Liz Phair – Exile In Guyville

Heute kommen wir zu einem etwas älteren Werk, dem bereits 1993 erschienen Exile in Guyville von Liz Phair. Ein Album, das von Kritikern allgemein sehr gut aufgenommen wurde und auch in den 500 besten Alben aller Zeiten des Rolling Stone aufgeführt wird, auf einem respektablen 327. Platz, und trotzdem irgendwie ein wenig ein Schattendasein fristet. Doch was steckt hinter diesem Album, das als konzeptionelle Antwort auf Exile On Main Street gedacht war?

Der Opener ‚6‘1″‚ und der etwas intensivere und eindringlichere zweite Song ‚Help Me Mary‘ klingen noch wie relativ typische Indie-Rock-Songs, und auch wenn Phairs Stimme schon hier überzeugt, sind die Songs gut, aber nicht außergewöhnlich. Aber schon ‚Glory‘ zeigt, welches Potential das Album besitzt. Ein wunderbar reduzierter Song, trotzdem intensiv und atmosphärisch. Das später folgende ‚Soap Star Joe‘ ist einer der größten Ohrwürmer des Albums mit seinem einprägsamen Refrain, der mit fast schon spacigen Keyboards und entrücktem Gesang eine wunderbare Atmosphäre schafft, und dann über das anklagende ‚Explain It To Me‘ in das melancholische ‚Canary‘ überzuleiten. Diese Übergänge vollkommen natürlich wirken zu lassen ist extrem beeindruckend und gelingt selten derart gut. Fuck And Run klingt auf merkwürdige Weise wie das reduzierte, rockige Vorbild für Dreampop-Bands ala The Pains Of Being Pure At Heart, und das komplett ohne Bass, was den Song zu einem merkwürdigen, aber einprägsamen Gerüst verhilft. Pure Provokation folgt dann mit ‚Flowers‘. I want to be your blowjob queen. I’ll fuck you ’til your dick is blue . Heute in Zeiten von Miley Cyrus für viele vielleicht nicht mehr allzu schockierend, damals aber sicher noch etwas anderes aus dem Mund einer Sängerin. Und der Song ist so viel mehr als nur die provokanten Lyrics. Doppelte Vocals, einmal gesungen in sehr heller Stimmlage, darüber gelegter Sprechgesang, unterstützt durch ein extrem reduziertes Grundgerüst, sorgen für eine ungewohnte, auch ein wenig unkomfortable Grundstimmung. Wer mit so simplen Mitteln so viel ausdrücken kann, hat bei mir immer direkt einen Stein im Brett. Und selbst relativ konservative Rocksongs wie die beiden Rausschmeißer  ‚Stratford-On-Guy‘ und ‚Strange Loop‘ entwickeln bei ihr einen ganz eigenen Charme, wozu sonst eigentlich nur PJ Harvey imstande ist.

Exile in Guyville ist ein großartiges, facettenreiches Album dass auch nach den relativ vielen Durchläufen die ich für das Review gebraucht habe keine Sekunde langweilig wird. Die Verbindung mit Exile On Main Street konnte ich zwar nicht direkt erkennen, aber das spielt für mich auch keine so große Rolle. Warum das Album so lange unentdeckt und unterschätzt bei mir im Schrank stand kann ich nicht sagen, umso glücklicher bin ich nun über diese Neuentdeckung. Um Sie wirklich mit der großartigen Polly Jean Harvey vergleichen zu können fehlt mir (noch) der Überblick über Liz Phairs Gesamtwerk, aber im Jahre 1993 würde ich sogar sagen hat Sie gegenüber Rid Of Me die Nase vorn, und das ist nichts was mir leicht über die Finger geht.

Nezyrael [Florian R.]

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