Melt! 2015

Die Sonne und der Mond standen günstig über Gräfenhainichen. Das kleine beschauliche Örtchen im Osten Deutschlands wurde vom 17. Juni bis in die frühen Morgenstunden des 20. Junis erneut von rund 20.000 Menschen aus aller Welt heimgesucht. War in den vergangenen Jahren der internationale Ruf des Melt! bereits spürbar, so gingen in diesem Jahr fast 50% aller Eintrittskarten an Menschen aus ganz Europa, ja sogar aus den USA, Asien und Australien.
Das Festival in der Stadt aus Eisen konnte sich durch zahlreiche sagenhafte Line-Ups und den vielleicht ausgefallensten Veranstaltungsort im deutschsprachigen Raum mit der Zeit einen Namen machen – nirgendwo feiern so unterschiedliche Fanscharen Klangwände zwischen Post Rock, Industrial Techno, Acid House und Pop. Fünf von Scheinwerfern und Beamern angestrahlte Schaufelradbagger, welche die vier primären Bühnen und das Intro Zelt in benachbarte Bereiche unterteilen, sind mittlerweile zum Markenzeichen des Melt! geworden. Das als „Ferropolis“ bekannte Freiluftmuseum für Braunkohletagebau bietet mit seinen großen Open-Air-Bühnen nicht nur einen imposanten, teilweise postapokalyptischen Anblick, sondern auch eine einzigartige Soundqualität. Besonders deutlich wird dies an der Mainstage, die in eine Art Amphitheater eingelassen ist. An dessen Flanken befinden sich Sitzplätze unter gigantischen Stahlträgern, Schaufeln, Kränen und feuerspuckenden Schornsteinen, welche die Lichtshow bei jedem Auftritt gelungen akzentuieren. Abgerundet wird der Ort durch mehrere Badestrände neben und hinter den Bühnen, die sowohl für ein morgendliches Bad zum Muntermachen geeignet sind, als auch für eine kurze Abkühlung während der Konzerte – was nach Meinung vieler in dieser Form zumindest europaweit einzigartig ist.
So geschah es also, dass der Autor mit einem guten Dutzend Freunden bereits am 16. Juli in Ferropolis aufschlug, um am traditionsreichen Vorfeiern auf dem Campingplatz teilzunehmen. Ein Brauch, der wohl in den letzten Jahren immer mehr Anhänger fand. Kein Wunder, bietet der Donnerstag Abend doch zahlreiche wohltuende Gelegenheiten, das Gelände zu erkunden, ein erfrischendes Bad zu nehmen und sich bereits frühzeitig die schmackhaftesten Fressbuden heraus zu picken – von diesen gibt es auf dem Melt! zwar weniger, als bei anderen Festivals, dafür wird hier aber Qualität einigermaßen groß geschrieben. Gammeldöner und überteuerte Getränke waren jedenfalls nirgendwo zu finden.

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Nach einer beinahe durchzechten Donnerstag Nacht, begann der Freitag Morgen bereits um 8 Uhr mit gefühlten 35°C. Kaum jemand auf dem überraschend gut organisierten und vergleichsweise sauberen Campingplatz hielt es sonderlich lange in den von Nylon und Reißverschlüssen eingehüllten Saunen aus, die wir am Tag zuvor als Zelte aufgebaut hatten. Frühstück! Das erste Bier wurde in geselliger Runde von allen Anwesenden mit einem vinylschwarzen Kaffee runtergespült – „Kaba“ nannten einige das unverblümt. Schon nach den ersten euphorischen Gesprächen und Planungsrunden zur bevorstehenden Konzertabfolge wurden Stimmen laut, die nach einer ausgiebigen Runde Schwimmen verlangten. Gesagt, getan. In etwas weniger als vier Minuten erreichten wir reichlich angeschwipst den Badestrand, der erst einmal viel zu voll aussah. Nach Sichtung eines Platzes, an dem unbesorgt die Handtücher ausgebreitet werden konnten, manövrierten wir durch die Menschenmassen und erreichten das angenehm kühle Wasser. Was anfänglich überfüllt und schlecht organisiert wirkte, entpuppte sich schon nach wenigen Minuten als gut durchdacht – in mehreren Abständen konnten entlang der Küste Badestrände ausgemacht werden, an denen Tausende Menschen ausgelassen Gespräche führten, tanzten und das Wetter genossen, während andere im Schatten der Bäume auf Hängematten, Liegen und Luftmatratzen die Seele baumeln ließen. Erst da wurde dem Autor klar, für welche Menschenmengen hier beinahe unbemerkt eine großartige Organisation durchexerziert wurde. Noch weiter abseits vom Strand gewann das Bild eine neue Facette: Die großartige Kulisse des rund einen Kilometer entfernten Festivalgeländes mit seinen Maschinen und Bühnen. Durch diesen Anblick sichtlich umgarnt, wurde der Autor von einem Boot des DLRG sogleich angesteuert, bevor ihm zwei freundliche Damen nahelegten, doch nicht so weit auf den See hinaus zu schwimmen – kein Problem! Freunde, Bekannte und hunderte Menschen aus aller Welt bevölkerten nun in immer größeren Zahlen den Strand. Wieder am Festland angekommen, folgten den beherzten Zügen durchs Wasser dann auch direkt einige Runden Flunkiball auf dem Campingplatz – das Festival konnte losgehen.

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Als Start war zwar eigentlich der knackige Shangaan Electro von Nozinja vorgesehen, doch auf diesen wurde zugunsten von schmackhaftem Street Food und feuchtfröhlichen Genüssen an der Bar verzichtet. So begann das Festival für den Autor um Punkt 22 Uhr mit dem Auftritt von Mogwai an der Mainstage. Überraschend: Das Amphitheater füllte sich erst im Laufe des zweiten Stücks mit der zu erwartenden Menge von Menschen. Geboten wurden satte Gitarrenwände, die gerade in der ersten Reihe doch durchweg zu drücken vermochten – Stücke von „The Hawk Is Howling“ sowie „Mr. Beast“ wurden zwar gespielt, doch für eine durchgehende Erkennung der Titel fehlt es dem Autor an Detailwissen zu diesen Post-Rock-Recken. Der Auftritt endete nach rund 60 Minuten und hinterließ einen durchaus positiven, wenn auch nicht überragenden Eindruck. Im Anschluss ging es flott zur Desperados Melt! Selektor Stage, auf welcher um 23 Uhr das rund 100-minütige Set von Bonobo startete. Als besonderes Schmankerl befindet sich hier einer der vielgerühmten Badestrände in wenigen Metern Entfernung zur von weichem, warmem Sand bedeckten Tanzfläche. Ausgelassen etwas Rumschwanken und direkt danach ins kühle Nass hüpfen ist hier ohne größeren Aufwand möglich. Der von neuen wie alten Großtaten geprägte Auftritt Bonobos ergänzte dieses Setting in der Folge dann auch äußerst passend. Stücke von „The North Borders“ hielten sich zur besonderen Freude des Autors in Grenzen, da seiner Meinung nach die beiden ersten Alben „Animal Magic“ und „Dial M For Monkey“ sowie das großartige „Black Sands“ die mit Abstand stärksten Veröffentlichungen des durch und durch entspannten Briten darstellen. Eine Mixtur aus diesen Alben war es dann auch, die zelebriert wurde und die bei aller Euphorie und Zappelei vollkommen ausblenden sollte, was im Anschluss auf dem Programm stand.

Nach einer viertel Stunde Pause eröffneten auf derselben Bühne Autechre ihr Set, das die Befürchtungen aller Anwesenden bestätigte: „Exai“! Die zuvor noch bei Bonobo so schrill und farbenfroh tänzelnden Scheinwerfer hingen leblos von ihrem Gerüst. Das eben noch üppige Equipment wurde auf zwei Laptops, ein paar Pads und kaum erkennbare Synthesizer reduziert während zwei große, klobige Standboxen sich scheinbar wie von Geisterhand innerhalb weniger Sekunden zentral am vorderen Rand der Bühne positionierten. Immer noch in tiefes Schwarz getaucht, schnellten urplötzlich Knarz-, Klick-, Riss-, Rums- und Bass-Laute durch die Luft – die zuvor schnell und unbemerkt durch einen Vorhang geschlüpften Gestalten waren also tatsächlich Sean Booth und Rob Brown, deren Gesichter nun in einem gespenstisch matten Weiß als die einzigen Lichtpunkte auf der Bühne glimmten. Sichtbar auch nur, weil der Autor diese Trommelfellmassage bedingungslos aus nächster Nähe erleben musste und daher direkt vor der Bühne versuchte, aus amorphen Rhythmen eine passende Bewegung sämtlicher Extremitäten abzuleiten. Es war hoffnungslos. Was Autechre hier in auf die Sekunde genau 60 Minuten darboten, wies nur noch Spuren von IDM auf und war viel mehr von Noise, Glitch und irgendetwas geprägt, für das wohl erst noch Sprachcomputer eine treffende Bezeichnung (er)finden müssen. Und auch wenn das Set als einschneidend bezeichnet werden darf, hätte eine Mixtur aus den ersten drei Alben „Amber“, „Incunabula“ und „Tri Repetae“ tiefere Spuren hinterlassen. Hoffentlich beim nächsten Mal!

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Fast ohne Unterbrechung daran anschließend, zeigte sich der für experimentierfreudige Auftritte bekannte Clark von seiner besten Seite. Im letzten Jahr sorgte er mit seinem nunmehr achten Album „Clark“ für entzückte Kritiken in ganz Europa – geschuldet vor allem der eigenwilligen Mischung aus Wonky Techno, IDM und House. Genau auf diese kleinsten gemeinsamen Nenner ließe sich auch das Set herunterbrechen, das er mit einer frenetischen Lichtshow über den im Laufe der Stunden puderweich getanzten Sand blies. Mit fast Hundertzwanzig Minuten holte der Brite so nicht nur alles aus der großartig kalibrierten Anlage der Selektor Stage heraus, sondern auch aus den mittlerweile in Wellen anflutenden Menschenmassen, die dieser kolossale Sound anlockte – damit hatte zumindest im Umfeld des Autors niemand gerechnet. Futuristisch, hochgradig kreativ und einfach nur verflucht laut, geriet Chris Clark so zum ebenso unerwarteten wie unumstrittenen musikalischen Höhepunkt des Freitag Abend. Zwar konnten die Lokalmatadore von Modeselektor im Anschluss nochmal sämtliche Register ziehen und bis in die frühen Morgenstunden eine immer noch energiegeladene, tanzende Menge überzeugen, doch der Zug war abgefahren, das Feuer der geräderten Stahlgiganten ringsherum nur noch leise beim Zündeln zu beobachten. Gegen 6 Uhr morgens fielen alle in ihre Zelte.

Und standen nicht einmal zwei Stunden später wieder auf. Es ist nicht zu leugnen: Das Melt! war in diesem Jahr von einer ambivalenten Wetterkonfiguration geprägt. Während die Abendstunden nahezu perfekt temperiert das Festivalvergnügen in immer neue Höhen beförderten, schälten sich morgens auch die härtesten Sauna-Profis mit langen Gesichtern aus ihren Zelten, um unter gelegentlichem Nippen an Bier oder Kaba langsam im Campingstuhl aufzuwachen – das Übliche eben. Bevor der Samstag allerdings musikalisch unerwartet spektakulär mit Giorgio Moroder beginnen sollte, der schon im Vorfeld auf sämtlichen Radiokanälen zu hören war, stand bis in die frühen Abendstunden eine meteorologische Achterbahnfahrt der Extraklasse auf dem Programm. Beschwerte man sich des morgens noch über Hitze und vor Schweiß triefende Klamotten, war dies zur Mittagsstunde kein Thema mehr: Eine große Regenfront hatte sich langsam aber beständig aus westlicher Richtung angeschlichen und kühlte den gesamten Campingplatz für rund eine halbe Stunde ab. Anschließend nahm die Abkühlung im Verbund mit Sturmböen, Donner und augapfelgroßen Hagelkörnern kurzzeitig biblische Ausmaße an – vorsichtig formuliert. Das zuvor trockene und saubere Gelände verwandelte sich in einen matschigen Acker, auf dem jedoch bei den ersten Sonnenstrahlen sogleich das nächste Flunkiball-Turnier seine Anhänger fand, den Autor eingeschlossen. Nach einigen Stunden in dieser Manier, flanierten wir in mehreren Gruppen über den Campingplatz in Richtung Ferropolis.

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Wie bereits erwähnt, begann der Abend mit Giorgio Moroder vergleichsweise beeindruckend. In den Bereichen Disco und Glam Pop nur unzureichend bewandert, war der Autor schon nach wenigen Minuten Feuer und Flamme für den mittlerweile 75 Jahre alten Italiener. Angepasst an das durchschnittliche Alter des Publikums, irgendwo zwischen 20 und 30 Jahren, spielte er hauptsächlich Klassiker aus den 90er Jahren, die er damals entweder komplett produzierte oder an denen er wenigstens mitgewirkt hatte. Den Autor erwischte er damit hinterrücks und ohne jede Vorwarnung, ist dieser doch ein Kind und nach wie vor begeisterter Liebhaber der 90er Jahre des 20. Jahrhunderts. Reichlich in Feierlaune, gestaltete sich der anschließende Auftritt von Kylie Minogue für alle Beteiligten ebenfalls bedeutend amüsanter, als dies zu erwarten war. Mit einer pompösen Bühnenshow, burlesken Verkleidungen, reichlich Selbstdarstellung und einem Pop-Appeal, dem wohl auch eine Sachertorte nicht die Sahne reichen kann, gerierte sich die genau wie Moroder seit Jahrzehnten im Geschäft verweilende Australierin als strahlendes, funkelndes Feenwesen mit ganz großem Herz. Herrje, während dessen hätte man auch Cashmere Cat oder Lawrence sehen können – wer auch immer das ist. Ganz so schlimm war das Konzert zwar nicht und eine Menge Leute hatten sichtlich ihren Spaß, doch der Autor verzog sich mit ein paar Gleichgesinnten nach der gefühlten zehnten Zugabe von Madame Minogue in Richtung Bar und Cocktail-Stand, um mit Hilfe der sehr guten (und erschwinglichen) Getränkeauswahl etwas die Kehle zu fluten. Als Bums und Trara vorüber war, hüllte sich die Mainstage erneut für eine halbe Stunde in ein dampfverhangenes Schwarz, das die kunstvoll ausgeleuchtete Kulisse in Ferropolis noch einmal auf beeindruckende Weise zur Geltung brachte. Als alle Cocktails geleert, alle Biere geext und alle Joints verstümmelt waren, begaben wir uns in das zu diesem Zeitpunkt relativ entleerte Zentrum des Amphitheaters, ungefähr 20 Meter vor der nun in Türkis, Himmelblau und Magenta getauchten Mainstage.

Jon Hopkins verwies gleich zu Beginn seines Sets alles zuvor Dagewesene und alles, was noch folgen sollte, auf die hintersten Plätze. Das Ausnahmetalent zündete ein Feuerwerk von hochgradig abwechslungsreichen, improvisierten, vor Energie strotzenden elektronischen Kompositionen, die stellenweise irgendwie etwas mehr als „Tracks“ waren. Mit psychedelischen Visualisierungen auf höchstem Niveau, außerirdisch anmutenden Arrangements und einem glasklaren, dennoch tonnenschweren Sound löste Hopkins für einen Zeitraum von einer Stunde die Grenzen zwischen visuellen und auditiven Wahrnehmungsmustern auf und verwandelte das Amphitheater in einen kochenden Moloch aus Schweiß und Ekstase. Hauptsächlich zusammengesetzt aus Stücken seines 2009 erschienenen Albums „Insides“ und dem über alle Maßen gefeierten Nachfolger „Immunity“, bediente das Set jeden, der Großtaten wie „Insides“ oder „Open Eye Signal“ hören, sehen, spüren wollte. Zusätzlich gab es Kostproben seines kommenden Albums, welche höchst vielversprechend klangen. Die Übergänge waren flüssig und kaum als solche zu bemerken, die Features stets präzise eingesetzt, jede Linie gefühlvoll begleitet, das Optische und Akustische stets in perfekter Symbiose dargeboten – kurzum: Jon Hopkins legte einen über alle Maßen epischen und kongenialen Auftritt aufs Parkett, den das gesamte Publikum mit heftigsten Schreien, Pfiffen und begeistertem Jubel quittierte. Dank arte concert ist das gesamte Spektakel seit nun über zwei Wochen in der Mediathek des Senders zu finden und vermittelt dank der Visualisierungen, die grandios ins Video selbst eingebaut wurden, einen enorm guten Eindruck dessen, was mehr als 10.000 Menschen an diesem Abend in grenzenloser Euphorie erlebt haben – absolut unvergesslich.

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Als Hopkins um 3 Uhr die Bühne räumte, wollten alle noch mehr. Aus diesem Grund führte der Weg ohne große Überlegungen zum kolossalen 3-Stunden-Set von Sven Väth, der schon während des Auftritts von Hopkins auf der Big Wheel Stage die Teller rührte. Hier verweilte man noch zappelnd bis 5 Uhr morgens, um im Anschluss mit einem Gefühl wohliger Erschöpfung auf den Schlafsack zu fallen. Sonntags gestaltete sich das Wetter größtenteils regnerisch und bewölkt, was die Temperaturen so weit fallen ließ, dass viele ihren Schlaf bis in die frühen Mittagsstunden auskosten konnten – der Autor gehörte nicht dazu. Nach dem üblichen Programm – Bier, Schwimmen, Frühstück, Flunkiball – war der Sonntag von einem weniger gedrängten, eher entspannten Programm geprägt. Los ging es um 20:30 Uhr im Intro Zelt, das direkt am Eingang des Festivalgeländes zu finden ist. Hier traten Element Of Crime auf, die dem Autor bestenfalls über fünf Ecken bekannt waren und eher von anderen Mitstreitern in der Reihenfolge forciert wurden – den Namen schnappt man eben hier und dort mal auf. Das gesamte Konzert war von einer karnevalesken Atmosphäre geprägt, in welche die ölig dreinblickenden Herren auf der Bühne ihre wahrscheinlich mit viel Herzblut geschriebenen Texte blökten. Vielleicht ein anderes Mal.
Kurz darauf ging es erneut zur Mainstage, auf der die Shoegaze-Veteranen von Ride scheinbar einige ihrer Klassiker zum Besten gaben – dem Autor wurde dies erst hinterher durch einen anwesenden Fachkundigen näher gebracht. Alt-J eroberten die Bühne im Anschluss an eine halbstündige Pause mit einer ansprechenden Mischung aus Indie Rock und Art Rock, konnten uns allerdings nicht lange begeistern. Aus diesem Grund suchten wir uns schnellstmöglich einen direkten Weg zur nun hoffnungslos überfüllten Big Wheel Stage, die bereits unter den Bässen und schreienden Synthesizern von Nina Kraviz zu zerbersten drohte. Ist die Frau mit einem Doktor in Zahnmedizin auf ihrem Debüt-Album, ja sogar auf vielen ihrer EPs und Kollaborationen eher im ruhigen Fahrwasser von Microhouse und Tech House zu verorten, so verwandelte sie sich live zu einer verträumt tanzenden Hexe, die mit unglaublicher Brutalität den fiesesten, dreckigsten und kompromisslosesten Techno des gesamten Melt!-Festivals auf die Zuschauer losließ. Was für eine Kraft! Was für ein Sound! Mit üppigen Zugaben befriedigte sie selbst weit nach Ablauf ihrer Spielzeit noch die frenetisch schreienden Massen, die in zunehmender Zahl von den anderen Bühnen angelockt wurden. Klar war nach dem letzten Wummern aus den Boxen: Diese Frau hat noch Großes vor sich. Ähnliches ließe sich auch über die zuckersüße Ellen Allien sagen, wenn diese nicht schon seit mehr als 20 Jahren im Geschäft wäre. Für die Schlaflosen unter den Festivalbesuchern legte die gebürtige Berlinerin auf dem Sleepless Floor von 2 bis 6 Uhr morgens auf und schlug den Autor damit in die Flucht – um 3:30 war Zapfenstreich und mit einem grenzenlosen Gefühl der Zufriedenheit fiel er zum dritten und letzten Mal für dieses Wochenende auf seinen weichen Schlafsack.

So endete es also, das Melt! 2015! Außer Frage steht, dass der Autor im kommenden Jahr erneut anwesend sein wird. Nicht nur waren Line-Up und Soundqualität über jeden Zweifel erhaben, auch die Organisation des gesamten Festivals, die Rettungskräfte und das Security-Personal, die Lokalität, der Service und die Unmengen an aufgeschlossenen, freundlichen, entspannten Menschen machten das Spektakel in Ferropolis 2015 laut vielen Anwesenden zur besten bisher dagewesenen Ausgabe des Melt! seit seiner Entstehung.

Der Autor kann sich dem nur anschließen – eine nachdrückliche Empfehlung an alle Jünger elektronischer Musik.

Xhi [Nils S.]

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