„Das ist für mich keine Musik mehr!“ – Gedankengänge eines Musikwissenschafts-Laien

Wenn man sich in einer Community aus Musikenthusiasten bewegt, verschiedenste musikalische Szenen und Themen online wie offline aktiv mitverfolgt und –erlebt, und nebenbei auch noch über Musik schreibt und das Geschriebene seiner Kollegen mitverfolgt, so stellt man sich unter Umständen einige existenziellen Fragen für dieses so heiß geliebte Thema. Man erlebt täglich, wie das persönliche Umfeld dieser Musikblase völlig andere Musikgeschmäcker hat und zum Teil Dinge hört, welche meilenweit jenseits des eigenen Horizontes liegen und für einen selbst ein Buch mit sieben Siegeln sind; ob man jetzt aktiv versucht hat, sich in diese Stile hineinzuarbeiten oder nicht. Und trotzdem funktioniert die konstruktive Diskussion und der harmonische, Genre- und Geschmacksgrenzen ignorierende Dialog in den meisten Fällen reibungslos – Pubertierende Internetkrieger und diehard Fanboys mal eben ausgeklammert. Weil man sich eben stets geschlossen unter dem Banner der Musik bewegt. Oder etwa doch nicht?

Die eingangs erwähnte existenzielle Frage kommt ins Spiel. Was ist noch Musik und was ist keine mehr? Gibt es einen Definitionsrahmen, auf den man sich einigen kann? Kann es diesen überhaupt geben? Und wenn ja, brauchen wir ihn oder ist er nur lästig und einengend? Ich werde in diesem kurzen Text den Versuch wagen, verschiedene Grenzziehungen und Perspektiven ein bisschen unter die Lupe zu nehmen. Wer eine substanzielle Antwort ohne hin und her und ohne ins Leere greifende Ansätze und Überlegungen möchte, findet dies in der Musikwissenschaft, während ich hier aus der Position des Laien schreibe, der ich in dieser Hinsicht nun einmal bin. Aber vielleicht liegt ja gerade darin der Reiz für den einen oder anderen Leser.
Ebenso soll es nicht darum gehen, was Musik alles sein kann, also auf einer semantischen Ebene. Jedem Freund dieser Kunstform ist bewusst, welches Potential in ihr innewohnt, Emotionen, Erinnerungen, Geschichten und sogar kulturelle Identitäten zu transportieren und die Basis ganzer Subkulturen zu bilden. Die Frage ist einzig und allein, ob man sagen kann, welche Schallereignisse ein Musikbegriff noch umfassen kann/soll/darf und welche nicht mehr.

Der normale Radiohörer ist es gewohnt, dass bei jedem Musikstück alle klassischen Parameter wie Rhythmus, geradlinige Struktur und Melodien und Harmonien vorhanden sind. Fehlt plötzlich eine dieser Komponenten oder ist sie in einer drastisch von der Norm abweichenden Art und Weise vertreten, so fällt schnell der Satz, der einen schon einmal mit den Augen rollen lassen kann: „Das ist doch keine Musik (mehr).“ Bloß ist das im Regelfall eine im Affekt ausgesprochene, voll und ganz unreflektierte Aussage, also gehen wir hier einmal davon aus, dass das nicht bereits die angepeilte Grenze des Musikalischen sein kann. Ein nächster Anlaufpunkt wäre die Begriffsdefinition eines großen Wörterbuches. Laut dem Duden ist Musik die „Kunst, Töne in bestimmter (geschichtlich bedingter) Gesetzmäßigkeit hinsichtlich Rhythmus, Melodie, Harmonie zu einer Gruppe von Klängen und zu einer stilistisch eigenständigen Komposition zu ordnen“. Nur blöd, dass nicht jeder in der Musik verwendete Schall ein Ton ist, also eine regelmäßige Schwingung mit bestimmter Frequenz, eher im Gegenteil. Unregelmäßige Schwingungen, also Geräusche, machen einen beträchtlichen Teil von Musik aus. Schlagzeug und andere Percussion-Instrumente sind hier nur das offensichtlichste Beispiel. Zusätzlich gibt es ja noch Noise und andere Genres und Subgenres, welche die Welt der Töne und harmonischen Klänge voll und ganz hinter sich lassen und rein auf der Ebene der Geräusche und Texturen arbeiten. Sind diese Musiknischen dann eigentlich gar keine Musiknischen, da sie keine Musik (mehr) sind? Hier würden wohl nicht nur die Fans betroffener Genres die Stirn runzeln und widersprechen.

Also auf zum nächsten Versuch. Vielleicht kann man den Rahmen nicht mit den gewöhnlichen Parametern von Schallereignissen, wie beispielsweise Melodik, Harmonik, Rhythmik und Dynamik, erfassen und man muss auf etwas anderes zurückgreifen. Zum Beispiel die Intention dahinter. Also so etwas wie: Musik ist jedes menschliche Ordnen und Organisieren von Schall, welches die Absicht hat, Musik darzustellen. Aber auch hier höre ich bereits imaginäre Gegenrufe. Tonträger mit Vogel- und Walgesängen verkaufen sich besonders im Kontext der Meditationsmusik nicht schlecht. Die „Werke“ nichtmenschlicher Musiker werden zwar nicht selten von Menschen als sehr musikalisch wahrgenommen, aber sie sind eher dem Paarungs- und Sexualverhalten geschuldet und weniger der bewussten Intention, schöne Musik zu machen. Laut der obigen Definition disqualifiziert sie das also in gleichem Maße wie menschlicher Schall und Lärm, welchem diese Intention des Musikschaffens fehlt. Und trotzdem gibt es Menschen, die sich an der Rhythmik von Schritten und Arbeitsvorgängen erfreuen, oder für die eine charismatische Rednerstimme wie Musik in den Ohren ist. Wenn man diese beiden Aspekte also im Definitionsrahmen der Musik beinhaltet sehen möchte, für den bleibt folgendes übrig: Musik ist organisierter Schall.

Für mich persönlich ist dies eine sehr einleuchtende und umfassende Definition, welche die meisten Aspekte zeitgenössischer Musik inkludiert, von Musique concrète bis Bluegrass, von Death Metal bis Acid Jazz, von Zeuhl bis Drone, und so weiter. Nur Field Recordings und alle anderen Aufnahmen willkürlicher Geräuschkulissen scheinen auch nach diesem großzügigen Inklusionsprozess immer noch außen vor zu bleiben. Und wer weiß, was John Cage zur Exklusion von Stille zu sagen gehabt hätte, auch wenn so etwas wie absolute Stille für ihn nicht existierte. Ob man diese Dinge nun auch noch in den – nun nicht mehr ganz so exklusiven und elitären – Kosmos des Musikalischen eintreten lassen und dessen Grenzen somit noch mehr aufweichen und verwässern will, soll jeder ab diesem Punkt für sich entscheiden. Vielleicht sind wir hier aber auch an dem Punkt angelangt, an dem man sich die oben in den Raum geworfene Frage stellen kann, wer diese Grenzziehungen überhaupt braucht. Hier passiert also der Schritt von der allgemeinen zur individuellen Definition, und dort gilt: Musik ist und entsteht überall, wo ich zulasse, dass das Wahrgenommene zu Musik wird. Und in diesem Rahmen kann der Einzelne auch zum Entschluss kommen: „Das ist für mich keine Musik mehr.“

Interloper [Johannes S.]

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