John Zorn – Taboo & Exile

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Schon in seinen ersten Werken beschäftigte sich der in New York ansässige Experimentalkünstler John Zorn mit kompositorischen Ideen, die der Cartoon Musik entnommen sind. Mit den in den 30er Jahren beginnenden Vertonungen von zuvor stummen Zeichentrickfilmen der Warner Brothers, Disney oder Metro-Goldwyn-Mayer, wurden neue, visuell bedingte Methoden musikalischer Verkörperung geboren. Komponisten wie Scott Bradley (MGM) oder Carl Stalling, der als einer der Pioniere der Zeichentrick-Musik gilt und sowohl für Disney, als auch für Warner Brothers hunderte Filme und Serien vertonte, die unter der Ägide von Leon Schlesinger entstanden, werden von Zorn als frühe, musikalische Einflüsse genannt. Stalling näherte sich der hektischen Plotambivalenz dieser Cartoons schon bei den Szenenbuch-Skizzen und komponierte anhand dieser für jede Zeichnung die passenden, tonalen Bausteine, die danach zusammengesetzt die bewegten Bilder begleiteten. Er gilt neben Max Steiner und Scott Bradley als der Erfinder des „Click Track“, einer Technik die in den frühen 30er Jahren entwickelt wurde. Hierbei werden tausende Löcher in die Randstreifen der Filmrolle gestanzt, wodurch ein klickendes Geräusch beim Abspielen des Filmes entsteht. Dieses kontinuierlich gleichmäßige Geräusch ermöglicht es dem Komponisten einem bestimmten Rhythmus zu folgen, seine Komposition auf jenen abzustimmen und so das Geschehen des Filmes zu begleiten. Auf diese Weise konnte Stalling die abrupt wechselnden Gegebenheiten von Stimmung oder Szenerie innerhalb der Cartoons stets passend begleiten. Und aus dieser Form der collagenartigen Tonalität, zog Zorn später die Inspiration für seine mannigfaltigen Kompositionen, mit denen er immer tiefer in die Idee einer „filmisch“ arrangierten Musik eintauchte.

Zorn war ebenso gebannt von Stallings Ansatz, der visuellen Logik der Bilder zu folgen, anstatt den tradierten Regeln musikalischer Form, wie von seiner hektischen, kompositorischen Diskontinuität und Polystilistik, die seine „Stockhausen-like sound blocks“ prägten. Deutlich wird dies auch auf seinem 1987 veröffentlichten Werk „Spillane“, das eine Hommage an den Krimiautor Mickey Spillane und dessen berühmteste Romanfigur Mike Hammer darstellt. Zorn sichtete biographisches Material, Filme, Fotos, Zeitungsberichte und Schallplatten, die Spillanes Geschichten behandelten, analysierte sie und verwendete aus all diesen Einflüssen verschiedene Teilstücke, die er zu einem großen Ganzen zusammenfügte.

Ähnlich ging er auch bei seinem 1999 erschienenen Werk „Taboo & Exile“ vor, das allerdings als Teil seiner „Music Romance“-Trilogie keinerlei Referenzen von Romanfiguren bemüht, sondern stattdessen puren Eklektizismus ohne ein Narrativ in den Vordergrund stellt. Dabei ist hier im Gegensatz zu den fieberhaft wütenden Jazzcore-Miniaturen von Naked City dennoch stets eine allen Stücken inhärente Stilistik erkennbar, die zwischen sanften Free Jazz-Einlagen im Geiste von Jon Hassell, dem Klezmer der vielseitigen Masada-Alben und rituellem Rock, wie man ihn seit 2006 im Moonchild Project hören kann, mäandert. Letzterer wird gerade in Stücken wie „Sacrifist“ und „The Possessed“ sehr deutlich betont – kein Wunder, sind mit Mike Patton, Joey Baron und Jamie Saft doch gleich drei äußerst lautstarke und virtuose Mitstreiter von Moonchild auf dem Album vertreten. Daneben fährt Zorn ein für ihn nahezu notorisch hochkarätiges Line-Up auf: So spielen Fred Frith, Bill Laswell, Cyro Baptista, Dave Lombardo, Marc Ribot und Erik Friedlander (um nur ein paar zu nennen) ihren oft gar nicht so dominanten Part in der akustischen Bebilderung dieses Albums. Handwerklich wird hier demnach durchgehend ein herausragendes Niveau geboten, ohne in selbstverliebte instrumentale Masturbation zu verfallen. Während „A Tiki for Blue“ eine mit Rum durchtränkte Strandatmosphäre beschwört, die in ihrer trägen Vernebelung intensiv duftende Mülldeponien nahelegt, tun sich beim tribalen „Koryojang“ Lagerfeuerszenen auf – mit Cola Dosen und Mutterplatinen verzierte Metallzepter statt Federn, Stöcke und Tierhäute. Zwar sind es gerade die rhythmischen Passagen, die auf „Taboo & Exile“ besonders viel Charme versprühen und eingängig wirken, doch dem sakralen Timbre von „In The Temple Of Hadjarim“ oder „Thaalapalassi“ kann sich der Rezipient gerade bei einem Hördurchgang in völliger Dunkelheit kaum entziehen. Eine zwiespältige Stimmung ist das, die sich hier ausbreitet. Sowohl der Vorgänger „Music For Children“ als auch der Nachfolger „The Gift“ tritt in puncto Subtilität und Vielschichtigkeit ähnlich verworren auf. Während Ersterer allerdings einen eher verstörenden Charakter besitzt, hinterlässt Letzterer die bläulich schimmernde Abendatmosphäre verranzter Surfbars am Ocean Drive – ein entspannt resignierender Sound, ähnlich wie er 2008 im Projekt „The Dreamers“ wiederbelebt wurde und auch auf „Taboo & Exile“ zu hören ist. Involviert werden dort Windmaschinen und kontrollierte Feedbacksysteme, hier zahllose Percussion, trunkene Gitarren und neben einer Schar von Streichern ebenfalls bis zu drei Schlagzeuger auf einem Album. Dabei treffen sich Exotica und verschrobener Hardcore Punk, klassische mit experimentellen Gattungen der Jazz-Zoologie ebenso wie Fusion und Surf Rock. Würden Zorns Kompositionen währenddessen nicht durchweg eine belebende Präzision an den Tag legen, erhielte der Hörer wohl schnell den Eindruck orientierungsloser Spielereien, die mal wie Les Baxter, mal wie Miles Davis und mal wie Thurston Moore klingen wollen. Der Chef von Tzadik besitzt allerdings genug stilistischen wie technischen Eigensinn, um gänzlich ohne ideenarme Imitationen auszukommen. „Taboo & Exile“ wirkt stattdessen wie ein Prisma, das die später im „Book Of Angels“, diversen Filmworks sowie dem Moonchild-Projekt ausformulierten Konzepte und Ideen detailliert vorwegnimmt und dabei Stilbrüche als Einflüsse zelebriert.

 

Xhi [Nils S.]

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