Between the Buried and Me – farbenfroh ins Koma, Teil 2

Eine allererste Tatsache, die dem Hörer von „Coma Ecliptic“ auffallen dürfte, ist diejenige, dass es sich um einen ähnlich musikalischen Kontrast zum Vorgänger „The Parallax II“ handelt, wie es derjenige zwischen „Colors“ und „The Great Misdirect“ war.
So ist auch „Coma Ecliptic“ ein Album, das auf einen wilden, ungestümen und von starken Core-Einflüssen beherrschten Vorgänger folgt und gleichermassen seinen Fokus stärker auf die Progressive Metal Aspekte des Bandsounds von Between the Buried and Me legt.
Anders als „The Great Misdirect“ – oder auch „Colors“ – ist „Coma Ecliptic” als Konzeptalbum aufgebaut, das die Geschichte eines Mannes erzählt, der im Koma seine vorangegangenen Leben bereist und jeweils die Möglichkeit erhält, weiterzureisen oder stehenzubleiben. So unspektakulär, wie das klingt, so ist auch die Umsetzung zwar gelungen, jedoch nicht von ausserordentlicher Genialität begleitet, sodass man das Konzept zwar wahrnimmt, wenn man sich dessen bewusst ist, jedoch – anders als bei „Colors“ – nicht beim unvoreingenommenen Hören geneigt wäre ein solche anzunehmen.
Nun gilt es für „Coma Ecliptic“ aber vor allem in einem Bereich zu bestehen, der natürlich der musikalische ist. Wie bereits erwähnt, sind bereits beim ersten Hördurchlauf die Veränderungen und Entwicklungen, die der Bandsound in den letzten Jahren durchgemacht hat, evident. „Node“ eröffnet das Album auf sphärische und synthlastige Weise, die angenehm an frühere Gänsehautmomente erinnert. Leider ist auch beobachtbar, dass der Klargesang von Rogers nicht mehr ganz dieselbe Intensität der Vorgänger zu erreichen scheint. Dies kann einerseits der vergangenen Zeit, andererseits aber auch dem fehlenden Härtekontrast zugesprochen werden.
„The Coma Machine“, als erster vollwertiger Song auf dem Album, zeigt dann die ganze Bandbreite der Veränderungen, welche die Band durchgemacht hat. Wo früher das organisierte Chaos in Bezug auf Riffs und Melodien herrschte, so wirkt das Ganze nun so geordnet wie selten zuvor. Der Songaufbau ist nachvollziehbar und klug strukturiert, der zweistimmige Gesang wird eher spärlich eingesetzt und der Fokus liegt nun vermehrt auf Klargesang. Gleichzeitig sind die Riffs bei weitem nicht mehr so stark verschlungen und stakkato-mässig angeordnet wie zuvor. Fühlte man sich auf vorangegangenen Veröffentlichungen – und wie beschrieben insbesondere auf „Colors“ – inmitten einer chaotischen, undurchsichtigen Spirale aus verschiedensten Riffs und Melodien, die beinahe zusammenhangslos auf den Hörer niederprasselten, so haben Between the Buried and Me den roten Faden auf „Coma Ecliptic“ nicht nur gefunden, sondern nahezu erfunden.

„Dim Ignition“ stellt dann wiederum ein sphärisches Zwischenspiel dar, das konzeptuell ein bisschen an die durchgeknallten Bluesgrass oder Jazzeinwürfe von „Colors“ erinnern soll. Doch auch bei solchen eher unerwarteten Albenpassagen hat man das Gefühl, dass das Ganze nunmehr viel stärker kalkuliert und erzwungen ist, denn frei von der Leber weg gespielt. Die erfrischende, ungezwungene und exzessiv ausgelebte künstlerische Freiheit, die „Colors“ in so vielen wunderbaren Arten prägte, ist einer musikalischen Setzbox gewichen, aus deren Versatzstücke „Coma Ecliptic“ zusammengesetzt wird.
Äusserst stilprägend und das ganze Album hindurch auffallend präsent ist dabei der Einfluss des Progressive Rock. So werden immer wieder Breaks und Melodien gesetzt, die eindeutig diesem Einfluss zuzuordnen sind, gleichzeitig aber scheinen Between the Buried and Me beinahe durchgehend mit angezogener Handbremse zu agieren.
So braucht „Famine Wolf“ beinahe sechs Minuten voller ausgebremster und abgewürgter Ansätze bis sich, wenngleich nur für kurze Zeit, endlich mal die Leinen lösen und die Gitarren einen wundervollen, mitreissenden und für diese Band so typischen Melodienstrauss loslassen, der dann leider in „King Redeem / Queen Serene“ bereits wieder von tragenden, beinahe poppigen Passagen endet. Natürlich sind auch solche Momente nicht frei von jedweder Anmut und mit der Zeit findet man an dieser neu gelebten Eingängigkeit gefallen, doch im Vergleich zur ungehemmten Schönheit eines „Colors“ wirkt „Coma Ecliptic“ vor allem in solchen Momenten eher steif und kalkuliert. Zugegebenermassen entwickelt sich der Song dann mit der Zeit in eine tolle Zurschaustellung der verschiedensten Gesichter, welche diese Band annehmen kann, wechselt er doch gekonnt zwischen corelastigen, beinahe Death Metal artigen Passagen, mathcorelastigeren Riffsalven und epischen, beinahe Queen-esken Art Rock Einlagen.

Doch genau hier zeigt sich, worin sich die leichte Enttäuschung, welche „Coma Ecliptic“ bei Fans von „Colors“ hervorrufen dürfte, fusst. Die einzelnen Bauteile, welche die Grossartigkeit vergangener Alben ausgemacht haben, sind alle vorhanden, doch die Art und Weise, wie sie zusammengesetzt wurden, ist grösstenteils enttäuschend. So möchte ich weder der Band ihre Kreativität noch ihr songwriterisches Können absprechen, doch die Ungezwungenheit und kompositorische Freiheit, den nächsten Teil des Songs erst nach zwei völlig unerwarteten Abzweigungen dranzunehmen, scheint ihr beinahe vollständig abhandengekommen. Selbst in solchen Momenten wie im angesprochenen „King Redeemer/ Queen Serene“ wirkt das Ganze schon nach wenigen Hördurchläufen vorhersehbar und kalkuliert. Somit geht dann auch die unvergleichliche Fähigkeit, jeden Durchlauf trotz bekannter Elemente zu einer neuen emotionalen Tour De Force zu gestalten, eine Fähigkeit die „Colors“ nicht nur besass, sondern vollständig verinnerlicht hatte, schlichtweg unter. Während „Colors“, aber auch die beiden „Parallax“ Teile, die Fähigkeit besassen, den Hörer zu überrumpeln und mit offenem Mund sprachlos hinter sich zu lassen, wirkt „Coma Ecliptic“ beinahe handzahm. Das in der Mitte von „Turn on the Darkness“ angestimmte Solo steht symptomatisch für die neue Leichtigkeit, mit der die Band an das Album herangegangen zu sein scheint.

Für sich gesehen ist „Coma Ecliptic“ wohl in keiner Weise ein schlechtes Album. Es bietet im Grunde genommen alles, was ein modernes Progressive Metal Album bieten muss, so finden sich tolle Melodien, stark in Szene gesetzte Rhythmus- und Riffwechsel und auch für Eingängigkeit und Dramatik sind Between the Buried and Me auf ihrem neusten Output besorgt. So mangelt es auch nicht an Gänsehautmomenten, die nun zwar akzentuierter und gezielter auftauchen, aber dennoch vorhanden sind. So zum Beispiel im angesprochenen „Famine Wolf“, gegen Ende, oder auch im verrückt anmutenden „The Ectopic Stroll“ und allen voran in den letzten beiden Songs, die wahrlich einige der besten Minuten des ganzen Albums beinhalten.
So ist „Coma Ecliptic“ insgesamt ein tolles, empfehlenswertes Progressive Album geworden, das für sich alleine genommen durch ein grosses Abwechslungsreichtum und eine grosse Stilvielfalt ebenso zu überzeugen vermag, wie mit seiner Mischung aus Eingängigkeit und Härte. Gleichzeitig ist „Coma Ecliptic“ meilenweit von der überfordernden, überwältigenden und immer wieder sprachlos machenden Grösse eines „Colors“ entfernt, sodass man keinem Altfan vorwerfen kann, dass er „Coma Ecliptic“ nicht mag. Nichtsdestotrotz bleiben Between the Buried and Me wohl eine der besten aktiven Progressive Metal Bands, auch wenn sie wohl in Zukunft in ihrem eigenen Schatten stehen werden.

Tiz [Tizian C.]

Dieser Beitrag wurde unter Allgemein abgelegt und mit , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Hinterlasse eine Antwort