Coil – mehr als nur ein Duo

Wenn man von Coil, einem der einflussreichsten Acts der elektronischen Szene Großbritanniens, spricht, wird sich oft auf das Kernduo Peter ‚Sleazy‘ Christopherson und Jhonn Balance beschränkt. Selbstverständlich galten die beiden als Rückgrat der Gruppe, die stets darüber entschieden, was im Namen von Coil geschieht und was nicht, doch wird desöfteren übergangen, dass sie dabei stets von anderen Musikern umringt waren. Einige von ihnen als Vollzeitmitglieder, andere nur als Studio- oder Live-Kollaborateure. Um jene soll es heute gehen, wobei dazu gesagt werden sollte, dass aus biografischer Sicht jeder von ihnen ein eigenes Porträt verdienen würde. Fanaten (wozu man mich vielleicht zählen könnte), die jedes Detail der Bandgeschichte in sich einsaugen, dürften mit den meisten Namen vertraut sein, doch wer sich Coil bisher ausschließlich musikalisch gewidmet hat, oder lediglich eine knackige Übersicht sucht, wer inwieweit an der Diskografie beteiligt war und in welchen aktuellen Projekten und Plänen die Leute ansonsten verwickelt sind, ist hier genau richtig.

Für diesen Post habe ich mir die Künstler herausgesucht, die meiner Ansicht nach mehr oder minder maßgeblich zum Sound von Coil beigetragen haben und auch außerhalb dessen eine eigene musikalische Laufbahn verfolgen, welche ich jeweils aufzeigen möchte. Primär geht es mir da um Personen, die den Hörern vielleicht nicht immer außerhalb der Coil-Assoziation im Gedächtnis geblieben sind, weshalb ich Musiker wie Steven Stapleton (Nurse With Wound) oder J.G. Thirlwell (Foetus) nicht weiter beleuchten möchte. Weiterhin muss ich (Teilzeit-)Mitglieder übergehen, die außer der gelegentlichen Beiträge zu Releases kaum eigens musikalisch aktiv waren, wozu u.a. William Breeze zählt, auch wenn er seiner Zeit als vollwertiges Coil-Member angesehen wurde.

Fängt man chronologisch an, landet man als Erstes bei Stephen Thrower (geb. Andrew Stephens), der, ähnlich wie Balance, in Kontakt mit Throbbing Gristle und Psychic TV stand und so für die Aufnahmen von „Scatology“ (1984) ins Studio eingeladen wurde. Dort beteiligte er sich am Songwriting einzelner Tracks und wurde nach dem Release auch als festes Mitglied rekrutiert. Er teilte ähnliche Interessen wie die Gruppe und so blieb er Coil einige Jahre erhalten und war einer der Performer auf dem Klassiker „Horse Rotorvator“ (1986) sowie dem von der Acid/Klubkultur-inspirierten „Love’s Secret Domain“ (1991).
Das war auch in etwa die Zeit, in der man sich mit Thrower wieder überwarf und dieser Coil schließlich 1993 verließ. Er lernte Simon Norris (geb. Ossian Brown) kennen, der gemeinsam mit Coil abhing, und tat sich mit ihm kurzerhand zusammen (ironisch, dass die Situation der ähnelt, in der sich Christopherson und Balance befanden, als sie aus Psychic TV ausstiegen). Die Aufnahmen, die Thrower und Norris danach in Angriff nahmen, sollten später als das erste Album „Luminous Darkness“ (1999) von Cyclobe, dem neuesten Projekt der beiden, veröffentlicht werden. Norris, enger Freund von Coil, lieferte trotz Throwers Ausstieg gelegentliche Kontributionen, die auf Releases wie „The Remote Viewer“ (2002) oder „Constant Shallowness Leads to Evil“ (2000) zu hören waren, war aber auch bei Liveperformances mit von der Partie.
Cyclobe sind nach wie vor aktiv und veröffentlichen in unregelmäßigen Abständen Alben, die von ähnlich sphärischer Natur wie Coil, dabei vielleicht sogar noch etwas weitläufiger, sind. In den letzten Jahren beschränkte sich ihre musikalische Aktivität auf das Komponieren von Soundtracks; so soll im Oktober diesen Jahres auf dem London Film Festival der Streifen „Evolution“ anlaufen, bei dem Cyclobe ebenfalls am Soundtrack beteiligt war.

Eine der umstrittensten Figuren in der Geschichte Coils ist wohl Danny Hyde, der das erste Mal offiziell für „Horse Rotorvator“ mit der Gruppe als Studiotechniker arbeitete. Er wurde zwar im Laufe der Coil-Historie nie als vollwertiges Mitglied anerkannt, war jedoch auf zahlreichen wichtigen Releases als (Ko-)Produzent aktiv, steuerte im Studio eigenen Input bei und schrieb auch hin und wieder an einzelnen Songs mit. Er trug dazu bei, die beiden posthumen Alben „The Ape of Naples“ (2005) und „The New Backwards“ (2008) zu finalisieren, und war zusammen mit Sleazy auch derjenige, der an der Produktion der verworfenen New Orleans Demos (aus denen später das Material für die zwei erwähnten Releases wurden) arbeitete.
Darüber hinaus ist er auch als Solo-Künstler aktiv, so veröffentlichte er 2005 unter dem Alias Aural Rage sein Debüt „A Nature Of Nonsense“, mit exklusiven Kontributionen von Sleazy und Balance. Ein aktuelleres Projekt von ihm ist Electric Sewer Age, das er nach Balances Tod ursprünglich zusammen mit Christopherson ins Leben gerufen hatte, mit der Idee, viele talentierte Produzenten ins Boot zu holen und dann das Endprodukt derart zu veröffentlichen, dass dem Hörer nicht klar wird, wer jetzt an welcher Stelle zu hören war. Doch bevor die ersten Tracks gesammelt werden konnten, verstarb Christopherson und so wurden seine letzten Aufnahmen für einen möglichen Epilog der „Moon’s Milk“-Reihe als erste Electric Sewer Age EP veröffentlicht.
Die ersten öffentlichen Kontroversen um ihn traten auf, als er nach dem Ableben Christophersons verschollen geglaubte Nine Inch Nails-Remixes hervorkramte, an denen sie Anfang der Neunziger zusammen gearbeitet hatten und via Cold Spring in Coils Namen vertreiben ließ. Allen voran Jon Whitney (Besitzer von Brainwashed), der sich damit brüstet alleiniger Besitzer der Rechte sämtlicher Rereleases zu sein, versammelte eine Gruppe an Fans hinter sich, was dazu beitrug, dass der Release bis heute nur als Semi-Bootleg gehandelt wird, trotz der Einwilligungen der offiziellen Vertreter Balances (Ian Johnstone, RIP) und Christophersons (Jordi Devas) Erben. Diskurse dazu wurden über Interviews, Email-Verkehr und sonstige Wege ausgetragen, doch es blieb stets ein gewisser Beigeschmack, unabhängig davon, auf welche Seite man sich schlug, ob Coil das so gewollt hätten (auch wenn sie irgendwo auch selbst dafür verantwortlich waren, dass die Rechtesituation nie genau geklärt wurde). Ein meiner Meinung nach aufschlussreiches und ausführliches Interview über seine Arbeit mit Coil und der Remix-Situation kann man hier finden.
Auch der im Oktober erscheinende Backwards-Release, der eigens gemastert wurde, wurde von ihm initiiert, auch wenn Coil die Aufnahmen zu der Zeit bewusst unterdrückt hatten, da sie damit nie so ganz zufrieden waren. Da das originale Demo schon lange im Umlauf ist (und das auch noch in unzähligen Versionen), war es Hyde ein Anliegen, dass die Leute die Songs in der intendierten Form hören sollten. „Backwards“ wird am 09. Oktober via Cold Spring veröffentlicht.

Auch wenn Drew McDowall erst 1994 in den Coil-Kreis aufgenommen wurde, war er mit den beiden bereits länger vertraut. So lieferte er schon Jahre zuvor Remixes für die „The Snow“ EP und arbeitete mit an den, teilweise später veröffentlichten, NIN-Remixes. McDowall gehörte, neben Christopherson, Balance und Hyde, zu denjenigen, die für die Aufnahmen von „Backwards“ in New Orleans residierten und ebenso an den Performances beteiligt war. Wenn es um Releases geht, so kann man ihn auf Coil-Nebenprojekten wie Black Light District oder Time Machines hören, aber Synthesizer spielte er auch auf den Alben „Astral Disaster“ (1999) und „Musick to Play in the Dark“ (1999).
Nach seinem Ausstieg arbeitete er an kurzweiligen Zweimann-Projekten, veröffentlicht nun aber sein Full-Length Solodebüt „Collapse„, welches am 25.09. via Dais Records erscheinen wird.
Bereits eine Woche zuvor wurde „Cut with the Cake Knife“ (2004) von Sacred Bones neu aufgelegt, was das Solo-Album Rose McDowalls darstellt. Man könnte vermuten, dass sie über ihren Ex-Mann auf Coil gestoßen ist, doch ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass es auch umgekehrt gewesen sein könnte. In den Achtzigern war sie mit Jill Bryson Teil eines kurzlebigen Pop-Duetts namens Strawberry Switchblade, das für eine Weile in den Charts grassierte. Relativ schnell beschloss sie, dass dieser Lifestyle nichts für sie war und geriet in die Post-Industrial/Neofolk-Szene, in der sie anfing mit Interpreten wie Current 93, Boyd Rice und Psychic TV zu kollaborieren. So traf sie auch irgendwann auf Coil und verlieh frühen Single-Tracks wie „Windowpane“ ihre klaren Vocals. Zusammen mit John Balance hatte sie auch ihre ganz eigene Formation namens Rosa Mundi, die jedoch bis zu seinem Tod nur den Track „Christmas is Drawing Near“ (erschienen auf der „Winter Solstice“ EP) herausbringen konnten. Dass sie trotz ihrer Historie einen Draht zum erwähnten Underground aufbauen konnte und unter dem Alias „Sorrow“ ihr eigenes darkfolkiges Material veröffentlichte, zeigt ihre eigenwillige Persönlichkeit, die selbst auf ihren poppigeren Alben stets durchschien und der Musik eine ungeahnte Melancholie verlieh. Über ihre aufreibende Kindheit kann man in diesem Interview mit The Quietus (vom 15.09.2015) nachlesen.

Als Letztes bleibt da noch Thighpaulsandra (geb. Timothy Lewis), der schon vor seinem Beitritt zu Coil musikalisch mit Julian Cope und Spiritualized aktiv war und Balance 1997 auf einem Konzert traf. Man bekundetete gegenseitiges Interesse an der Musik des anderen und im nächsten Moment nahm TPS das Angebot an, als vollwertiges Mitglied bei Coil zu spielen. Seine erste große Beteligung stellte auch die letzte Drew McDowalls dar: „Musick To Play In The Dark“.
Da TPS vordergründig Studiotechniker war, erhielt er 2001 die Erlaubnis die ersten drei Alben zu remastern. Das war auch in etwa die Zeit, in der er mit seinem gleichnamigen Soloprojekt durchstartete und versuchte seine wesentlich abstrakteren Ideen zu realisieren. Die Musik von TPS war geprägt von Genre-Clashs und obszönen Thematiken, die in ihrer Subtilität nie an das Material von Coil heranreichte, weshalb ich ihn persönlich auch stets als schwer umgänglichen Interpreten angesehen habe. Sein aktuelles Werk „The Golden Communion“ ist in seiner Länge und Umfang ein weiterer Beweis dafür, dass er sich an keine Regeln hält und dabei auf Kosten potenzieller Hörer agiert. Von kleinen Orchester-Einlagen über Noise-Attacken bishin zu entrückten, ArtPop-anmutenden Balladen wird alles in einen Topf geworfen und wer nach den über zwei Stunden zugeben kann, alles davon genossen zu haben, darf sich einen Eklektizismus-Sticker ins Geschmacksheft kleben.
Ansonsten blieb er bis zur Auflösung Coils dabei und schrieb nicht nur an Songs mit, sondern brachte die Gruppe auch dazu, auf Tour zu gehen, auf der er ebenfalls zum festen Repertoire gehörte.

Hiermit endet meine Auflistung, die ich nach bestem Gewissen mithilfe vom Brainwashed-Archiv, Interviews, Wikipedia, Infos aus der Coil-Gruppe auf Facebook und dem Durchsuchen von Discogs-Einträgen erstellt habe.

Hati [Daud B.]

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