Ein Generation Y‘ler und sein „Dadrock“ – Exile on Main St

Warnung: Es folgt ein kleiner Rant.
Die musikalische Sozialisation und das langsame aber stete Formen und Festigen eines Musikgeschmacks kann auf viele Arten erfolgen. Manche Menschen haben es sich zum Hobby gemacht, ständig sämtliche einschlägigen Bücher, Zeitschriften und Websites nach den besten, berüchtigsten oder auch obskursten Releases – alt wie neu – zu durchsuchen. Manche wissen diese intensive Beschäftigung mit dem Musikuniversum sehr zu schätzen, überlassen dies aber lieber ihrem engeren Freundeskreis und ernten nur die Empfehlungen und Highlights. Neben diesen und vielen anderen Strategien der akustischen Schatzsuche gibt es noch eine Sorte, von der wohl speziell Musikenthusiasten und Mitglieder von Musikszenen genügend Beispiele kennen: Die Söhne und Töchter von großen Musikfans, die von ihren Eltern musikalisch sozialisiert wurden – ob nun freiwillig oder nicht.

Als Musikfan kann man es der heutigen Generation 50 Plus wohl kaum verübeln, dass sie ihre damalige wie heutige Leidenschaft tunlichst an den Nachwuchs weitergeben wollen und keinen Moment versäumen, ihnen die Genialität ihrer alten Classic Rock Platten einzutrichtern. Aber der Rest der Generation Y muss deshalb auch mit einer Horde von gleichaltrigen oder jüngeren Mitmenschen klarkommen, für die „früher alles besser war“, obwohl sie dieses Früher gar nicht kennen. Im Pubertätsalter sind diese Exemplare sehr leicht daran erkennbar, dass sie einem in jeder sich bietenden Gelegenheit klarmachen, dass sie in der falschen Generation geboren sind und neue Musik grundsätzlich scheiße ist. Diese als totale Individualität verkannte Einstellung wird durch H&M Shirts von den Beatles, Guns N‘ Roses und nicht zuletzt The Rolling Stones untermauert.

Am etwas plakativen und vielleicht sogar hochnäsigen Ton ist leicht erkennbar, dass ich kein solches Kind war, und bei meinen Eltern hörte der Musikenthusiasmus nach lokalen Blasmusikkapellen recht schnell auf. So geschahen die ersten Annäherungsversuche an die Großtaten der 60er und 70er Jahre erst reichlich spät, als ich bereits reichlich tief in eher moderne (und vor allem modern klingende!) Spielarten von Punk und Metal versunken bin. Die Ergebnisse waren dementsprechend ernüchternd. Dabei wusste ich die Pionierrolle dieser Ära auch damals schon zu schätzen und bin mit den meines Erachtens interessanten wie kontroversen Standpunkten meines Kollegen Marvin bezüglich Klassikern nie konform gegangen. Aber bis auf The Doors als große Ausnahme blieb meine Jugend frei vom im Internet gerne als „Dadrock“ betitelten Sound früherer Generationen. Das alles ist mittlerweile sehr lange her und genau wie sämtliche Speisen, die man als Kind nie essen wollte und als Erwachsener plötzlich zu schätzen weiß, wurden auch früher verschmähte Genres und Zeitalter von Musik neu erkundet und als fruchtbares Entdeckerland befunden. Voraussichtlich wird sich mein nächster Beitrag wohl genau auf diesen Nachholprozess beziehen, in den ich speziell 2015 extrem viel Zeit gesteckt habe. Aber ein paar Sachen wollen sich einem wohl trotz aller persönlichen Reifeprozesse einfach nicht erschließen. Willkommen auf der Hauptstraße, im Exil.

Man muss Interpreten nicht gut finden, um sie und ihre Gunst innerhalb der Musik hörenden Gesellschaft zu respektieren. Somit habe ich auch heute, nachdem ich derart viele Künstler aus den 60ern und 70ern kennen und lieben gelernt habe, kein schlechtes Gewissen darüber, dass ich The Rolling Stones als total langweilig und uninteressant empfinde. Der große Unterschied zu meinem pubertierenden Ich ist, dass man mir jetzt nicht mehr nachsagen kann, dass ich es nicht wiederholt versucht hätte. Gerade der in so ziemlich allen Kreisen als absolute Meilenstein und als eines der besten Alben aller Zeiten gefeierte Klassiker „Exile on Main St“ von 1972 lief oft genug.
Es spricht viel dafür, wieso ausgerechnet das eine Doppelalbum sich derart großer Beliebtheit erfreuen soll. In seinen 67 Minuten Spielzeit versucht es, so viele Stile und damit Geschmäcker wie möglich zu bedienen, aber ohne dabei tatsächlich neue Wege einzuschlagen und den bandeigenen Sound allzu weit zu verlassen. Inmitten klassischer und schnörkelloser Rock ‚n‘ Roll Lehrbuchnummern werden immer wieder Blues, Soul, aber auch Folk und Americana-Country und sonstiges beigefügt. Das Album will alles Mögliche zugleich sein und fühlt sich für mich wohl auch deshalb viel mehr wie eine große Collage der Ära an, in der es erschienen ist, und nicht wie ein einzelnes, in sich schlüssiges Werk. Eine Vielfalt an musikalischen Einflüssen sorgt sehr oft dafür, dass einem diese Momente des Albums gut in Erinnerung bleiben. Wenn ein Folkalbum plötzlich in einem Track stark verzerrte Gitarren auspackt, dann kann man diesen Track benennen, da er stark heraussticht. Bei „Exile on Main St“ ist auch nach mehreren aufmerksamen Durchgängen kaum etwas hängengeblieben und das meiste ging beim anderen Ohr wieder hinaus, wie es mir sonst eher bei genretechnisch eindimensionalen Alben passiert. Die aufregenderen Momente des Albums liegen leider recht weit auseinander und als Kondensat eben dieser Momente – sprich als Einzelalbum – würde dieses Werk wohl eher in meiner Gunst stehen.

Vielleicht leiden einige Alben, die ich sehr mag, unter den selben Symptomen und ich messe nur unbewusst mit zweierlei Maß, um die von mir empfundene Mittelmäßigkeit des Albums und der Band halbwegs argumentieren zu können. Tatsächlich fällt es ungewohnt schwer, Worte für dieses Unverständnis bezüglich des Status dieses Albums zu finden. Und „Es gefällt mir einfach nicht“ ist immer langweilig. Aber… es gefällt mir einfach nicht. Ich überlasse diese Band wohl weiterhin den Leuten, die das selbe über die heutigen Bands denken und keine Konversation und keinen Social Media (vor allem Youtube) Kommentarbereich auslassen, um eben dies mitzuteilen.

Interloper [Johannes S.]

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