Schwerter zu Rost und Herzen zu Staub

Rome bilden eine Konstante in einem Genre, das es mit mir nicht ganz einfach hat. In keinem anderen Bereich fällt es mir so leicht und doch so schwer, mich auf die Musik einzulassen, wie das bei Neofolk der Fall ist. Es gibt einen ganzen Haufen an Alben, die mich zu Tode langweilen und ein ganz paar wahre Juwelen. Neben „The Lone Descent“ von :Of The Wand And The Moon:, „Hazel Steps Through A Weathered Home“ von In Gowan Ring und dem fast noch als neu zu bezeichnenden „White Storms Fall“ von Blood And Sun, zählen Rome mit „Flowers From Exile“ zu dieser kleinen Menge. Während ich für viele andere Neofolk-Releases in einer bestimmten Stimmung sein muss, funktioniert dieses Album eigentlich immer. Darum will ich Musik und Hintergründe des Albums für unsere „Exil-Reihe“ etwas genauer beleuchten.

Rome gibt es dieses Jahr genau eine Dekade und selbst seit ihrem vierten Album „Flowers From Exile“, um das es hier gehen soll, sind bereits sechs Jahre vergangen. Hinter dem Projekt steht der luxemburgische Künstler Jérôme Reuter, der sich bereits in seiner Anfangsphase mit Rome hervorragend auf das Verfassen mitreißender und melancholischer Lyrik verstand. Musikalisch hat das Projekt schon viele Bereiche durchlaufen, findet sich jedoch immer wieder irgendwo zwischen Neofolk, Martial Pop, Industrial und Post-Punk ein. „Flowers From Exile“ behandelt lyrisch den Spanischen Bürgerkrieg ab 1936, aus dem General Francisco Franco als Diktator des Landes hervorging. Dass das Album schwermütige Themen wie etwa Heimweh, Verlust von Freiheit und Sehnsucht behandelt, ist nicht verwunderlich. Für Gegner des Faschismus waren sowohl der rechte Putsch als auch die nachfolgende Diktatur keine einfache Zeit, sodass viele keine andere Möglichkeit als das Exil hatten. Rome ermöglichen dem Hörer, sich in diese Gefühlswelt hineinzuversetzen. Vorsichtig tastet sich Reuter mit seinem mit Samples verzierten Dark Pop an die Materie heran. „Wir haben unsere Welt verloren. Was übrig bleibt, schleppen wir jetzt in Koffern durch halb Europa“, erzählt eine ruhige Stimme und wird nachfolgend wieder von Reuters Gesang abgelöst. Die ersten Gänsehautmomente liefert dann „Odessa“ mit seinen klagenden Vocals und ruhigen Gitarren. Das Flamencozitat selbiger in „The Secret Sons of Europe“ liefert eine nette Spanienreferenz und der Song endet mit einer dieser Gesangsmelodien, die man einfach nicht aus dem Kopf bekommen kann. Nach einem Interlude folgt der zweite Teil des Albums mit den zwei unglaublich starken Songs „A Legacy of Unrest“, dessen Wiedererkennungswert optimal an „The Secret Song of Europe“ anknüpft und noch am ehesten an klassischen Neofolk erinnert und „To Die Among Strangers“, dessen Stärke sich deutlich aus der hervorragenden Melodieführung von Gitarre, Gesang und Streichern ergibt. Der Anfang des dritten Kapitels strahlt so viel Ruhe aus, dass man meinen könnte, das Album neige sich bereits dem Ende, allerdings folgen noch zwei weitere Ohrwürmer in Form von „Swords to Rust – Hearts to Dust“ und dem Titelsong des Albums. Ich weiß, Geschmäcker sind verschieden, aber wem bei diesen Vocals nicht warm ums Herz wird, ist ziemlich sicher ein schlechter Mensch. Nun führen Reuter und Komplizen das Album allerdings wirklich zu einem Ende. Ruhig, dann nochmal dramatisch und trotzdem vollends stimmig schließen Rome die Geschichtensammlung „Flowers From Exile“.

Ich weiß nicht, wie häufig ich dieses Album mittlerweile schon gehört habe, aber eins kann ich ganz sicher sagen: Langweilig wird das bei weitem nicht und das, obwohl es sich im Grunde um ein musikalisch recht einfaches Album handelt. Reuters erzählerischer (und einfach angenehmer und schöner) Gesangsstil ergibt in Kombination mit den einprägsamen und traurigen Melodien und den eingestreuten Samples und Arrangements von Patrick Damiani eine Mischung, die ich so zuvor auf keinem Album gehört habe. Auch wenn das Album sehr glatt sein mag, habe ich selten erlebt, dass eine geschichtliche Stimmung so gut transportiert und in musikalisches Schaffen eingebunden wurde. Für mich ist „Flowers From Exile“ also ein völlig einzigartiges Album, das ich hiermit hoffentlich möglichst vielen schmackhaft machen konnte.

– Delirium [Jonas B.]

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