Untergründiges – #2 Knokkelklang

Im zweiten Teil meiner Serie zu aktuellen Underground-Bands im Black Metal widme ich mich diesmal einer norwegischen Gruppierung, die schon längere Zeit aktiv ist und auch schon einige Veröffentlichungen vorzuweisen hat, der jedoch ein richtiges Album noch fehlt. Bewegten wir uns beim letzten Mal, als es um die schwedischen Grifteskymfning ging, noch im Umfeld eines sehr homogenen und eng verstrickten Kreises aus mehreren Bands, stellt die heutige Band die wesentlich einzelgängerischere und informationsärmere Seite des Underground-BMs dar.

Die Rede ist von Knokkelklang. Ja, liest sich etwas komisch, zu deutsch bedeutet es aber einfach „Knochenklang“, also ein für eine Black Metal-Gruppe nicht besonders außergewöhnlicher Name.
Knokkelklang kommen laut metal-archives aus Oslo bzw. der Region Toten und das ist dann auch schon so gut wie alles, was es an Informationen über die Band zu finden gibt. Weder das Gründungsjahr noch die Mitglieder der Gruppe können in Erfahrung gebracht werden, was wohl darauf schließen lässt, dass die Musiker hinter Knokkelklang ihre Werke ganz für sich sprechen lassen wollen. Die Band ist jedenfalls vermutlich seit mehr als 10 Jahren aktiv und veröffentlichte 2006 ihre erste Demo, „Eksistens“. Auf diese folgten in den kommenden Jahren bis 2013 drei weitere Demos, die zunächst ausschließlich in Tape-Form veröffentlicht wurden, wie es sich für eine authentische Black Metal-Band aus dem Underground wohl gehört. Am Anfang noch gänzlich auf eigene Faust in der Musikwelt unterwegs, schlossen sie sich für ihre zweite Demo dem norwegischen Label Fossbrenna Creations an, welches schon einige interessante (zumeist norwegische) Underground-Black Metal-Bands unter Vertrag hatte (darunter z.B. Min Kniv und Skuggeheim). Mit dieser Demo, die den Titel „Kalk & Aske“ trug, erregte man auch erstmals etwas größeres Aufsehen in der Szene. Hier wurde unter anderem Ambient-beeinflusste Musik geboten, doch das Herzstück der Veröffentlichung war der Zwanzigminüter „Ned I Den Tørstende Jorden“, welcher maßgeblich von der damals ohnehin recht beliebten, bei anderen wiederum verschrieenen Spielart des Depressive Black Metal beeinflusst war. Im Gegensatz zu vielen etwas kommerzieller orientierten Interpreten ging der Knokkelklang-Veröffentlichung allerdings jegliche Affektiertheit ab, es handelte sich um eine Art DSBM, die auf jegliche Schnörkel verzichtete und sich auf das Wesentliche konzentrierte. Nichtsdestotrotz unterlag man auch hier noch den wesentlichen Einschränkungen von Monotonie und reduziertem Tempo, was die Musik alles andere als virtuos erscheinen ließ. Ihre nächste Veröffentlichung, „Vandring“, wurde wiederum von ihnen ganz allein übernommen und ich muss zugeben, dass ich diese bis heute nicht gehört habe, da sie wirklich ziemlich schwer zu bekommen ist. Das Tape wurde in einer Anzahl von 81 Kopien herausgeben, was die Menge der heutigen Hörerschaft der Band doch deutlich übersteigt, aber selbst im Internet lässt sich kaum etwas zur Veröffentlichung finden, was meiner Meinung nach doch etwas schade ist.

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Erst mit ihrer nächsten und vorerst letzten „Demo“ rief sich die Band erneut bei vielen Hörern auf den Plan. Mit „Avgrunnens Klangverk“ veröffentlichten Knokkelklang ein weiteres, 23-minütiges Tape, das zum spannendsten gehörte, was der Black Metal-Untergrund der letzten Jahre so zu bieten hatte. Diesmal wurde das Release von Terratur Possessions übernommen, die natürlich ein ganz anderes Kaliber darstellten als Fossbrenna Creations und welche zudem dafür verantwortlich waren, dass später auch Knokkelklang-Releases auf Vinyl erschienen. Ihre äußerst abgründige, depressive Spielart des BMs im Wesentlichen beibehaltend, legte die Band die Monotonie und Langsamkeit, die „Kalk & Aske“ noch beherrschte, ab und fokussierte sich auf einen deutlich schnelleren, im Endeffekt sogar brachialeren Sound.
Zwar klingt die „Produktion“ eigentlich völlig unangetastet, d.h. es könnte den ein oder anderen mitunter sogar stören, dass der Sound eben äußerst undifferenziert ist, aber gerade dieser Charakter der Produktion sorgt dafür, dass der Klang der Musik recht einheitlich, irgendwie tiefenlastig und dadurch auch mitreißend wirkt. Zwischen den zwei eigentlichen Black Metal-Songs finden sich immer wieder akustische Gitarren-Intros und -Outros, die mit ihren starken Echo-Effekten bei mir die Assoziation von einer feuchten, dunklen Höhlenumgebung hervorrufen, was beim Gesamtsound von Knokkelklang auch einigermaßen passend ist. Nach einem solchen, (wohl absichtlich) leicht schiefen Intro folgt bspw. der zweite BM-Song, welcher gleichzeitig der Titeltrack ist. Mit einem unheimlich gewaltvollen Beginn zerhauen Knokkelklang erst einmal für ein bis zwei Minuten jegliche Form von Freude oder zumindest Zuversicht, die dem Hörer bis zu diesem Zeitpunkt noch geblieben ist. Für die ersten fünf Minuten des Liedes kann man sich lediglich der tief depressiven Atmosphäre, die im Grunde von einem einzigen abgründigen Riff getragen wird, ergeben. Insgesamt sind die Songs auf dieser Demo deutlich ausgereifter komponiert und entfalten somit auch mehr Abwechslungsreichtum als frühere Knokkelklang-Veröffentlichungen. So wird z.B. das Intro im letzten Song auch noch einmal als leicht verändertes BM-Riff aufgenommen, was einen äußerst gelungenen Abschluss des Tapes darstellt.
Mit diesem sehr interessanten Mix aus der tiefen Abgründigkeit und Depression früherer Veröffentlichungen und einem neu hinzugewonnen Mut zur Brachialgewalt und Durchschlagskraft bieten Knokkelklang hier eine recht ungewöhnliche Variation gewöhnlicher Depressive Black Metal-Themen, die insgesamt auch deutlich ernsthafter, erwachsener und einfach musikalisch gekonnter klingt als das Gros der aus dieser Ecke stammenden Bands.

Nicht zu Unrecht haben sich die Norweger dadurch einen eigenen Platz im Gedächtnis vieler am BM-Underground Interessierter erspielt. Jedenfalls war ich sicher nicht der einzige, für den diese Demo 2013 eindeutig die Underground-Veröffentlichung des Jahres darstellte. Die einzige Frage, die sich da noch stellt, ist, ob und wann die öffentlichkeitsscheuen Mitglieder der Band das nächste Tape aufnehmen werden und ob nicht auch irgendwann vielleicht einmal ein Album zu erwarten ist. Zu wünschen wäre es dem aktuellen BM-Underground in jedem Fall.

Levskin [Leonard R.]

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