkeit strotzendes Album sein sollte, ist dennoch kaum zu überhören. Schon in den ersten Minuten des Albums dominieren die schlurfend anmutenden Gitarren, das Ganze erinnert an eine zuhörerfreundlichere Version von Shoegaze und die Gitarren verlaufen sich in langgezogenen Akkordfolgen und rufen unmissverständlich die Assoziation eines rauchenden Mittzwanziger in dunkler Jacke und zukunftsverlorenem Blick hervor. Perfekt trifft ebendieses Bild auch auf eine der vorab veröffentlichten Singles – das wohl gemeinhin bekannte „Shakermaker“ – zu. Der verhangene, nasale und sich-überwindend klingende Gesang – durchgehend perfekt als Gleichgültigkeit vermittelndes Stilelement verwendet – macht den Eindruck, dass man die Gebrüder Gallagher eher hinter das Mikrofon prügeln musste, als dass sie sich freiwillig dazu bewegt hätten. Durch den Morgen gerötete Augen in Gesang gefasst, so quasi. Die Gitarren im Hintergrund, wenn sie sich mal zu einer Melodie überwunden haben, haschen nicht nach Aufmerksamkeit sondern scheinen beinahe unbemerkt in den Sphären zu verklingen, mehr notwendiges Beiwerk denn künstlerische Selbstverwirklichung. Und wenn sie sich dann mal, wie in „Live Forever“ zu so etwas wie einem Solo überwinden, klingt selbst dieses mehr aus trotziger Grundhaltung entstanden als etwas anderes. „Columbia“ hingegen überrascht schon mit verhallten, die Wurzeln des Shoegaze nochmals hervorholenden Gitarren, bevor dann monotone Akkordfolgen und bis an die Grenze der Erträglichkeit gleichbleibender Gesang den Hörer endgültig zurücklehnen und gleichgültig werden lassen. Spätestens hier zeigt sich, dass Oasis weder begeistern noch mitreissen wollen. Auf die Spitze treiben es die Herren dann im kurzweiligen „Bring It On Down“, das in seiner Kompaktheit, dem leicht höher angeschlagenen Tempo und den vergleichsweise fast schon euphorisch vorgetragenen, im perfekten Widerspruch zum Wortklang stehenden Lyrics („You’re the outcast, You’re the underclass, But you don’t care, Because you’re living fast“) den Hörer kapitulieren, sich hingeben und einlullen lässt. Selbst das kurz in die Irre führende Hardrock Riff vom nachfolgenden „Cigarettes & Alcohol“ kann da nichts mehr dran rütteln und man ergibt sich seufzend.

Alles was die Briten hier in Angriff nehmen, scheint darauf ausgerichtet, den Hörer in eine beinahe apathische Gleichgültigkeit zu versetzen, in eine 50-minütige Trance des sich-gehen-lassens. Und das erschreckende – sowohl positiv als auch negativ gesehen – ist, dass dieses Vorhaben vollständig aufgeht.

„Maybe I will never be
All the things that I wanna be“

Perfekt und auf den Punkt gebracht drücken obige Zeilen die Grundhaltung, in der sich Oasis auf ihrem Debut üben, aus. Es ist die vorweggenommene Verwirklichung, der vorweggenommene Soundtrack der heute bereits übermässig als „Generation Y“ betitelten Jugend. Gleichgültigkeit und gleichzeitig eine starke Selbstbezogenheit prägen die von „Definitely Maybe“ ausgehenden Gefühle. Es beginnt beim wunderbar passenden Titel, der die in sich geschlossene Unentschlossenheit darstellt, über die schleppend und nur mit wenig Elan vorgetragenen Songs und gipfelt im angesprochenen Gesang. Ebendieser nasale, von vielen wohl eher als entnervend wahrgenommene und meistens in gleichbleibenden Tonlagen verkehrende Gesang ist das prägende Element von „Definitely Maybe“. In Verbindung mit den repetitiven Riffs kreieren die Briten eine wunderbare, einnehmende und verführende Atmosphäre der Gleichgültigkeit und Teilnahmslosigkeit und laden den Hörer ein, daran teilzunehmen und sich für 50 Minuten der grossen Leere des Seins hinzugeben. Als letztes Beispiel hierfür sei noch das erhabene, beinahe schon gefühlvoll gespielte und gleichzeitig allen obigen Punkten rechtgebende Herzstück des Albums namens „Slide Away“ genannt. Das nichts weiter als wundervolle Lethargie hervorrufende und mit seinem wunderbaren, elegischen Refrain, die unscheinbaren Worte „Let me chase the sun“ als kleiner, kaum wahrnehmbarer Stich der schwärmerischen Sehnsucht ins Herz, dem Ganzen noch eine beinahe unpassende Schönheit verleihende, sechseinhalbminütige Mini-Epos zeigt die ganze Kunst des Britpop und seiner verhängnisvollen Müssigkeit.
Man könnte objektiv, abgesehen von der Eingängigkeit einiger Songs und Gesangspassagen, eigentlich äusserst viel an „Definitely Maybe“ auszusetzen finden, vor allem heutzutage. Das Debutalbum von Oasis bot zwar die Abkehr vom Grunge in Richtung Pop, bot leichtverdaulicheres und weniger Krach als die vorangegangenen Bands. Gleichzeitig zeigen sie aber auch wenig Bestreben, wahrlich Innovatives oder Neues auf die Beine zu stellen, mehr noch, sie zelebrieren eine Teilnahmslosigkeit, die wohl manch einen fast schon cholerisch werden lassen könnte. Und dies mit einer an Frechheit grenzenden Selbstverständlichkeit, dass man sich nur fügen, der Gleichgültigkeit hingeben und dem Müssiggang frönen kann.

So ist das, was Oasis‘ „Definitely Maybe“ in meinen Augen heute noch als wichtiges und absolut hörenswertes Album etabliert, die perfekte Konservation eines Lebensgefühls, die Oasis hiermit geschaffen haben. „Definitely Maybe“ ist der perfekte Soundtrack um die moderne Welt mal für 50 Minuten vollständig auszublenden, sich in Müssiggang, selbstgewählter und lethargischer Illusion zu suhlen und gleichzeitig beinahe aneckend eine selbstbezogene Haltung einzunehmen und, ganz modern, sich zu fragen „Was geht mich das an und wieso sollte ich mich kümmern?“. „Definitely Maybe“ verströmt eine unnachahmbare Gleichgültigkeit der Welt gegenüber, dass die Ausblendung ebendieser eine genüssliche Wohltat darstellt. Und ginge die Welt heute unter, Oasis ständen da und würde schnoddrig ihre Hymnen der Gleichgültigkeit erklingen lassen, als wäre das fehlende Morgen eine kaum gewichtige Tatsache.

Tiz [Tizian C.]

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