Between the Buried and Me – farbenfroh ins Koma, Teil 1

Auch wenn sich die Extreme der entgegengesetzten Meinungen über die amerikanischen Progressive Metalcoreler von Between the Buried and Me mittlerweile ein bisschen gelegt haben, gehören sie doch weiterhin zu den Bands, welche in der Lage sind, eine starke Polarisierung in der Metalwelt hervorzurufen. So ist man auch schnell geneigt, die Hörerschaft in leidglich zwei Lager aufzuteilen, also der Band den Status einer „hasst man oder liebt man“ Gruppe anzuheften.
Persönlich zähle ich mich, wenngleich ich ordentliche Anlaufschwierigkeiten mit der Herangehensweise der Amerikaner bekundete, mittlerweile eindeutig zum Lager derjenigen, die geneigt sind, der Band den Status als beste momentan aktive Progressive Metal Band anzuheften. So ist das im Juli erschienene neue Album „Coma Ecliptic“ für mich Grund genug gewesen, mich wieder einmal ausführlich mit der Banddiskographie bis „Alaska“ zu beschäftigen. Diese Beschäftigung hat mich dann auch dazu bewogen, hier den – schon beinahe kühnen – Vergleich zwischen dem 2007 erschienen „Colors“ und dem aktuellen Werk anzustellen.

Beginnen möchte ich hierbei mit dem grösstenteils unbestrittenen Referenzwerk von Between the Buried and Me, welches zugleich auch mein Einstiegsalbum war und sich mit der Zeit zu einem grossen persönlichen Favoriten herauskristallisiert hat. Das 2007 erschienene „Colors“ ist – entgegen der spontanen Eingebung, die bei der Betrachtung von Titel, der Zuteilung von einzelnen Farben an jeden der acht Songs und Artwork schnell aufzukommen vermag – nicht als Konzeptwerk angelegt. Nichtsdestotrotz kommt „Colors“ als zusammenhängendes Album daher, das eine ausgiebige Beschäftigung beinahe ausschliesslich über die volle Albendistanz verlangt. So soll auch die folgende Vorstellung mehr eine Begleitung und Eindrucksschilderung der Reise, die „Colors“ ist, darstellen, als ein richtiges Review, denn anders – wie man vielleicht sehen wird – ist dieses Monster von einem Album kaum zu bewältigen.

Den Einstieg macht das Doppel „Foam Born (A) the Backtrack“ und „(B) The Decade of Statues“, das nicht nur titelmässig zusammenhängend daherkommt, sondern auch einen nahtlosen Übergang bildet. Der Einstieg gestaltet sich, betrachtet man die Genreeinteilung, überraschend sanft. Nach einem kurzen Pianointro mit gehauchtem Gesang breiten BTBAM erstmal den Arena Rock Teppich aus, bevor dann mit Teil B der Wahnsinn losgeht. Man ist beinahe versucht, den Amerikanern den Versuch einer gehörtechnischen Katharsis nahezulegen, so erbarmungslos und geradeaus nach vorne arbeitend gehen sie in den ersten Minuten hier vor. Hier regiert unumstritten der Metalcore der alten Tage, wenngleich mit einer stark progressiven Herangehensweise verfeinert. Neben Breakdown regieren hier fette, den Hörer niederdrückende Gitarrenriffs, die teilweise innert wenigen Takten sowohl Rhythmen- wie auch Tempiwechsel erfahren. Tommy Roger tut mit seinem Kreisch- und Keifgesang das Übrige. Doch das Konzept geht nahtlos auf, der Hörer wird regelrecht überfahren und versucht beinahe hilflos irgendwie einen roten Faden zu finden, beziehungsweise einen Punkt, an dem man von der Heftigkeit der Musik mal aufatmen kann. Diesen Punkt liefern die Amerikaner- als wollten sie die Intensität des Songs dadurch stärker betonen – leidglich für ein paar wenige Sekunden mittels eines jazzig-ambientesken Einschubes, der dann sofort von progressiven Gitarrenläufen und Breakdowns wieder abgelöst wird.

Das Ziel der Katharsis und des mentalen Erschöpfens des Hörers wird auch dadurch noch augenfälliger, als das „Informal Gluttony“ eine kleine, aber doch bedeutende Pause nah den vorangegangenen Stücken einlegt. Nach dieser eröffnen tribalmässige Trommeln und beinahe orientalisch angehauchte Gitarrenläufe das Stück, bevor dann die eigentlich Reise, die „Colors“ darstellt beginnt. Man fühlt sich wie in die Weiten des Weltalls hinausgeschleudert, wo man sich nun unbekannten Kräften gegenüber sieht, dargestellt durch die mal beinahe thrashigen und mal progressiv-vertrackten Riffs, welche den Hörer wie ein Spielball hin- und herschleudern. Nur Sekundenbruchteile lang vermitteln BTBAM einem die immensen Weiten und die Tiefe, zu welcher „Colors“ fähig ist, während des wunderbaren, gänsehauterregenden „Refrains“, der die unglaubliche Eindringlichkeit von Rogers Klargesang beeindruckend zu unterstreichen vermag:
„Feed me fear, informal…
Feed me fear, immortal“

Die durch diesen Refrain hervorgerufene Assoziation von räumlicher Weite steht im perfekten Kontrast zu den klaustrophobieerzeugenden und einengend wirkenden Gitarrenwänden, die während dem Rest des Songs hervorbeschworen werden. Im nun folgenden Songtrippel wird ebendiese Notion, wie auch die Weltraumassoziation, noch weiter vertieft. Den Anfang macht dabei das wiederum mit extrem vertrackten Gitarrenriffs, welche dieselbe Assoziation von heranrückenden Wänden, unsichtbaren Kräften, die einen erdrücken, hervorrufen mögen. Doch beinahe unbemerkt lockert sich der Druck immer weiter und Between the Buried and Me fördern wieder den Eindruck von unendlicher räumlicher Tiefe herbei, in die Riffs immer weiter „ausgezogener“ werden und immer weiter verfasern. So entsteht ein fantastischer Wechselspiel, das in eine spiralähnlichem Gitarreninferno und einem zirkusreifen Nervenzusammenbruch endet. Bereits hier ist man nur noch Passagier und sieht mit Faszination und Schrecken das Schauspiel aus unendlich scheinenden Motiven und Melodien, welche aus der sich immer weiter drehenden Spirale hervorgehen, wobei eine schöner als die andere scheint und gleichzeitig von der nächsten abgelöst wird. Der Brüllgesang Tommy Rogers verstärkt die einengende Wirkung der Core-mässigen Riffs genauso gut wie der zerbrechliche wirkende Klargesang die Tiefe der leichten, von klaren Gitarren getragenen Momenten verstärkt. So arbeitet sich das Wechselspiel bis zu seinem emotionalen Höhepunkt, der gleichzeitig dem musikalischen Beinahstillstand entspricht, wenn Roger in fast ausschliesslicher Stille so einnehmend und zerbrechlich singt:
„I am floating towards the sun,
the sun of nothing”
“Ants of the Sky” verfolgt einen äusserst ähnlichen Ansatz, spannt aber das Wechselspiel noch weiter und versärkt die Extreme noch mehr. Between the Buried and Me schrecken hier vor nichts mehr zurück, weder vor Bluegrass-Zwischenstücken noch vor den mahlstromartigen Gitarren, die wiederum die Spiralassoziation hervorrufen, aus der eine Gitarrenmelodie nach der anderen entspringt, ein Spektrum, das den Vergleich mit der Vielfältigkeit der Farben beleibe nicht zu scheuen hat. Ebengenau hier zeigt sich der enorme Reiz, den „Colors“ auszustrahlen vermag, da es den Hörer immer wieder den Extremen aussetzt und weder vor Kitsch noch vor Eingängkeit haltmacht und gleichzeitig eine enorme spielerische und technische Brillanz aufweist. Die Melodie erzeugen unnachahmbare Gänsehaut, die drückenden Riffs drücken die Luft aus dem Raum und gleichzeitig bewegt man sich unaufhaltsam vorwärts, auf ein unbekanntes Ziel. Wieder muss ich die Spiralassoziation heranziehen, die sich ständig dreht, immer wieder neue Melodien, Details und Gänsehautmomente auswirft und dennoch weder stillsteht noch an einem Punkt verharrt, sondern auf ein unbekanntes Ziel hinzuarbeiten scheint. In diesem längsten Song des Albums kommen als diese Gegensätze und Schönheiten am besten ans Licht, wobei gleichzeitig auch immer wieder Rückgriffe auf vergangene Motive erkennt werden wollen, die jeden Durchlauf zu einer neuen Reise werden lassen.

„Prequel to the Sequel“ stellt dann so etwas wie der Abschluss dieser vier Songs dar und beginnt beinahe ungewohnt leichtfüssig, überrascht aber gleichzeitig mit einem wunderbaren Rückgriff auf das Refrainmotiv von „Informal Gluttoy“. So auf ein vermeintliches Ziel hin arbeitend klingt „Colors“ bis zu diesem Zeitpunkt nie. So intensivieren sich nach und nach Melodien, Gesang und Tempo zu einem immer wieder durch Einschübe und einem Klezmer-artigen Zwischenspiel unterbrochenen Mahlstrom, der im – nun als Ziel erkennbaren – Urknall zu enden scheint, in dem Rogers den emotional-vernichtenden Höhepunkt dieses Albumparts herausschreit, nachdem dann unter verzweifelten Schreien der Song nach und nach sich einem Fade Out hingibt:
„How hadn’t it noticed a drastic change in the surroundings…”

Das darauffolgende “Viridian” stellt dann – ähnlich dem tribalmässigen Einstieg von “Informal Gluttony“ – wieder einen kleinen Bruch und Übergang dar. Ein kurzes, von tollem Basspiel getragenes Zwischenstück, das wie eine Antipode zum vorhergehenden emotionalen Ausbruch und zum darauffolgenden Albumabschluss wirkt.
Ebendieser Abschluss wird dann vom längsten Song, dem 14-minütigen „White Walls“, herbeigeführt. Nachdem die thematische Spirale in „Prequel to the Sequel“ geborsten und daraufhin in sich zusammengefallen ist, sieht man sich in diesem Song nun allen Bruchstücken und dem übriggebliebenen offenen Raum gegenüber. Man fühlt sich verloren, nun als endgültig wehrloser Spielball der Gravitationskräfte, welche Between the Buried and Me hervorrufen, in dem die Riffs nun noch vertrackter, noch verschachtelter und drückender erscheinen. Gleichzeitig beginnt aber hier und da auch eine Art Auflösung, eine willkommene Klarheit in der Struktur, die zeigt, dass sich der Song gegen Ende hin immer weiter verdichtet und immer nachvollziehbarer zu werden scheint. Die Spirale wird nach und nach wieder zusammengesetzt, bekannte Motive wieder aufgegriffen, die weissen Wände aufgezogen und so arbeiten sich – den Hörer nach Luft ringend zurücklassend – Between the Buried and Me dem gloriosen Albumende entgegen. Begleitet von dem mitreissenden Statement „This is all we have, when we die, we will be remembered for this“, gelangen Between the Buried and Me mittels einem stakkatoartigen Hindernislauf durch unzählige Riffs und Rhythmen, während drei Minuten eine Gänsehautmelodie nach der anderen hervorholen und mit jeder neuen Melodie den Hörer ein bisschen mehr zu verzaubern mögen. Es ist dies ein grossartiger, mitreissender und emotional niederdrückender Abschluss einer Reise, die kaum zu beschreiben und kaum nachzuvollziehen ist, aber genau deswegen umso mitreissender und begeisternder ist.

Die Faszination hinter „Colors“ zu erklären gestaltet sich so schwierig wie die geistige Reise zu beschreiben, ein Versuch ich oben gemacht habe. Am evidentesten ist wohl die absolute musikalische Grenzenlosigkeit und die hemmungslos ausgelebte Kreativität, welche Between the Buried and Me auf diesem Album an den Tag legen. Metalcore, Death Metal, Progressive Metal, Bluegrass, Stadionrock und unzählige weitere musikalische Richtungen werden verarbeitet, nach Belieben herangezogen und immer wieder neu zusammengesetzt. Dass sie dabei keinem richtigen Muster zu folgen scheinen, sondern den Fokus leidglich auf den Moment legen, ist wohl das grosse Geheimnis hinter „Colors“. Wenngleich das Album einer Reise gleicht, sind die einzelnen Teile, sprich die Melodien, Breaks und Riffs, so konzipiert, das jedes einzelne für sich bereits ein Highlight darstellt. Between the Buried and Me zielen auf den einzelnen Moment und versuchen gleichzeitig, so viel Emotionalität und Gänsehautmomente wie möglich in diese knappen 65 Minuten zu verpacken, dass jeder Durchlauf von neuem mitreisst und fasziniert. Man kann es Effekthascherei nennen, doch für mich persönlich macht ebendiese Konzentration an emotionalen Höhepunkten, vermischt mit der enormen Spielfreude und der Kreativität, den ewigwährenden Reiz von „Colors“ dar und ist mit ein Grund, warum das Album – nach einer doch relativ langen Eingewöhnungszeit – immer wieder grosse Begeisterung hervorruft. Denn sowie man zu Beginn völlig überfordert und hilflos von der Intensität überfahren wird, so kann man sich nach und nach in diesem Chaos gehenlassen und nichts weiter tun als beobachten und geniessen wie sich die Spirale im ewigen Raum immer wieder von neuem dreht und neue Motive und Melodien erzeugt.

Wie sich, 8 Jahre nach diesem kreativen Overkill, das neuste Werk der Amerikaner im Vergleich anfühlt, werde ich im nächsten Bericht darlegen.

Tiz [Tizian C.]

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