Jubiläum eines ungewöhnlichen Trios: Kekal – Multilateral

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Wer „Avantgarde Metal“ für längere Zeit seine Leidenschaft nennen konnte (oder es immer noch tut), der könnte den Namen Kekal eventuell schon mal gehört haben. Diese Indonesier gibt es nun schon seit 20 Jahren und bringen anlässlich dieses Jubiläums ihr zehntes Album „Multilateral“ heraus. Auf dem Schirm hatte ich diese Truppe schon seit Längerem nicht mehr, doch als ich unverhofft eine Antwort auf meine Promoanfrage erhalten habe, sah ich mich gezwungen die alten Alben samt Jugenderinnerungen hervorzuholen und diesen einen Besuch abzustatten. Dabei schoss mir von Release zu Release in den Kopf, wie ich jene zum ersten Mal gehört hatte und mich dabei schon damals irritiert haben. Diese unschuldige Verwunderung kann ich beim heutigen Hören zwar nicht mehr abrufen, doch hat mich die musikalische Zeitreise wieder abgeholt und innerlich auf den neuen Release vorbereitet. Denn auch wenn ich mich nicht mehr als den größten Fan experimentellen Metals bezeichnen würde, da ich in dem Bereich rasch herausgefunden habe, wie intensiv man da nach wahren Perlen suchen muss, hat mich „Multilateral“ größtenteils positiv überrascht.


Beim erneuten Hören der früheren Alben bin ich zunächst aus allen Wolken gefallen, denn so spannend und quirlig ich die Gruppe in Erinnerung hatte, so verquer und geschmacklos kam mir inzwischen der Mix der verschiedenen Stile vor. Dazu muss man sagen, dass man sich Kekal wie viele andere Bands vorstellen kann, die dem Avantgarde Metal zugerechnet werden, aber im Grunde auf der Basis von Progressive Metal oder Industrial Rock allerlei Experimente in einen Topf werfen. Geht man einzelnen Tracks auf den Grund, kommen Assoziationen wie Waltari, UneXpect, Devin Townsend Project, Solefald, u.v.m. auf. Doch Kekal selbst distanzieren sich (selbstverständlich) davon, in irgendeine Schublade gesteckt werden zu wollen, so schreiben sie selbst, „even when people tag Kekal as progressive metal/rock, avant-garde metal, experimental rock, electronic, or just plain „weird“, none of these labeling could really describe the essence of Kekal’s music“, womit sie nicht ganz Unrecht haben.

Desweiteren besitzen Kekal seit 2009 keine offiziellen Mitglieder mehr und so sind die meisten Tracks der letzten Alben mehr im Alleingang einzelner Musiker entstanden, was sich dahingehend andeutet, dass deutlich mehr elektronische Elemente zur Anwendung kommen als früher. Für mich persönlich eine positive Entwicklung, da ich die Alben bis 2009 inzwischen als sehr eigenwillig bezeichnen würde und kaum mehr meinen Geschmack treffen. Ich hatte schon die Befürchtung, mich zu voreilig für die Promo bereiterklärt zu haben, doch die beiden Alben nach Kekals Umstrukturierung sind mir, mit ihrer wesentlich stimmigeren Benutzung von Zutaten wie Vocodern, Synths, Breakbeats, aber auch mit ihren Trip Hop-Anteilen (besonders „Autonomy“ ist voll davon), die Hoffnung gemacht, dass ich „Multilateral“ doch nicht vorschnell abstempeln sollte. Und so ist es auch gekommen: Ich würde es als ihr bisher gelungenstes Werk bezeichnen. Es gibt zwar etliche Wenns und Abers, die man vor einer eindeutigen Empfehlung ganz klar anbringen muss, doch falls einen diese nicht abschrecken, kann man sich an einem der kreativsten Avantgarde Metal-Alben der letzten Jahre erfreuen.
Das Ungewöhnliche an „Multilateral“ ist bereits die vorangegangene Veröffentlichungstrategie: In den letzten Monaten wurden 9 der 11 Tracks in einem regelmäßigen Abstand vorab gepostet, während man die letzten beiden Songs zum (vorgezogenen) Release erhielt. Auch wenn man vermuten könnte, dass die Songs dadurch keine wirkliche Einheit bilden, so findet man inmitten der sehr eigenwilligen Kompositionen stets den Bezug zum großen Ganzen. Nicht zuletzt durch die reichlich gewöhnungsbedürftigen Vocals, die einer der ausschlaggebendsten Gründe sein könnten, sich nicht weiter mit dem Projekt beschäftigen zu wollen. Man sollte auch keine ausschweifenden Songstrukturen erwarten, im Gegenteil, so sind die Riffs und Melodien von Kekal stets intuitiv und harmonisch, weshalb man an der Front nicht überfordert sein sollte. Erst der Mix der verschiedenen Instrumente und Spielweisen geben „Multilateral“ seinen Charakter und in gewisser Weise auch seinen Namen.
Trotz der verstreuten Songveröffentlichungen, bietet es sich bei diesem Album so sehr wie sonst kaum an, ein kleines Track-by-Track-Review zu veranstalten, wovon ich normalerweise Abstand nehme, besonders bei Alben, die viel zu homogen für diese Textart sind, wovon man hier jedoch keinesfalls sprechen kann. Von daher folgt eine Vorstellung der Tracks mit ihren jeweiligen Ticks und Macken:

01: Token Discontentment
Ein sehr harmonischer Rock-Opener, der irgendwann in Blastbeats übergeht, womit Kekal ihre entfernten Black Metal-Wurzeln aufweisen, aber größtenteils im Rahmen bleibt. Ansonsten wird mit Synth-Bridges, Shredding und mit den bandeigenen Vocals gearbeitet, auf die man das komplette Album über gefasst sein muss. Was jene so eigen machen, ist einerseits der nasale Stil, den man eventuell von J-Rock Gruppen kennen könnte, und andererseits ihre schräge Tonlage, die sich nur verkantet über die anderen Instrumente legen; ein beliebtes Stilmittel um eine gewisse Dissonanz zu erzeugen, aber trotzdem wird es genug Hörer abschrecken.

02: Dividend in Division
Hier kommt einer der rhythmischeren und runderen Stücke um die Ecke, der sich irgendwo im Industrial-Rock verorten lässt und durch sein dubstepartiges Intermezzo auffällt. Anhaltende Buzz-Synths leiten ein und aus dem Song, während mittendrin ein dankbares Strophe-Refrain-Strophe-Refrain-Muster abläuft, welches dem Hörer mal wieder einen Moment gibt, nicht vor Verwirrung den Faden zu verlieren.

03: Jakartan Arch-Captor
Und wenn man denkt, es wird nicht mehr beatlastiger, wird nun noch stärker zum Mitwippen animiert, durch ein sehr vereinnahmendes Palm Mute-Riff, welches ohne dem zusätzlichen Wobble-Sound auch von Konsorten wie Rammstein stammen könnte. Zwischen den kekalschen Rock-Strophen folgen wohl einige meiner liebsten Momente von „Multilateral“: während ein bassiger Beat beständig dröhnt, wird mit Gitarren störgeräuschhaft drübergebrettert, was insgesamt zu einer sehr aufregenden Symbiose führt. Doppel-Leads dominieren das restliche Geschehen und hier merkt man auch so langsam, dass kein Song so wirklich ohne synthgetränkte Passagen auskommt.

04: By Means of Survival
Mit Bass und Theremin wird es nach drei rockigen Stücken wieder etwas bedächtiger. So zumindest im Intro, denn danach gibt es riffgefluteten Glitch mit dem unbeirbarren Sänger, der trotz der Kakophonie seinen Stil durchzieht. Wenn es dann mal ruhiger wird, erinnern mich die eingestreuten Gitarrenmelodien an Fleurety während ihrer Non-Metal-Phase. Jene harmonieren gut mit den Trip Hop-Beats im Hintergrund und trotz Tremoloriffing am Ende ist das hier wohl der bisher chilligste Track.

05: Neutrality
Einer der unscheinbareren Songs, der zwar mit seinem aggressiven Riff- und Drumming der wohl metallastigste ist, aber davon abgesehen recht straight-forward ist. Auch hier wieder Synth-Spielereien und nette Theremin-Einlage kurz vor dem Ende, aber das muss ich eigentlich kaum noch erwähnen.

06: Multilateral
Mit dem Titeltrack beginnt die meiner Meinung nach stärkere zweite Albumhälfte, die sich weniger auf Rock-Elemente stützt. Man verlässt auf diesem Song nun die Industrial Rock-Gefilde und versucht sich an einer eigenen Post Rock-Interpretation, die überraschend gut zum musikalischen Konzept des Albums passt und keineswegs, wie von mir vermutet, als CarbonCopy-Song anderer Post Rock-Gruppen daherkommt. Nicht zuletzt durch die subtilen Kekal-Gimmicks, die auch hier nicht von der Hand zu weisen sind.

07: Metropolis Noir
Es wird nun ruhig. Es wird einsam an einer Gitarre gezupft und gerutscht, fast schon melancholisch, und zeichnet dabei in der Tat, wie es der Titel andeutet, ein nächtliches Stadtbild, das durch ein paar Synthwave-esque Tonfolgen und nicht zuletzt der charmanten Gastsängerin Megurine Luka bestärkt wird. Harsche Metal-Riffs und Growls stellen in den letzten Minuten den Kontrast her, den man an dieser Stelle fast schon vermisst hat.

Megurine Luka (VOCALOID2)*

Bei der weiblichen Gesangsstimme, die man hier zum ersten Mal hört, handelt es sich um ein Vocaloid-Produkt, welches der erste Charakter ist, der neben einer japanischen auch eine englische Voicebank beinhaltet, der Firma Crypton Future Media. Ihr Name ist Megurine Luka und sie stellt mit ihrer Präsenz auf dem Album eine sehr eigene Note dar, da mir sonst keine Metal-Gruppe (außerhalb von Japan) bekannt ist, die Vocaloids verwendet. Vielleicht liegt es an der geografischen Nähe zu Japan, dass es in Indonesien naheliegender ist diese einzusetzen als im Westen, so ist es wirklich eine interessante Bereichung für den Sound von „Multilateral“.

08: Crossroads
Mit wirschen und stampfenden Riffs legt dieser Song zwar los, wird aber auch schnell mit Megurines Gesangseinlagen aufgewertet und liefert sich mit dem durch einen Vocoder gejagten Sänger ein wahres Duell, wer der künstlichere Vokalist ist.

09: Heyday (Unlike Today)
Als wenn man plötzlich in eine Soundinstallation auf dem Denovali Fest geschubst worden sei, wird man hier nun mit so etwas wie IDM konfrontiert. Der ungewöhnliche Genre-Cut reißt den Hörer vielleicht heraus, doch ist die Ausführung gekonnt genug, dass man sich schnell darauf einlassen können sollte. Das Sample am Ende, in dem sich jemand herzlich übergibt, setzt dieser Merkwürdigkeit dann noch die Krone auf.

10: Primal
Wie schon auf „Metropolis Noir“ in Nuancen herausgehört, scheinen Kekal, wie so viele aktuelle Synthwave-Künstler, gerne die urbane Melancholie einzufangen, wobei die Indonesier dazu wesentlich mehr Möglichkeiten haben als nur die Retro-Synths. Das wird hier bei „Primal“ auch geschickt ausgenutzt, mit punchigen Beats, röhrenden Gitarren und dem konstanten Frontmann, der auch hier mit seinen Vocals eine gewisse Tragik zum Sound beiträgt. Vom Kopfkino-Potenzial ist dieser Song daher eindeutig mein Favorit.

11: The Unwritten
Zum Abschluss ein Blastbeat-Biest mit kratzigen Gitarren, zu denen selbstverständlich ein letztes Mal die gute Megurine ihre zarte Stimme hergeben muss, um das perfekte Kekal-Wirrwarr zu erzeugen. Gefühlsmäßig hat man nun auch schon so einiges durchlebt, weshalb sich „The Unwritten“ auch tatsächlich wie ein stimmiger Closer anhört, der zum Ende hin in einen schleppenden Midtempo-Part mündet und das Album damit zu einem Abschluss bringt.

Ob und wie sehr mir „Multilateral“ nun wirklich gefällt, kann ich nur schwer einschätzen, aber ich kann nicht bestreiten auch nach mehreren Durchläufen sehr unterhalten gewesen zu sein. Nimmt man den Nostalgiefaktor hinzu, bin ich sogar froh, diese Promo als Chance genutzt zu haben, mich davon zu überzeugen, dass es auch im Jahre 2015 unausgetretene Pfade im experimentellen Metalbereich gibt. Diese Empfehlung geht daher klar an abenteuerlustige Hörer raus, die sich auch nicht für die eine oder andere musikalische Eskapade zu schade sind und auch vor exzentrischen Projekten nicht scheuen. Wer sich schnell an Disharmonie, fragwürdiger Produktion oder unsauberen Gesangsperformances stört, dürfte mit Kekal nicht glücklich werden, aber kennt jetzt wenigstens einen indonesischen Interpreten mehr.

Hati [Daud B.]

*Quelle: http://de.vocaloid.wikia.com/wiki/Megurine_Luka
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