Idealismus der Klassiker

Egal ob Musiknerd oder nicht: Jeder wird schon einmal den Satz „Muss man kennen!“ gehört haben wenn es um bestimmte Bands oder auch Alben geht.
Im Laufe der letzten 50-60 Jahre haben sich einige Alben den Titel des Klassikers angeeignet. Ein von Musikliebhabern ehrfürchtig ausgesprochener Begriff, assoziiert mit der ultimativen Blaupause eines musikalischen Genres oder einer Zeitepoche. Mittlerweile ist dies ein sehr großer Topf. Die Suppe setzt sich zusammen aus Led Zeppelin, Pink Floyd, Metallica, Morbid Angel, King Crimson und etlichen anderen Bands. Alle aufzuzählen ist hierbei viel zu mühselig.
Es ist unbestreitbar, dass gewisse Alben einen massiven Einfluss auf die damalige Musikszene hatten, ebenso wenig wie der Einfluss auf die heranwachsende Jugend. Doch ernte ich von vielen mit meiner Meinung zu Klassikern blankes Entsetzen: In der Moderne ist der Klassiker längst überholt. Nichts weiter als die präparierte Leiche im Morgué. Deutlich sichtbar die Faszination der Anatomie und Physiologie, doch strahlt sie nicht mehr den Geist des Lebens aus, der diesen Körper einst heimsuchte.

Wenn ich mir einen Klassiker heute anhöre, dann behandle ich ihn genau so wie eine aktuelle Veröffentlichung. Warum sollte dies auch anders sein, wenn ich das Material vorher nicht kenne? Es mag zwar vorkommen, dass man mal ein oder zwei Lieder aus dem Radio noch kennt, die andauernd gespielt werden, doch der Rest ist mir noch unbekannt. Dies ist prinzipiell ähnlich wie bei aktuellen Veröffentlichungen. In der Regel gibt es immer einen Vorabtrack oder eine Single, die man sich anhören kann bevor es das komplette Album gibt.
Alleine dies ist für mich schon der erste wichtige Punkt, warum Klassiker meiner Meinung nach absolut nicht mehr zeitgemäß funktionieren. Würde ich das komplette Material im voraus kennen, so könnte ich Erinnerungen mit diesem assoziieren. Dies ist nicht der Fall. Die Musik muss sich mir nun bewähren und nicht die Nostalgie an diese. Und hier gibt es meiner Meinung nach einige weitere Aspekte, warum sie dies heutzutage nicht in dem Maße tun kann, wie sie dies damals vermochte.

#2: Die Produktion.
Für mich mit das wichtigste an einem Lied ist mitunter die Produktion. Grob gesagt: Ein schlechtes Lied wird durch eine gute Produktion nicht gut, aber ein gutes Lied wird durch eine schlechte Produktion unhörbar.
Aufgrund der technischen Weiterentwicklung ist es offensichtlich, dass es heutzutage deutlich einfacher ist eine kraftvolle und druckvolle Produktion zu erzeugen als damals. Aufgrund der analogen Aufnahmetechnik mussten die Bands ihre Lieder sofort komplett am Stück einspielen. Jegliche Störungen wurden mit aufgenommen. Kratzen, Rauschen, Hall, Stimmen, Spielfehler. Sicherlich mögen diese Aspekte ihren ganz eigenen Charme haben, doch klingt das Endergebnis extrem dünn, kraftlos und verwaschen. Aspekte der Musik kommen nicht richtig zur Geltung sondern werden von rauschenden Verstärkern unterdrückt.
Egal wie viel Einfluss ein Album zu seiner Zeit hatte und für die damalige Jugend als weltbewegend oder brutal wirkte (hier kommen die damaligen frühen Death Metal Alben zur Sprache): Wenn ich mir heutzutage „Leprosy“ oder „Altars Of Madness“ anhöre, dann klingen diese Alben durch meine tollen Sennheiser Kopfhörer einfach nur scheiße.

#3: Der Überraschungseffekt.
Wer weiß schon, was einen erwartet, wenn man ein neues Album auflegt und keinerlei Informationen darüber hat außer der Mundpropaganda des besten Freundes?
Durch das Internet sind wir in der Lage innerhalb von nur wenigen Klicks herauszufinden, welche Musikrichtung eine Band spielt, welche Instrumente vorkommen, welche Unterhosen die Mitglieder tragen…
Damals war dies nicht der Fall. Wären Musikgenres schon längst etabliert gewesen, dann wären Black Sabbath, Metallica und ähnliche Bands sicherlich mit ihren Veröffentlichungen in der Menge untergegangen. Der Grund für die Begeisterung der frühen Klassiker hat zu einem großen Teil auch etwas mit der Unvorhersehbarkeit des Materials zu tun. Diese Bands haben Pionierarbeit geleistet und etwas Neues erschaffen. Doch aus den Steinen die sie gelegt haben wurden von anderen Bands mit der Zeit Häuser gebaut. Letztendlich haben die Klassiker nichts weiter als den groben Umriss eines Gemäldes gezeichnet. Die Farbe haben schließlich andere Menschen an der Staffelei verwendet.

Dies geht Hand in Hand mit dem Songwriting einher. Auch hier ist bei den Klassikern nur eine sehr rohe Fassung dessen zu hören, zu was die Musikrichtung in den folgenden Jahren in der Lage war. Würden junge Musiker die gleichen Songstrukturen und Ideen verwenden, wie sie auf den alten Klassikern zu hören sind, so würden diese verglichen mit anderen Musikern, die diese bekannten und mitunter schon tot-gespielten Strukturen nutzen, um sie mit eigenen kreativen Ideen zu erweitern, vollkommen gesichtslos und langweilig erscheinen. Daher verstehe ich es ebenso wenig, warum vielen Leuten, die nach neuer Musik suchen, 30 Jahre alte Klassiker empfohlen werden anstelle der Musik, die wirklich mit frischen Ideen begeistert. Wenn ich mich nach Mode umschaue dann ziehe ich doch auch keine Lederhosen aus dem 19. Jahrhundert an, bis ich mich dann gut genug auskenne, dass ich mir auch mal eine Jeans anziehe.

Letztendlich bin ich froh, dass durch diese Klassiker die Musikrichtungen erschaffen wurden, die ich heutzutage teilweise so gerne höre. Doch noch viel mehr erfreue ich mich an dem Ideenreichtum, mit dem junge Künstler das Fundament der Klassiker erweitern. Denn das Hören von Musik ist im Gegensatz zum Komponieren von Musik keine Fähigkeit, die man sich erst durch Grundlagen antrainieren muss. Jeder mit einem Interesse an Musik kann dies tun und niemand muss erst ein bestimmtes Album kennen, damit er ein Jüngeres verstehen kann. Wir sollten die Toten in Frieden tot sein lassen und sie nicht immer wieder ausbuddeln und als Gottheiten idealisieren.

 

chugchug [Marvin S.]

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