Zurück in die Zukunft, und wieder zurück: Synthwave

Dass ausgerechnet mich das Fieber der Synthwave-Welt gepackt hat, sollte auf reichlich Verwunderung stoßen, so kann ich auf den ersten Blick wenig Bezug zu der zelebrierten Dekade aufbauen. Als ’90er Jahrgang bin ich ein Kind der Neunziger, bin kein passionierter Kinogänger (kenne also die wenigsten ikonischen Filmtitel) und auch mit Videogames habe ich reichlich wenig am Hut. Zumindest sind mir die Spiele aus den 80ern nicht unbedingt bewusst und jene zu meiner Zeit habe ich auch stets nur mit halbem Interesse verfolgt. Wie schafft es also ein derartiges auf Retro basierendes Subgenre meine Gunst zu gewinnen? Bei diesem Rundumschlag werde ich meine gesammelten Erkenntnisse zusammentragen und die mir persönlich am aufschlussreichsten Referenzen, die zu der Entwicklung und zum Bestehen von Synthwave beigetragen haben, ein wenig vorzustellen. Als Disclaimer sei hiermit gesagt, dass ich die meisten dazugehörigen Medien, auf die sich die Künstler der Bewegung konzentrieren, höchstens aus zweiter Hand kenne und daher die älteren Semester die Lücken selbst ausfüllen sollten, während die anderen Leser herzlich dazu eingeladen sind, selbst ein wenig in der weiten Welt der Achtziger zu schmökern, nicht nur um die Hommages der Synthwave-Interpreten identifizieren und wertschätzen zu können.

Anfangen sollte man beim Namen, denn hier geht die Verwirrung bereits los. Auch wenn die Bezeichnung nun als die Etablierteste gilt, sollte gesagt sein, dass Synthwave bereits in den Achtzigern für eine bestimmmte Mixtur aus Synthpop, Minimal Wave und Post-Punk (eben die zu der Zeit aktiv bedienten Genres) stand, die besonders großen Wert auf die Synthlines setzte. Doch man kennt das bereits von anderen Bewegungen, die mit der Zeit einiges vom Grundgedanken Ihres Namens einbußen mussten. So erinnere man sich nur an Industrial oder Emo, die vor gut dreißig Jahren andere Assoziationen weckten als heutzutage. Nur sollte man sich die aktuelle Inkarnation von Synthwave weniger als Wiederbelebung denn als komplett neuen Term vorstellen.
Weitere verbreitete Bezeichnungen wären 80’s Synth, Retrowave, Chillwave und Outrun, mit denen man sämtliche Vertreter der Bewegung auffinden sollte. Gerade das letzte Tag, Outrun, macht keinen Hehl daraus, was als Inspiration für die Musik galt. Als Rennspiel der späten Achtziger ist es bekannt geworden, veröffentlicht in Arcade-Form sowie für den Heimgebrauch auf den Sega-Konsolen. Wieso es ausgerechnet dieses Spiel geschafft hat, sich als Quelle für Synthwave zu entpuppen, kann man schlecht zurückverfolgen, aber es dürfte zum Einen sicherlich daran gelegen haben, dass es vergleichsweise ausgefeilte Tracks beinhaltete, die auf den sehr idealisierten Straßen der jeweiligen Strecken zu hören und vom Spieler selbst auswählbar waren. Natürlich spielten weitere Faktoren eine Rolle, die OutRun zu einem Kultklassiker machten, doch wollte ich mich ja primär mit der Musik auseinandersetzen, die bei diesem Spiel von Hiroshi Kawaguchi stammte. Die Tracks lassen sich einerseits zurückführen auf Bands wie die japanischen Casiopea, die mit ihrem Jazzrock für die smoothe, aber auch mal verspielte Note des Sounds verantwortlich waren und andererseits Miami Sound Machine, wahlweise mit Gloria Estefan als Frontfrau, die, wie der Name schon sagt, einen sorgenfreien Synthpop mit Beats für den Sommer praktizierten. Durch den Soundchip des Sega Master Systems gejagt, hatte Kawaguchi den perfekten Soundtrack für entspannte Autofahrten geschaffen, die bis heute als musikalische Grundlage für viele aktuelle Synthwave-Projekte gelten.

So ist es nicht weiter verwunderlich, wenn der erste Mainstream-Auftritt von Synthwave durch einen Film erfolgte, der „Drive“ bereits im Namen hat. 2011 schaffte Kavinsky das Kunststück, mit einem äußerst nostalgischen Sound seines Hits „Nightcall“ die Achtziger musikalisch einigermaßen wiederzubeleben. Dass man nicht direkt von einem Revival sprechen kann, werde ich später kurz ausführen, doch fing Kavinsky den markanten Spirit ein, der ziemlich eindeutig den Achtzigern zugeordnet werden konnte und bewies damit, dass es nicht unbedingt neue Trends, wie zu der Zeit z.B. den Dubstep, gebrauchte, um eine musikalische Aufmerksamkeit für den Film zu erreichen.
An der Produktion und Komposition dieses Tracks war jedoch noch jemand verantwortlich, und zwar Guy-Manuel von Daft Punk. Wenn man bedenkt, dass es seit den Neunzigern eine eifrige French House-Szene gab, die gerne schon Stilelemente und Samples der Achtziger aufgriff, so macht es schon irgendwie Sinn, dass der Push in das Blickfeld der Masse ausgerechnet durch jemandem aus der Ecke erfolgte.
Anzumerken ist jedoch, dass „Nightcall“ fast schon eher dem Synthpop als Synthwave zuzuordnen wäre, doch trug er genügend Elemente dessen, was im Untergrund bereits ausgelebt wurde, dass er die Leute, die zum Beispiel sehr von „Drive“ fasziniert waren, dazu brachte, mehr darüber in Erfahrung zu bringen. Das Label Rosso Corsa existierte zum Beispiel bereits zuvor und hielt mit ihren zwei Gründern Michael Glover (bekannt als Miami Nights 1984) und Garrett Hays (bekannt als Lazerhawk) die Fahne der Achtziger schon emsig nach oben, noch bevor die Leute Kavinsky kennenlernen durften. Auch in Frankreich selbst etablierte David Grellier (College) mit seinem Label Valerie eine kleine Community, die später Künstlern wie Perturbator, ebenfalls Franzose, den Weg ebnete.

Wenn man sich anschaut, was die meisten Synthwave-Künstler gemeinsam haben, und was nicht, wird man feststellen, dass das vermeintliche Mikrogenre aus den verschiedensten Wurzeln und Assoziationsfeldern stammt. Der Kern der Musik besteht vordergründig darin, Erzeugnisse der Achtziger aus Film, Videospiele und Popkultur aufzugreifen und in den Sound zu packen, der auf den ersten Blick direkt aus der selben Zeit stammt. Quasi eine pointierte Replikation, die sich die Rosinen der Dekade herauspickt und in etwas Neues steckt.
Wie oben bereits beschrieben, schienen bei Videospielen primär die rasanten Soundtracks, wie eben von OutRun, als Vorlage herzuhalten, aber auch generell bediente man sich Soundtracks diverser Filme, die die Achtziger prägten. Dafür kämen sicherlich so einige in Frage, doch gezielt verarbeitet werden im Synthwave zumeist die Kompositionen von Brad Fiedel („Terminator“), John Carpenter und Vangelis („Blade Runner“), beides Filme, die durch ihre atmosphärischen Einsätze von Synthesizern als Kult gelten. Schaut man sich Künstler an, die jene als Muse für ihre Musik sehen (Perturbator, VHS Glitch, Trevor Something, uvm.) so wird man oft auch einen bedrückenden Unterton in ihren Kompositionen wiederentdecken, der gerne mit „Dark Synth“ umschrieben wird und die Liebe für die erwähnten Sci-Fis deutlich zum Ausdruck bringt. Nicht selten erfinden die Interpreten eine kompakte Narrative für ihre Alben, die das entsprechende Setting einfangen sollen und irgendwo auch als Ersatz für die Vocals dienen, die eher seltener bei jenen Künstlern zum Einsatz kommen.
Serien wie „Miami Vice“ boten sich selbstverständlich auch als Inspiration an, so wird in dem Bereich gerade im Visuellen viel mit derartigen Referenzen gespielt. Seien es Neonfarben, Schriftzüge in Chrom oder Strände in Kombination mit Straßen, Drinks und Sonnenuntergängen, so finden diese häufig Verwendung in den Synthwave-Regionen, die speziell dem OutRun oder Chillwave zugeordnet werden können. Musikalisch zeichnen sie sich durch ihr gediegenes Tempo, überschaubarer Komplexität und auch sonst ausgelassenen Beatfolgen aus.
Allzu einfach kann man es sich bei der Einteilung am Ende doch nicht machen, da sich viele Synthwave-Vertreter von den verschiedensten 80er-Elementen bedienen und auch mit unterschiedlichen Synthwave-Formen vermischen, weshalb gerade Compilations relativ populär sind. Dass sich all die Künstler durch die Liebe zur Nostalgie unter einen Hut bringen lassen, wurde am Effektivsten bei den Hotline Miami-Spielen ausgenutzt, die für ihre Reihe zahlreiche Interpreten zusammentrommelten und auch durch ihren Erfolg damit deutlich machten, dass Kavinskys „Nightcall“ kein Zufallstreffer war. Im Gegenteil, so nahmen in den letzten Jahren die Soundtracks, die von Synthwave-Künstlern getragen wurden, immer mehr zu, sei es in der Film- oder Gamesbranche. Zu erwähnen wären da Far Cry 3: Blood Dragon mit Musik von Power Glove, Kung Fury mit Beiträgen von u.a. Mitch Murder oder Betamaxx und aktuell Turbo Kid mit dem Chiptune-lastigen Synthwave von Le Matos, was ich als Win-Win-Situation für alle Beteiligten sehe.

Synthwave lässt sich natürlich noch weiter sezieren, wenn man konkret auf die Ursprünge des Italo-Disco oder French House zurückgehen möchte, um die klaren Vorläufer zu finden, die zum heutigen Verständnis von Synthwave geführt haben, doch käme man damit nur vom Hundertsten ins Tausendste. Will man mehr über die jeweiligen Hintergründe wissen, so sollte sich mit den Interpreten direkt auseinandergesetzt werden. Anbieten tut sich diese Analyse bei James Kent (Perturbator), der mein persönlich erster Kontakt mit dem Genre war und der durch seine Popularität, vor allem wegen seiner Soundtrack-Beiträge zu Hotline Miami, genug Coverage in den Blogs und Foren des Internets erhalten hat. Zur Zeit ist er bei Blood Music unter Vertrag, einem eher auf Metal ausgerichteten Label, über das nächstes Frühjahr sein neues Album „The Uncanny Valley“ erscheinen soll.
Einander gefunden hat man sich auf der einen Seite durch Kents Vergangenheit in der Metalszene, wo er zum Beispiel Beziehungen zu französischen Bands wie Antaeus aufbauen konnte, und auf der anderen Seite durch die eigenen Experimente mit Synth-Musik des Labelbetreibers, der so natürlich der ganzen Synthwave-Bewegung nicht abgeneigt war. Im Gegenteil, so zog er sich bereits GosT und Dan Terminus an Land, die sich mit ihrer härteren Gangart gut neben Perturbator im Roster sehen lassen können. Sowieso scheinen diese Vertreter des Synthwaves auf überraschend hohe Akzeptanz in der Metal-Community zu stoßen; so erhielt Perturbator für das Nidrosian Black Mass in Belgien einen Slot, inmitten von Black und Death Metal-Bands, was ihn zu einem Kuriosum des Festivals machen wird.

Wer sich also mit Synthwave beschäftigt und mehr als nur die Synthpop-Front erleben will, sei hiermit dazu aufgefordert sich ins Getümmel zu stürzen und sich seine Favoriten auszugucken. Schade ist hierbei, dass es kein wirkliches Kompendium gibt, welches das Genre so aufzudröselt, wie ich es in meinem Post versucht habe; weder ein kaum aufzufindendes Synthwave-Wiki noch die Wikipedia-Seite geben viel her, weshalb man schnell auf Eigeninitiative umschalten muss. Erste Anlaufstelle wären die Labels bzw. die Bandcamp-Seiten der Künstler, mithilfe derer man schnell die Beziehungen und Connections untereinander in Erfahrung bringen kann. Als hilfreich stellte sich auch diese rym-Liste heraus, die von Genre-Fans der Seite zusammengetragen wurde und meine Empfehlung für eine solide Grundbasis darstellt. Als kleiner Geheimtipp wäre noch NewRetroWave zu nennen, die einerseits als Label agieren, aber gleichzeitig auch im Synthwave beheimatet sind und verschiedene Aktionen und News anbieten, die einen auf dem Laufenden halten und gleichzeitig mit den qualitativ hochwertigen Acts der Szene konfrontieren.

Synthwave bleibt ein faszinierendes Phänomen, welches nicht nur Nostalgikern formidable Musik präsentiert; siehe mich als bestes Beispiel. Das Risiko, dass das Genre irgendwann übersättigt sein wird, steigt zwar mit jedem neuen Interpreten, der die immerselben Motive und Logos neu aufträgt, doch haben wir das Glück, dass es im Synthwave keine Künstler gibt, die einen Output nach dem nächsten raushauen, sondern sich schon ihre Zeit für ihre Releases nehmen. Auch die umschriebene Diversität machen gewisse Parallelszenen möglich, die erst nach und nach voneinander mitbekommen und profitieren können, sei es als Fan oder Interpret selbst. Wenn ihr also mal die perfekte musikalische Untermalung für einen urbanen Spaziergang, Autofahrten bei Sonnenuntergang oder einfach alles, was euch in den Achtzigern bewegt (oder hätte bewegen können) wollt, so seid ihr mit diesem Genre mehr als genug bedient!

Hati [Daud B.]

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