Cult Leader – Lightless Walk

Wenn Bands oder andere Künstler versuchen, zwei Dinge in einem Album zu vereinen, die recht weit voneinander entfernt liegen, kann vieles schief laufen. Ein Rapper kann durchaus auf einem Album gleichzeitig romantische, soulig angehauchte Nummern schreiben und zwei Tracks weiter wieder die eiskalte Gangbanger-Persona einnehmen. Für den einen ist das vollkommen legitim und Widersprüchliche Charakterzüge werden als natürlicher Bestandteil der conditio humana wahrgenommen, für andere bedeutet diese Dysphorie einen erheblichen Verlust an Authentizität. Und so kann es auch bei Bands, die versuchen, einerseits hart und rücksichtslos brutal und andererseits introspektiv und zerbrechlich zu klingen, der Fall sein, dass eines der beiden Extreme total aufgesetzt wirkt. Doch gute Künstler schaffen einen musikalischen, thematischen oder emotionalen Spagat ohne Authentizitätsverlust und brauchen dafür keine ironischen Zwinkersmileys oder Experimentierfreudigkeitsapologetik auf Social Media Plattformen.

Nach diesen Standards waren Gaza aus Utah wohl eine gute Band. Ihr Mix aus brachialem Hardcore und nicht weniger einschlagendem Sludge war meistens ziemlich düster und von einem Nebel aus Pessimismus und anderer Negativität umgeben, aber es gab auch genügend Ausflüge ins Melancholische und Melodien, die man vor allem im Kontrast zum Rest als schön bezeichnen muss, nahmen Einzug in das graustufige Soundgemälde. Das Malen dieser Bilder wurde nie zur Routine degradiert, jedes Album fühlte sich anders an und das völlig unverkrampft ineinanderfließende Spiel aus Gewalt und Fragilität erreichte auf dem dritten und letzten Album „No Absolutes in Human Suffering“ seinen Zenit. Aber das Bandleben war nicht frei von Problemen und besonders um den Ex-Sänger Jon Parkin rankten sich Anschuldigungen und uneindeutige Fetzen der Geschichte verbreiteten sich wie ein Lauffeuer. Gaza war kurz darauf Geschichte und bis heute ist nicht völlig klar, ob die Parkin-Affäre – wenn man es so nennen will – der eine Tropfen war, der das Fass zum Überlaufen brachte oder ob die Zeitliche Nähe zur Bandauflösung eher zufällig war. Um gleich eine zweite Weinbehältnis-Metapher im selben Absatz zu missbrauchen: Gerade wegen der Uneindeutigkeit dessen ist es sinnlos, dieses Fass nach mehr als zwei Jahren erneut aufzumachen.

Hauptsache ist: Die verbliebenen 3/4 waren nie untätig und bauten sich unter dem Namen Cult Leader in Windeseile einen neuen Rum als neues Flaggschiff des metallischen Hardcores. Die Debut-EP „Nothing for US Here“ dürfte jeden Fan der alten Band überzeugt haben, was nicht heißt, dass sie nicht auch eigenständig genug war. Wichtig ist der eingangs erwähnte Spagat, die Kompromisslosigkeit und Integrität zu wahren, ohne sich in eine homogenisierte Ecke drängen zu lassen und dort als stagnierendes One-Trick-Pony zu verenden.
Beweis dieses Willens zur weiteren Entfaltung ihres Sounds ist die dieses Jahr erschienene EP „Useless Animal“. Mit dem Track „You Are Not My Blood“ – ein Mark Kozelek / Desertshore Cover, welches über zwei Drittel der Spieldauer ausmacht – haben Cult Leader der introspektiven Seite ihres Sounds völlig neue Dimensionen verliehen. Der langsame und düstere Folk Rock des Originals trifft auf die tiefe, grummelnde Produktion des Hardcoregenres und die apathisch-gleichgültig vorgetragenen Vocals und das mit Streichern unterlegte Finale (gespielt von Mitgliedern von SubRosa, einer weiteren meisterhaften Band aus dem Land der Mormonen) tun ihr übriges.

gks

Nun ist vergangenen Monat auch das Debutalbum „Lightless Walk“ erschienen und den Hörer erwartet exakt die Symbiose aus chaotischem Hardcore und stampfendem Sludge, die man im Vorfeld erwarten konnte. In jedem Fall wird dem Albumtitel alle Ehre gemacht, nicht nur musikalisch sondern vor allem lyrisch. Aus jeder einzelnen Textzeile trieft blanker Pessimismus und pure Negativität hervor. Cult Leader lassen kein gutes Haar an Dingen wie Religion, Menschlichkeit oder fadenscheinigen Zukunftsvorstellungen. „Walking wastelands hollowed out by pain / stepping on each others throats to get above the smoke / time heals nothing / we will die here empty and alone.”

Wie bereits auf der vorhergegangenen EP spart sich die Band jegliche Kennenlernphase und lärmt sofort los. „Great I Am“ offenbart stellvertretend für alle kürzeren Tracks auf dem Album bereits die Mischung aus schnellen und gemächlicheren Passagen, beide auf ihre eigene Art intensiv. Die Übergänge sind mal fließend, mal plötzlich. Schrilles Gitarrenfeedback attackiert das Gehör, Taktwechsel oder mitten im Takt wechselndes Schlagzeugspiel sorgen dafür, dass das Album einige Durchläufe benötigt, um überall verstehen zu können, was gerade vor sich geht, und um gedanklich Ordnung in das scheinbare Chaos zu bringen. In den geradlinigeren Passagen spielt die Band mal eben nebenbei jeden Deathcore-Breakdown aktueller Bands an die Wand, ohne selbst jemals zum Deathcore zu verkommen. Andernorts wird man, unweigerlich zum Groove mitnickend, an die 2013 erschienene Großtat von Nails erinnert, vor allem bei den walzenden Schlusspassagen von „Suffer Louder“ und „Hate Offering“.
Inmitten dieses Getummels ragt plötzlich „The Good Life“ hoch empor. Der trügerisch optimistisch anmutende Songtitel beherbergt einen Song, der dem Kozelek-Cover der EP in vielen Punkten ähnelt. Die Band hat ihre Hausaufgaben gemacht und eine eigenständige Version dessen erschaffen, mit den selben packenden Vocals und einem brachialen, alles abrundenden Finale. Und wie auf jedem bisherigen Release der Band(s) ist der Rausschmeißer „Lightless Walk“ ein atmosphärisches Stück Slugde, das in seiner monotonen Langsamkeit langsam aber sicher dem Ende entgegenkriecht und eine gewisse Leere zurücklässt.
Es ist egal, ob Cult Leader schnell oder langsam, chaotisch oder geordnet, wütend oder traurig sind. Man kauft ihnen jedes Wort und jede Note unweigerlich ab und hat nie das Gefühl, dass ein Tritt aufs Bremspedal fehl am Platz sei. Keine Dynamik nur um der Dynamik willen. Und ganz abgesehen von diesem Aspekt einfach ein handwerklich, konzeptuell und soundtechnisch gut umgesetzter Arschtritt und eine klare Empfehlung meinerseits.

Interloper [Johannes S.]

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