Death Metal, der keiner ist: Chaos Echœs

Hin und wieder kommt es vor, dass Bands sich einen Weg durch Massen an Einheitsbrei kämpfen, eine musikalische Revolution anzetteln und Veröffentlichungen auf die Hörerschaft loslassen, die sich in jeder Hinsicht von bisher Gehörtem unterscheiden. Im Death Metal hat es sowas zwar schon häufiger gegeben und es haben sich verschiedenste Spielarten herausgebildet, jedoch geht die Revolution von der ich hier schreibe in eine vollkommen andere Richtung. Das wirre musikalische Gerüst, das Chaos Echœs aus Frankreich um ihre Death Metal Wurzeln herum bauen, ist ohne Frage einzigartig. Einflüsse aus Sludge, Black Metal, Doom Metal, Dark Ambient, Drone, Noise Rock und Free Jazz ergeben ein völlig eigenständiges Gebilde. So etwas gefällt nicht jedem. Der Grad an Innovation und technischer Finesse sollte Chaos Echœs aber ohne Frage zugestanden werden.

Chaos Echœs entstand im Jahr 2011 als direkte Folge der Auflösung der Black/Death Metal Band Bloody Sign aus dem Elsass, die bereits seit Mitte der 90er-Jahre aktiv war. Die zuletzt einzig übrigen Mitglieder Ilmar Marti Uibo (Drums) und sein Bruder Kalevi Uibo (Gitarre) trugen Bloody Sign zu Grabe und gründeten kurz nach dem Release des letzten Albums „Chaos Echoes“ eine gleichnamige neue Band. Man hatte sich schon zuvor komplexen Songstrukturen verschrieben und war deutlich vom Death Metal Standard abgewichen. Dass das jedoch noch nicht zu reichen schien, zeigt bereits die erste Veröffentlichung unter neuem Namen mit dem Titel „Tone of Things to Come“. Der erste Eindruck deutet auf ein einfach etwas sperriges Death Metal Debut hin, allerdings stellt sich spätestens nach einigen Minuten heraus, dass es auf der EP jede Menge zu entdecken gibt. Nach einem ersten Unwetter im Opener, wird bereits eines der Drone/Ambient-Interludes „Interzone“ eingeleitet, die später noch eine Art Markenzeichen der Band werden sollten. Das erste Highlight findet sich dann im teils recht chaotischen Song „The Innermost Depths of Knowledge“. Mit seiner Sperrigkeit und psychedelischer Gitarrenarbeit stellt der Track in puncto Dunkelheit so manch einen Black Metal Track in den Schatten. Der abschließende Einsatz von Orgel und Zither hätte gehörig in die Hose gehen können. Dem ist allerdings nicht so: Völlig unkitschig und passend. Die zweite Hälfte der EP setzt nach einem weiteren Interlude dann genau da an, wo „The Innermost Depths of Knowledge“ aufgehört hat. „Black Mantra“ und „Weather the Storm“ gehen in eine ähnliche Richtung. Vocals werden weiterhin nur sehr spärlich eingesetzt, dafür gibt es freejazziges Chaos, Gitarrendrones und psychedelisch-schwebenden Ambient.

Es folgen weitere Releases, auf denen sich die Band (mal zu viert („Parisian Sessions“ & die Live-EP „A Voiceless Ritual“), mal nur die Uibo-Brüder („Spectral Affinities“)) in noch experimentellere Gefilde wagt. Das instrumentale „Spectral Affinities“ beispielsweise ist zu großen Teilen improvisiert und hat mit Death Metal nur noch sehr wenig zu tun.
Der nächste große Streich folgte dann erst in diesem Jahr mit dem von vielen heiß erwarteten Album „Transient“. Die Idee des finsteren musikalischen Mahlstroms wird auf dem Album etwa in der Weise fortgesetzt, wie man es nach den bisherigen Veröffentlichungen erwarten konnte. Bis zum ersten Vocaleinsatz nach beinahe einem Drittel der Gesamtspielzeit, steigert die Band sich immer weiter, spielt sich in Ekstase wie eine härtere Swans-Version. Zermürbend und ungemütlich gehen Gitarrendrone-Passagen in chaotisches Geknüppel über, nur um dann von doomigen, sich ewig wiederholenden Riffs abgelöst zu werden. Beschwörende Gesänge und untypische Instrumente, wie man sie schon auf „Tone of Things to Come“ zu hören bekam, bilden das i-Tüpfelchen. „Transient“ ist ein durchweg spannendes und einfach ungewöhnliches Album, in einem Genre, das manchmal etwas festgefahren wirken mag.

Wem empfiehlt man diese Band? Death Metal Fans, die gerne etwas über den Tellerrand blicken wollen? Menschen, denen typischer Death Metal zu stumpf ist? Genrefremdlingen, denen Free Jazz und Drone kein Dorn im Auge sind? Ich schmeiße meine Empfehlung sehr gerne einfach allen vor die Füße, die sich nach meiner kurzen Beschreibung in der Lage fühlen, diesem schwarzen Brocken etwas abgewinnen zu können.

Delirium [Jonas B.]

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