Geschichtsstunde mit Biss: Nechochwen – Heart of Akamon

Gerade im Metal ist es gängige Praxis, sich thematisch den alten Mythologien und indigenen Kulturen aus aller Welt zu widmen und gesamte Alben- oder vielmehr sogar gesamte Bandkonzepte dafür zu entwickeln. Auch wenn der regelrechte Boom des Folk und Pagan Metal zu großen Teilen abgeebbt zu sein scheint, werden Naturreligionen und Mythologien als lyrisches Thema wohl nie zum alten Eisen gehören. Selbst zum besungenen Volk zu gehören oder an alte Naturreligionen zu glauben ist dafür offenbar kein Kriterium, wenn man beobachtet, wie viele Bands aus den entlegensten Ländern sich der nordischen Mythologie gewidmet haben. Es ist also nicht jeder Mythos und jeder Kulturkreis gleichermaßen in der Musik vertreten, obwohl gewiss jede Folklore genügend fiktiven und auch historischen Stoff liefern würde.

Ein Underdog unter den im Metal hochstilisierten Kulturkreisen ist jener der nordamerikanischen Ureinwohner. Dabei wären es gerade diese indigenen Völker, die nicht nur aufgrund ihrer Mythen rund um Atavismus und Schamanismus, sondern auch durch ihre von Krieg und Ausbeutung durchzogene Leidensgeschichte ein gleichermaßen wichtiges und interessantes Thema wären. Das Duo Nechochwen hat teilweise seine Wurzeln in diesen Kulturkreisen und widmet sich ihnen nun bereits 10 Jahre und 4 Alben lang. Die beiden Musiker Nechochwen und Pohonasin stammen aus West Virginia im Herz der Appalachen – einer Region, die vom kulturellen Erbe der Ureinwohner geprägt ist. Und diese Leidenschaft zur Geschichte und Kultur ist der Band stets anzuhören, auch auf dem neuen Album „Heart of Akamon“, um das es hier nun gehen soll.

a3878480350_10Der ursprüngliche Sound Nechochwens war stets geprägt von einer Mischung aus gitarrenlastigem Americana-Folk der Appalachenregion, gespickt mit Flöten und anderen „Indianerinstrumenten“. Von Release zu Release gesellte sich jedoch ein immer weiter ins Gewicht fallender Metalanteil hinzu. Dabei bedient sich das Duo gleich an mehreren Spielarten des Genres. Es gibt rasante Blastbeats und eiskaltes Riffing wie im Black Metal zu hören, aber auch schwermütige Doom Metal Passagen oder traditionell anmutende Soli. Auf „Heart of Akamon“ hat diese Symbiose aus Folk und Metal nun ihren break-even point erreicht und beide Anteile sind in etwa gleichwertig auf dem Album vertreten. Für jeden, der die Band hauptsächlich für ihr versiertes folkiges Gitarrenspiel verfolgt hat ist das allerdings nur ein Problem, wenn man eine Aversion gegen (Black) Metal und Artverwandtes hat, denn die Akustikgitarren sind weiterhin ein nicht wegzudenkendes Element des Gesamtsounds und verleihen auch den lauteren und aggressiveren Stellen des Albums eine Prise Lagerfeueratmosphäre und den für das Album charakteristischen Kontrast zwischen Feingefühl und Raserei.

Nechochwen halten sich auf dem neuen Album bezüglich der Neuerungen im Soundgewand nicht zurück und präsentieren die Facetten ihres neuen Sound häppchenweise über das ganze Album verteilt, sondern offenbaren sich bereits auf dem Opener „The Serpent Tradition“ in vollem Ausmaß. Nach einem Intro auf Trommel und Akustikgitarre, bei dem man sich als alter Fan der Band sofort zuhause fühlt, folgt unmittelbar der lautstarke und rasante Kontrast. Aber auf beiden Seiten der Medaille wird nicht mit frischen und teilweise herzergreifenden Melodien gegeizt. So kristallisiert sich bereits die zweite Hälfte des Openers als erstes Highlight heraus und wartet mit Riffbögen auf, die den Referenzwerken und Konsensalben des (Pagan) Black Metal in nichts nachstehen. Aber auch Assoziationen mit den aktuellen US-amerikanischen Genrekollegen sind unvermeidbar. So manche Passage wäre auch auf den letzten Alben von Falls of Rauros oder Panopticon keineswegs fehl am Platz gewesen. Vom Panopticon-Mastermind Austin Lunn stammt nebenbei bemerkt auch das neue Logo der Band.

Das wilde Spiel mit dem laut-leise-Kontrast zieht sich, abgesehen vom einen oder anderen reinen Folk-Song und einem Interludium, durch das ganze weitere Album. Die Band schafft es dabei aber, an jedem Punkt, an dem sich für manche Hörer ein Sättigungsgefühl einstellen könnte, mit einer Wendung oder einem neuen Element aufzuwarten. Das kann der erste drückende, doomige Riff des Albums sein, oder auch der Einsatz der traditionellen und teilweise auch sehr obskuren Instrumente. Bis ich herausgefunden habe, was die in sämtlichen Credits und Liner Notes angeführten „Lalawas“ sind, ist einiges an Zeit vergangen (Spoiler: Es ist eine Art Rassel, gefertigt mit Rehleder. Aha.).

Trotz all des Lobes ist natürlich auch dieses Album nicht frei von Angriffspunkten und verbesserungswürdigen Aspekten. So sind einige der Übergänge innerhalb der Songs etwas holprig geraten, vor allem wenn Takt- oder Geschwindigkeitswechsel im Spiel sind. Und auch so mancher Moment chorartigen Klargesanges schießt ein wenig über das Ziel hinaus, wenn das Duo einen (halbwegs) harmonischen einzelnen Ton für sich entdeckt hat und dann einfach nicht mehr davon runter will. Keiner dieser Stolpersteine ist allerdings schwerwiegend genug, um den insgesamt sehr positiv ausgefallenen Eindruck dieser Hochzeit zwischen Aggression und Tradition zu trüben. Ob mit dem Album auch ein Popularitätsschub der Band folgt und sich als Konsequenz daraus auch andere Musikprojekte zu Recht mit dem riesigen Themenbereich der indigenen Völker Amerikas beschäftigen, bleibt abzusehen.

Interloper [Johannes S.]

Dieser Beitrag wurde unter Allgemein abgelegt und mit , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Hinterlasse eine Antwort