Alabama 3 – Diesen Morgen im Exil aufgewacht

Von einer britischen Band, die von zwei Herren gegründet wurde und eine freizügige Beziehung zu Drogen hat(te) (gemeint sind Coil), zur nächsten: Alabama 3 täuschen bereits mit ihrem Namen an, dass sie nicht ganz für bare Münze zu nehmen sind. So kommen sie weder aus Alabama, noch sind zu dritt; eigentlich sind sie zu neunt und stammen aus dem südlichen Teil Londons. Wieso man von ihnen mal gehört haben könnte, ohne je ihren Namen gelesen zu haben, darum soll es heute gehen.

Entstanden ist Alabama 3 etwa 1995 als Idee amerikanischen Blues mit House/Rave-Musik zu verbinden. Auf einer House-Party trafen sich Rob Spragg und Jake Black, die zu den beiden Frontmännern der außergewöhnlichen Formation wurden. Man sammelte Freunde, Bekannte und sonstige Kumpanen, die sie auf ihren sporadischen Auftritten zu der Zeit finden konnten und wurden zu einem Geheimtipp des britischen Undergrounds.
Sie erhielten kurz darauf einen Plattendeal mit „One Little Indian“, einem Indie-Label das die erste Hitsingle „Ain’t Goin‘ to Goa“ herausbrachte, welche sogar auf Platz 40 der UK Charts landen konnte. Als das US-Label „Geffen Records“ auf sie aufmerksam wurde und ihnen Geld anbot, um ein Full-Length Album aufzunehmen, nahmen Alabama 3 das Angebot dankend an und erhielten in Folge dessen genügend Vorschuss, um sich komplett neues Equipment zu leisten. Mit diesen Vorraussetzungen war der Weg geebnet, auch in Big America zu landen, denn so waren die Einflüsse der Band fest im Country-Blues der amerikanischen Südstaaten verankert. Selbst der Bandname bezieht sich auf ein Ereignis des frühen letzten Jahrhunderts der Vereinigten Staaten, als zwei schwarze Männer aus Alabama eine weiße Frau vergewaltigten und danach zum Tode am Strick verurteilt wurden; jene wurden bekannt als „The Alabama 2″. Ärgerlich nur, dass die Southern Rock-Gruppe Alabama ein Problem mit dem Namen hatte und die Briten daher zwang, auf sämtlichen US-Versionen ihrer Alben als A3 aufzutreten.
Das hinderte sie nicht daran mithilfe der neuen amerikanischen Beziehungen 1997 ihr Debütalbum „Exile on Coldharbour Lane“ (eine Anspielung auf das Stones-Album „Exile on Main St.“, welches in einem späteren Blogtext noch behandelt wird) zu veröffentlichen, das zwar positiv in der Presse ankam, aber zu keinem signifikanten Karrieresprung führte. Auf dem Album zelebrierte man die avisierte Mischung, die in der Theorie ungewöhnlich schien, sich in der Praxis jedoch als überraschend homogen herausstellte. Die Beats und Keyboards, die sich als Rückgrat der Kompositionen herausstellten, wurden auf routinierte Weise mit Gitarre und Mundharmonika in Einklang gebracht, welche nur noch von den Vocalperformances der Bandgründer getoppt wurden. Die rauhen Stimmen der beiden erzählen Geschichten von Drogenexzessen, tragischen Schicksalen und wie Gott einem bei all seinen Problemen helfen könne. Die überreligiöse Attitüde sollte sich jedoch schnell als tongue-in-cheek herausstellten, da sich sämtliche Mitglieder der Band nur mit Stagenamen auf die Bühne wagen und auch sonst über Interviews klar wird, dass man sich eher zu atheistischem bishin zu linkem Gedankengut bekennt. So bestreiten die beiden Sänger ihre überzeichneten Lines, die sich nicht selten nahe dem Gospel bewegen, als „Larry Love“ (Rob Spragg) und „Reverend Dr. D. Wayne Love“ (Jake Black). Der Rest besteht aus teils festen Mitgliedern, teils rotierenden Kollaborateuren und teils auch Ex-Membern, die sich trotzdem noch für Auftritte hergeben. Bekannt könnte einem vielleicht noch Keyboarder, und Mitglied der ersten Stunde, Orlando Harrison sein, der zusammen mit Ulver-Gitarrist Daniel O’Sullivan in Miasma & the Carousel of Headless Horses spielt.
Im Grunde sind Alabama 3 viel eher eine Live-Band, da sie selten mit demselben Lineup touren und daher sogar gezielt in verschiedenen Live-Inkarnationen existieren. So spielen sie mal mit einem Unplugged-Set, mal mit einem DJ-Set und mal mit kompletter Band, was dazu führt, das es sämtliche Studiotracks in etlichen Interpretationen gibt. Selbst wenn Alabama 3 komplett auf der Bühne sind, wird durch viel Elan, Improvisation und sonstigen Überraschungsfeatures dafür gesorgt, dass kein Auftritt so ist wie der andere. Außerdem ist die Band dafür bekannt, nicht nein zu Drogen zu sagen, weshalb man sich sicher sein kann, dass die halbe Mannschaft bei einer Performance, oder zumindest Backstage, in irgendeiner Form aufgeputscht ist.
Erst als David Chase, der Erfinder der HBO-Serie „The Sopranos“, auf Alabama 3 aufmerksam wurde, verbrachte er ihnen den Ruf in der amerikanischen Bevölkerung, nach dem sie gesucht hatten. Auch wenn sich die Band in Interviews thematisch davon distanzierten (oder distanzieren mussten), dass sie nicht zu Gewalt oder sonstigen mafiösen Geschichten aufrufen, sind sie stolz, dass sie ihren Beitrag zu einer Serie liefern konnten, die sie schätzen würden. Chase hatte die erwähnte Single „Ain’t Goin‘ to Goa“ einst im Radio gehört und sich infolgedessen das neuerschienene Debüt besorgt, von dem er sehr begeistert schien. Als er bei der Konzeption von „The Sopranos“ von der Produktionsfirma dazu gezwungen wurde, sich für einen definitiven Titelsong zu entscheiden (er wollte ursprünglich jede Episode einen neuen Track haben) fiel seine Wahl auf „Woke Up This Morning“. Ironisch, dass es in dem Song eigentlich darum geht, wie sich eine Frau, die jahrelang von ihrem Mann misshandelt wird, mit einer Waffe zur Wehr setzt. Alabama 3 ließen sich jedoch auf den Deal ein und erhielten 40.000$, was sie unter anderem in ein eigenes Studio investierten. Dies führte zwar dazu, dass jeder, der die Serie geschaut hat, von der Band hörte, aber namentlich wurden sie in den Credits leider nie erwähnt. Selbst als die erste Staffel in den USA auf DVD erschien und das Musikvideo der Gruppe beinhaltete, musste man erneut aus Rechtsstreitigkeiten mit Alabama auf den Alternativnamen Alabama 5 ausweichen. So überrascht es weniger, dass Alabama 3 irgendwann natürlich auch dort ihre Fans hatten, diese jedoch nie zahlreich genug waren, dass man von musikalischem Erfolg sprechen konnte. Trotz ausgiebigem Touren durch die Staaten, waren die Konzerte selten ausgebucht.
Doch zum Zeitpunkt des Auftakts von „The Sopranos“ war die Gruppe finanziell autark genug, auch ohne zukünftige Label-Verträge ihre musikalischen Visionen in die Welt zu setzen. Weshalb es nicht überraschend ist, dass Alabama 3 bis heute existieren, bis heute Spaß am (exzessiven) Touren hat und seit 2010 mit ihrem eigenen Label „Hostage Music“ Veröffentlichungen herausbringen. Es sind viele Jahre vergangen und der Fokus verlagerte sich in letzter Zeit wieder mehr auf den House-Aspekt, doch ist sich die Gruppe treu geblieben und pocht auf ihren eigenwilligen Mashup, der ihnen zwar nie die ganz große Karriere einbrachte, aber dafür ein festes Standing in den obskuren Kreisen der britischen Novelty-Szene.

Hati [Daud B.]

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