Robbie Basho und seine wunderbare Gitarrenmusik

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Über manche Künstler wurde schon derart viel geschrieben, dass man sich unweigerlich fragen muss, ob es wirklich noch eine weitere Lobpreisung braucht, oder ob man es nicht dabei belassen sollte, einfach die Musik besagter Künstler zu genießen, da man den existierenden Reviews ohnehin nicht mehr viel hinzuzufügen vermag. Diese Frage stellte ich mir auch, als mir in den Sinn kam, einen Text über Robbie Basho zu verfassen, da ich im Vorfeld schon einige ausschweifende, oft überschwänglich positive Artikel zu Basho gelesen hatte. Als ich dann aber feststellen musste, dass sich die Anhängerschaft dieses Musikers auf gar nicht mal allzu hohe Zahlen beläuft (25.000 Hörer auf lastfm, 540 Bewertungen des meistbewerteten Albums auf Rateyourmusic), kam ich zu dem Schluss, dass es sicherlich auch nicht schaden kann, das wunderbare Werk Robbie Bashos auch gerade im deutschsprachigen Raum noch einmal zu beleuchten.

Robbie Basho wuchs als Waise im Amerika der 40er- und 50er-Jahre auf. Sein Interesse an Gitarrenmusik entwickelte sich allerdings erst in seinen Studienjahren in College Park, Maryland, ab 1960. Stark an der akustischen Steelstring-Gitarre interessiert, war es kein Wunder, dass er sich bald beim in Maryland gegründeten Label Takoma Records wiederfand, das vom Pionier des völlig neuen Folk-Stils des American Primitivism, John Fahey, betrieben wurde. Der Name des Genres kann mitunter etwas irreführend sein, da es sich beim American Primitivsm keinesfalls um eine möglichst primitive Spielart amerikanischer Folk-Musik handelt. Die Kompositionen der American Primitivism-Musiker sind, ganz im Gegenteil, sogar meist äußerst komplex und und vor allem auch technisch anspruchsvoll. Zentral war von Anfang an die akustische Stahlsaitengitarre und deren Etablierung als Instrument ernsthafter Folk-Musik, oft auch in Konkurrenz zur in der klassischen Musik anerkannten Nylonsaitengitarre. Hierfür bedienten sich die Musiker meist sehr schneller Fingerpicking-Techniken der amerikanischen Blues-, Country- und Folk-Musik (oft auch mit 12-saitigen Gitarren), während die Kompositionen oft ausschweifend neoklassisch und vergleichsweise avantgardistisch anmuteten. Der „Primitivism“ bezieht sich somit höchstens auf die instrumentelle Limitierung dieser Spielrichtung. Fahey war der große Begründer des Genres, doch auch Basho entwickelte sich bald nach seinem Debüt, Mitte der Sechziger, zu einer Lichtgestalt dieses Stils.

Warum widme ich in diesem Text nun ausgerechnet Robbie Basho und nicht etwa John Fahey? Zwar sind auch einige andere American Primitivism-Künstler äußerst interessant und gerade John Fahey hat über einen großen Zeitraum einige weithin anerkannte Alben geschaffen, aber am Ende ist es doch gerade Robbie Basho, der mich am meisten fasziniert. Dafür gibt es sicherlich einige Gründe. Zum einen wäre da die Verarbeitung und der Einfluss unterschiedlichster Kulturen in Bashos Musik. Basho war schon früh an fernöstlicher Philosophie und Kultur interessiert und durchlief daher, wie er es selbst nannte, in seinem Leben einige „Phasen“, in denen er sich jeweils mit den Kulturen Japans, Indiens, Persiens und der indigenen nordamerikanischen Bevölkerung beschäftigte. Dieser stetige Wechsel des Fokus macht den Hörgenuss seiner Alben noch mal um einiges interessanter. Darüber hinaus ist auch die lang andauernde Evolution seiner Musik zu nennen. War er zu Anfang noch ein typischer Vertreter des American Primitivism, ergänzte er seine Werke später um viele weitere Elemente und wucherte unter anderem in Gefilden gewöhnlicherer Singer/Songwriter- sowie auch neoklassischer Musik, zumal die Einflüsse der verschiedenen Kulturen gelegentlich auch Niederschlag in seiner Musik fanden.
Und zu guter Letzt gibt es noch ein Merkmal, das ihn stark von anderen Musikern des American Primitivism abhebt: seine Stimme. Der American Primitivism war meist ohnehin eine vollständig instrumentale Musikrichtung, da der Gitarre eben tatsächlich eine herausragende Sonderstellung zukam. So war der Einsatz von Gesang ohnehin schon ungewöhnlich. Dass Robbie Basho darüber hinaus noch über eine äußerst gewaltige, geradezu opernhafte Vibrato-Stimme verfügte, die er später auch in dramatischer Weise einzusetzen bereit war, verschob seine Musik endgültig in einen anderen Kontext als nur den des American Primitivism.

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Nachdem er Mitte der Sechziger zwei American Primitivism-Alben veröffentlicht hatte, versuchte er sich auf „Basho Sings!“ erstmals in der Verwendung seiner Stimme, die auf diesem Album, auch aufgrund der Hinwendung zu eher traditioneller Blues-Musik noch nicht vollständig glückte.
Danach kehrte er mit seinen beiden „The Falconer’s Arm“-Alben auch erst einmal wieder zum instrumentalen American Primitivism zurück. Zu diesem Zeitpunkt konnte man in seiner Musik, auch im Vergleich zu Fahey, schon den etwas stärkeren ostasiatischen Einfluss, hauptsächlich natürlich der irgendwie verwandt scheinenden Raga-Musik, erkennen. Seine nächsten drei Alben stellten dann jedoch einen deutlichen Bruch von seinem bisherigen Schaffen dar. Nicht nur der erneute Einsatz seiner Stimme, sondern auch die Art, wie der Gesang vorgetragen wurde sowie deutliche Veränderungen im allgemeinen Klangbild sorgten für eine zwar gewohnte, aber doch deutlich veränderte Stimmung. Auf dem 1969 erschienenen „Venus In Cancer“ versuchte er sich erstmals an noch stärker neoklassisch und avantgardistisch orientierten Kompositionen, die aber in Kombination mit seinen Vocals und einer etwas veränderten Melodieführung gleichzeitig auch etwas leichter zugänglich, letztendlich geradezu eingängig wirkten. Auf dem 1972 erschienenen „The Voice Of The Eagle“ sind sogar einige kürzere Songs enthalten, denen ein deutlicher Einfluss der damals beliebten, gewöhnlichen Singer/Songwriter-Musik anzuhören ist. Die dramatischen Vocals Bashos dürften damals aber für das meiste Aufsehen gesorgt haben, da sie ihn am stärksten von anderen Vertretern seines angestammten Genres abhoben, aber gleichzeitig auch nichts mit dem Gesang normaler Singer/Songwriter zu tun hatten. Sein nächstes Album, das 1974 erschienene „Zarthus“, sollte allerdings wieder einen deutlich veränderten Sound aufweisen. Hier ist sein Interesse an asiatischer Kultur, Philosophie und Musik wohl am stärksten auch im eigenen musikalischen Schaffen herauszuhören. Das Album stellt den Höhepunkt seiner Beschäftigung mit der persischen Kultur dar und so sind seine, hier wieder etwas stärker an den American Primitivism angelehnten Stücke, auch deutlich von persischer und indischer Musik beeinflusst. Auch der zwanzigminütige Closer „Rhapsody in Druz“, der aus Bashos dramatischem Gesang und Pianomelodien besteht, stellt durch die vollständige Abwesenheit einer Gitarre in dieser Weise ein Novum im Werk Robbie Bashos dar.

Es dauerte aber noch vier weitere Jahre (eine für Basho ungewöhnlich lange Schaffenspause), bis er 1978 sein bis heute wohl bekanntestes und meiner Meinung nach definitiv auch bestes Album veröffentlichte. Auf dem herausragenden „Visions Of The Country“ vereinte er alle seine Stärken und schuf so ein zeitloses, extrem interessantes und, noch wichtiger, wunderschönes Werk.

Schon visuell kam das Album als Sonderling in der bereits umfangreichen Diskographie daher. Basho selbst war auf dem Cover nicht zu sehen, weder in asiatischen Outfits fotografiert, noch (wie auf „Zarthus“) als psychedelisches Gemälde. Allerdings gab es auch keines der etwas seltsamen, teilweise eher geschmacklosen Motive wie auf seinen eingängigeren Alben, Anfang der Siebziger, zu sehen. Stattdessen ziert das Cover eine, von einem schlichten weißen Rahmen umschlossene, triste, nordamerikanische Landschaftsaufnahme mit ländlichem Hof und imposanter, schneebedeckter Bergkette im Hintergrund.

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Die von diesem Cover erweckte Stimmung spiegelt der großartige Opener dann auch gleich wider. Mit vorsichtigem Gitarrenzupfen beginnend, entwickelt sich „Green River Suite“, eine Ode an die Umgebung um den Fluss Green River in Wyoming, zu einem treibenden, unvorhersehbaren American Primitivism-Song, der mit seinem genialen Gitarrenspiel geradezu wie eine Meditation über diese beeindruckende Landschaft wirkt. Die eindrucksvollen Vocals kommen auch hier wieder zum Einsatz, allerdings klingen sie nicht mehr so naiv wie auf früheren Alben, wenngleich Basho nichts an seiner Stimmgewalt eingebüßt hat und der Gesang in seinem dramatischen Höhepunkt ekstatischer denn je klingt, wenn er seine vorangehende Lobpreisung Wyomings und des Green River („My home is Wyoming / Green River Wyoming / Wild and free / Oh you river / You smell like heaven to me“) mit den stimmgewaltigen Ausrufen „Wyakonda / Wyakin / Oh Wyoming“ abschließt. Schon an dieser Stelle sollte dem geneigten Basho-Hörer der Atem gestockt haben, da der Musiker hier all seine Spiel- und Kompositionskunst aufbietet und allein mit dem Opener einen der intensivsten Momente seiner Diskographie, ja des ganzen Genres kreiert. Im Folgenden gibt es immer wieder auch normale American Primitivism-Songs zu hören, denen sogar teilweise ein deutlicher Einfluss traditioneller Blues-Musik anzumerken ist. Mit den längeren Stücken, beispielsweise dem ebenfalls wunderschönen „Rocky Mountain Raga“, führt Basho aber im Wesentlichen den auf dem Opener eingeschlagenen Weg fort. Ein weiteres Highlight des Albums ist das die erste LP-Seite abschließende „Blue Crystal Fire“, ein für Basho sehr ungewöhnlicher Song, da hier vollständig auf Fingerpicking verzichtet wird und so große Zugeständnisse an das Singer/Songwriter-Genre gemacht werden. Dass dabei aber einer der besten Songs dieses Genres überhaupt herauskommt (ja, keine Übertreibung), der durch die Vocals nur noch einmal in andere Sphären gehoben wird, ist nur ein weiterer Beweis seiner Genialität. Mit Piano-Einschüben, einer guten Mischung aus American Primitivism, einem eingängigeren Anteil und sogar Pfeifen ist auch der restliche Teil des Albums ein Genuss und macht das Werk im Kontext des American Primitivism sowie darüber hinaus zu einem herausragenden Klassiker, der außerdem eine der schönsten musikalischen Liebeserklärungen an eine bestimmte Landschaft, in diesem Fall die Rocky Mountains Wyomings, darstellt, die ich bisher so hören durfte.

Die nachfolgenden Alben fanden dann leider deutlich weniger Beachtung als all sein vorheriges Schaffen. Nach „Visions Of The Country“ war Robbie Basho nämlich weiter produktiv und veröffentlichte bis 1984 vier weitere Alben, die stilistisch zwischen gewöhnlichem American Primitivism, eher gewöhnlicherem Folk auf „Rainbow Thunder: Songs Of The American West“ sowie einer eher neoklassisch ausgerichteten Herangehensweise auf „Art of the Acoustic Steel String Guitar 6 & 12“ schwankten. Gerade letztes Album ist noch einmal sehr interessant, da Basho hier, auf der Basis seines American Primitivism, versuchte, die Stahlsaitengitarre noch weiter als Instrument auch der klassischen Musik zu etablieren und ihm dabei einige durchaus sehr gelungene Kompositionen wie z.B. der Opener oder das sogar von Gesang begleitete „Pasha II“ glückten.

Robbie Basho starb 1986, im Alter von nur 45 Jahren an einem Schlaganfall, der aus einem medizinischen Unfall resultierte. In seiner 20-jährigen Schaffensphase hat er jedoch einen große Diskographie mit einigen wunderbaren Alben produziert und sich als weiterer Pionier des American Primitivism profiliert, der diesen außerdem um Vieles bereicherte und seine Grenzen in unterschiedlichste Richtungen zu transzendieren verstand. Gerade sein Album „Visions Of The Country“ wird mir, wie vielen anderen, glücklicherweise immer als Werk immenser musikalischer Schaffenskraft und Kreativität sowie großer Emotionen erhalten bleiben.

Robbie Basho-Archives

Levskin [Leonard R.]

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