Blackest Ever Black Labelnacht

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2010 in London gegründet, schickt sich das Label Blackest Ever Black seit jeher an, die Grenzen zwischen Industrial, Techno und experimentellen Ansätzen neu auszuloten. Im Laufe der vergangenen fünf Jahre konnte der Gründer und ehemalige Editor für das FACT Magazine, Kiran Sande, eine hochgradig variantenreiche und nicht minder illustre Riege von Künstlern um sich versammeln. Neben mittlerweile international bekannten Namen wie Prurient, Raime, Tropic Of Cancer oder Lustmord, fanden auch obskure Geheimtipps ihren Weg in den Backkatalog des Labels. Vom endzeitlichen Tribal Noise des einstigen Whitehouse-Gründers William Bennett, seit 2011 besser bekannt unter seinem Pseudonym Cut Hands, über den von kanadischen Ausschüssen inspirierten Sonnentausound von Dalhous bis hin zu jenen verschrobenen Klangflächen des Wiener Projektes Shampoo Boy, die in ihrer hämmernden Kälte Einflüsse aus Black Metal, Industrial und Drone ausgesprochen erfolgreich vor der Kompromissbereitschaft retten – Blackest Ever Black gerät mehr und mehr zur Oase für unterschiedlichste Künstler, die in Zeiten allumfassender Dunkelheit den Soundtrack für das 21. Jahrhundert schreiben möchten.

 

So begegneten Enthusiasten endzeitlicher Klänge bereits seit Jahren auf verschiedensten Wegen den in ihrer Qualität ungewöhnlich beständigen Veröffentlichungen dieses Labels – sei es im Netz, auf Plakaten oder durch Erzählungen. Nicht vielen Plattformen gelingt es innerhalb eines Zeitraumes von fünf Jahren derartige Präsenz im europäischen Musikuntergrund zu kultivieren. Wo könnte solch ein Jubiläum ausschweifender gefeiert werden, als in einem alten Heizkraftwerk im Osten Berlins?

Am 30. Oktober des noch laufenden Jahres luden daher die Betreiber des Berghains in Friedrichshain/Kreuzberg zur Labelnacht in ihren heiligen Hallen. Anwesend waren neben Dominick Fernow aka Prurient (aka Vatican Shadow (aka Rainforest Spiritual Enslavement)) eine Handvoll weiterer Größen des Londoner Labels: Die bereits erwähnten Tropic Of Cancer machten neben den Berlinern von Diät den Konzertteil des Abends aus, der von 22 bis 0 Uhr andauerte. Anschließend folgten Live-Sets von Raime und Prurient, sowie DJ-Sets von Death # Disco, Regis und Felix K, die bis 8 Uhr morgens das Berghain mit teilweise düsteren, teilweise aber auch überraschend freundlichen, jedoch immer hochgradig intensiven Stücken bei Laune hielten und für den ein oder anderen Ekstaseschrei verantwortlich zeichneten. Unterdessen fand ein Stockwerk höher in der Panorama Bar eine liebevoll gestaltete Nacht des in Philosophie und Projektwahl ähnlich agierenden Labels PAN statt, dessen Betreiber Bill Kouligas zusammen mit M.E.S.H. gleich zu Beginn für drei Stunden das Pult übernahm. Anschließend feierten Hochkaräter wie Objekt, Josey Rebelle und Lee Gamble noch bis in den Vormittag hinein, als die Sonne ihre ersten Strahlen durch die Fensterwand des im Volksmund bloß „Panne“ genannten Obergeschosses warf. Aus Gründen der Überschneidung und geistigen Umnachtung, kann hier allerdings nur von der Running Order im Berghain berichtet werden – die Panorama Bar wurde vom Autor den größten Teil des Abends gemieden.

 

Dieser begann um Punkt 22 Uhr mit den Post-Punk-Neulingen von Diät, die den Mainfloor mit einer doch ungewöhnlich Noise-affinen Variation ihres Genres beschallten. Gespielt wurden beinahe ausschließlich Stücke des im September erschienenen Debüts „Positive Energy“, begleitet von roten Rauchschwaden und vereinzelten Disco-Strobos, die für eine eher beschauliche Atmosphäre sorgten. Doch speziell in Anbetracht der Tatsache, dass es sich hier um eine noch vergleichsweise junge Band handelt, war die Performance und der Sound überraschend dicht, drückend und doch differenziert. Nach einer guten Stunde verabschiedeten sich die Mitglieder der Band unter tosendem Beifall von der Bühne und machten in wenigen Minuten Platz für eine im blauen Scheinwerferlicht auf die Bühne steigende, hochschwangere Camella Lobo. Tropic Of Cancer eröffneten ihr Set mit dem tiefen Dröhnen von „Hardest Day“, dem dritten Stück auf ihrem vielgelobten Debüt „Restless Idylls“, das vor ziemlich genau zwei Jahren erschien. Dank einer mehrere zehntausend Watt fassenden Anlage der Firma Funktion One und Boxentürmen, welche während des Konzertes mit kleinen Hubwagen in ihrer Ausrichtung feinjustiert wurden, dröhnten zwischen Shoegaze und Post-Rock mäandernde Gitarren auf greifbare Weise durch die mit dreizehn Meter hohen Decken ausgestattete Halle. Gefolgt von „Court Of Devotion“, „Children Of A Lesser God“ und dem Titeltrack der aktuellen EP „Stop Suffering“, lullte die Band weite Teile des Publikums in orange und blau schwelende Laserprojektionen ein, deren Melodramatik nicht zu widerstehen war. Viele Augen blieben dennoch geschlossen, kaum jemand tanzte. Verbreitet waren lediglich sanft nach oben gezogene Mundwinkel und an die Brust gehaltene Bierflaschen, die langsam samt Körper hin und her wippten. Es sind vor allem solche Momente, in denen die akustischen und optischen Qualitäten des Berghains in den Vordergrund treten – wenn man nicht gerade mit überbordender Zufriedenheit in der Hast des Augenblicks ersäuft, sondern den Geruch, die Stimmung und den nahezu sakralen Charakter dieses Etablissements mit jedem Zug tiefer aufnimmt und zu verstehen glaubt. Neben rituell-wahnwitzigen Clubabenden sind hier eben auch intimste Konzerte auf Weltniveau Teil der Agenda. Als die letzten Töne von „Wake The Night“ verstummten, verabschiedeten sich dann auch Tropic Of Cancer mit einer wehmütigen Gesangseinlage von der Bühne und gaben in einem fließenden Übergang den Weg frei für die Stimme von Lisa Gerrard. Was?

Ja, richtig gelesen. Doch natürlich nur halbwahr. Berghain-Resident Death # Disco begann sein Set nämlich mit einem epischen Remix von „The Host Of Seraphim“, bekannt aus dem Dead Can Dance Album „The Serpent’s Egg“, und fungierte in den darauf folgenden zwei Stunden als verblüffend stilsicherer Übergang zu den abschließenden Schwergewichten der Nacht – Raime, Regis und Prurient.

 

Bereits mit schweren Bassstößen um Punkt 2 Uhr eingestiegen, zog das Londoner Duo Raime innerhalb weniger Minuten den Großteil der anwesenden Besucher von den Toiletten, den Raucherbereichen und Dark Rooms in die Haupthalle. In einem Sturm aus blau, weiß, grün und rot flirrenden Lichtspasmen feuerten Tom Halstead und Joe Andrews ihren beängstigenden Mix aus Industrial, Techno, Drone und Dark Ambient in die Mengen und ernteten begeisterte Rufe, weit aufgerissene Augen sowie im Anschluss jedes Stücks frenetischen Applaus. Ein bizarres Spiel für Ohren und Augen, das neben der kompletten „Quarter Turns Over A Living Line“ auch einige unbekannte, neuere Stücke beinhaltete und wohl nirgendwo passender hätte aufgeführt werden können. Noch in schwitzender Trance versunken, bemerkten viele erst spät, dass sich um 3 Uhr Regis auf die Bühne schlich und in einem subtilen Wechsel sein Set neben das von Raime platzierte. Das Duo wurde dennoch lautstark verabschiedet und schürte mit einer überraschend tanzbaren Darbietung die Vorfreude auf ein neues Album, das ziemlich bald auf der Startrampe stehen dürfte.

Für eine echte Überraschung sorgte Regis dann aber vor allem, weil er in rund 120 Minuten neben industriellem und minimalem Techno auch Drum’n’Bass, Jungle und House in sein Set mit einfließen ließ. Zu dieser Zeit füllten sich die labyrinthisch angerordneten Räumlichkeiten des Berghains immer mehr mit Leuten aus aller Welt (unter anderem auch Chris Hakius von Om), was Luftfeuchtigkeit und Temperatur spürbar nach oben trieb. Fünf Minuten vor Fünf entließ Regis dann mit einem furiosen Finale aus IDM, Techno und noisigen Elementen die gesamte Halle in die Nacht und verschwand schneller als er aufgetaucht war. Ob es wohl an der Präsenz von Labelkollege Dominick Fernow lag, der sich hinter der Bühne bereits auf seinen Auftritt vorbereitete? Wahrscheinlich, denn als dieser keine fünf Minuten später selbige betrat, befand sich Karl O’Connor alias Regis bereits im Publikum und starrte – wie alle – gebannt nach vorne.

Dann war es endlich so weit. Um 5 Uhr morgens bestieg Prurient das Parkett, baute seinen Laptop, einen Mixer und seine zwei Mikrophone auf einem bescheidenen Tisch auf und ließ den Rest der Bühnenfläche von überflüssigem Ballast befreien. „Committed To The Physical“ war einmal der Titel eines Interviews, das Fernow mit dem britischen Quietus führte. Treffender könnte man eine Performance des Wahlkaliforniers und Noise-Giganten wohl auch nicht untertiteln.

Es dauerte keine 60 Sekunden, bis die ersten Leute den Saal verließen und sich in die Raucherbereiche oder Panorama Bar zurückzogen. Ganz in seinem Element, machte Fernow von vorne herein klar, dass er hier nichts fälschen würde. Jeder Schrei, jede Zuckung, jedes noch so entgleiste Schwallen der Arme, aber auch jeder mönchsartig vorgetragene Spoken-Word-Part wirkte ehrlich und vor allem durch die Musik bedingt. Dabei lesen sich die Berichte von Live-Auftritten dieses Mannes zumeist negativ – künstlich und unfreiwillig komisch seien die Ausraster hinterm Bildschirm. Fernows Pult war an der linken Bühnenflanke aufgebaut, an der eine Menge Platz vorhanden war. Während er noch mit „A Sorrow With A Braid“ eröffnete, bahnten sich schmerzerfüllte Gesichter den Weg aus der Menschenmasse. Andere verloren vollkommen den Verstand. Doch schon wenige Sekunden später ging das Krächzen, Sägen und Schreien in die warm wabernden Ambientflächen von „Shoulders Of Summerstones“ über – begleitet von plötzlich an den Wänden hinablaufenden, blauen Lichtwellen. Das Ambiente schien perfekt, zu etwas Absurd-Kosmischem übersteigert, während Fernow gleich einem Derwisch am Feuer tanzte. Dann schlug die Stimmung erneut um. „Falling Mask“ erschien live aus einem Meter Entfernung naturgemäß um ein Vielfaches intensiver, als auf „Frozen Niagara Falls“, was aber nicht allein dem umwerfenden Sound, sondern dieser beeindruckenden Performance geschuldet war. Klingen seine Schrei-Attacken auf Platte schon präzise und bösartig, so verfügt er live über einen selbst in diesem Kontext ungeahnt brutalen Ausdruck. Schon nach wenigen Sekunden bemerkt man dabei auch, warum manche Passagen mit zwei Mikrofonen gleichzeitig vor dem aufgerissenen Schlund in den Äther gebrüllt werden müssen. Das ist kein kosmetisches Detail, sondern schlägt sich auf beeindruckende Weise im Sound nieder, der kurz darauf aus dem angestimmten Noise-Ozean im entgrenzt brachialen „Dragonflies To Sew You Up“ mündete. Die Halle bebte, niemand war mehr zu halten. Schrie Fernow, schrien zwanzig, dreißig Personen in der Menge hinterher.„You Show Great Spirit“ vom 2013 erschienenen Mini-Album „Through The Window“ sprengte im Anschluss das Ambiente. Mit seinem tief-raunenden Industrial Techno schien es direkt, als sei dies der Klang, für den diese Hallen gemacht wurden. In gleicher Intensität gerieten dann auch „Jester In Agony“, „Cocaine Daughter“ und der Titeltrack von „Through The Window“, den Fernow mit gesprochenen Passagen ausstattete, zu hochgradig intensiven, perfekt abgemischten Epen jenseits dessen, was sonst als Techno gilt.

Kommentarlos verließ er eine halbe Minute nach 6 die Bühne und packte sein Equipment ein.

Kommentarlos verließen der Autor und seine Begleitung daraufhin erschöpft das Berghain.

Mit dem 8 Uhr Bus ging es schnurstracks nach Hause.

Eine denkwürdige Nacht.

 

Xhi [Nils S.]

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