Paavoharjus bunte Insel im Winterland – Teil 2

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In meinem letzten Text habe ich mich ein wenig mit der finnischen Gruppierung Paavoharju beschäftigt, die mir sehr am Herzen liegt. Bisher wurden sowohl die Band im Allgemeinen als auch ihr – sozusagen – soziokultureller Hintergrund wie auch ihr Debüt-Album näher beleuchtet. Da es sich um einen meiner absoluten Lieblingsinterpreten handelt, will ich es aber nicht dabei belassen, sondern noch etwas mehr über das weitere musikalische Schaffen von Paavoharju schreiben.

Da Paavoharju, wie schon im ersten Teil beschrieben wurde, eher als musikalisches Ventil der grundsätzlichen Lebensphilosophie und auch des damit verbundenen Lebensstils eines Großteils des betreffenden Freundeskreis zu verstehen ist, denn als traditionelle Band, war es vermutlich nach dem überaus beeindruckenden, von Schöpfungsdrang und eigenständiger Kreativität nur so strotzenden Debüt-Album, nicht einmal genau klar, ob man überhaupt noch einmal etwas von dieser Art Ausdrucksform zu sehen und hören bekommen würde. Dass das gesamte musikalische Schaffen Paavoharjus letztendlich doch von Olli Ainalas Motivation, Musik zu komponieren, abhing, verdeutlicht nur, dass neues Material definitiv keine Selbstverständlichkeit war, gerade weil dieser Olli Ainala zeitweise auch mit einer relativ schweren Hauterkrankung zu kämpfen hatte, die ihm z.B. das Klavierspielen nur unter Schmerzen möglich machte.

Glücklicherweise waren jedoch zunächst offenbar alle Paavoharju-Mitglieder gewillt, weiter an dieser außerordentlichen, künstlerischen Formation teilzuhaben, sodass es nach drei Jahren, 2008, einen Nachfolger zu „Yhä Hämärää“ vorzustellen gab. Nun handelt es sich bei Paavoharju, zum Glück der Hörer, um jene Art von Band, die sich in keiner Weise um Erwartungshaltungen schert, da sie ohnehin völlig in ihrer eigenen, künstlerischen Blase lebt, in der nur die eigene Vision von Bedeutung ist. Das zweite Album „Laulu Laakson Kukista“ (dt.: „Lied von den Blumen des Tals“) wurde somit auch zu einer absolut logischen Fortsetzung dessen, was man auf „Yhä Hämärää“ zu bestaunen hatte. Neben etlichen Parallelen sowohl in der Struktur als auch im eigentlichen Stil gab es jedoch auch einige kleinere Veränderungen festzustellen, die schon Anzeichen dafür waren, dass man sich langsam in eine etwas andere Richtung bewegte, was dann auf dem dritten Album auch mit einem deutlichen Stilwechsel bestätigt wurde, zu dem ich später noch kommen werde. Insgesamt lässt sich aber nicht von der Hand weisen, dass das zweite Paavoharju-Album wohl keinem anderen Album stilistisch so nahe ist wie ihrem Debüt, sodass kaum von einem wirklichen Bruch gesprochen werden kann, sondern eher von einer gesunden wie nötigen Weiterentwicklung.

"Laulu Laakson Kukista"

„Laulu Laakson Kukista“

Wie „Yhä Hämärää“ beginnt auch „Laulu Laakson Kukista“ mit einem abstrakteren „Ambient“-Stück, welches ebenfalls ein erstes Highlight darstellt. Anders als im ziemlich düsteren, undurchdringlichen, von Räucherwerk stickigen Opener des Debüts, wird „Pimeänkarkelo“ von helleren Klängen eingeleitet. Leise Töne werden bald von einem finnischen Sprachsample abgelöst, auf das dann eine deutlich melodischere Einführung ins Album folgt als noch auf „Yhä Hämärää“. Die typischen noisigen Ambient-Klänge von Paavoharju kommen hier im Gewand einer nostalgischen Melodie daher, die aber gerade in ihrer Laut-Leise-Dynamik sehr kraftvoll wirkt und spätestens durch den Einsatz von Vogelgezwitscher im zweiten Teil des Liedes einen sehr psychedelischen Charakter entfaltet. Gerade diese Kombination aus finnischen Samples und nostalgischen, (oft bearbeiteten) Piano-Melodien kann als Grundpfeiler der Stimmung des Albums verstanden werden, das zwar wesentlich weniger düster als „Yhä Hämärää“, ja, eigentlich eher hoffnungsvoll und zuweilen sogar ausgelassen erscheint, gleichzeitig aber eine gewisse Nostalgie für vergangene Zeiten in seinen Melodien zum Ausdruck bringt. Ein weiterer eklatanter Unterschied zum Debüt fällt dem Hörer dann gleich mit dem zweiten Song auf. Folgte auf das „Ambient“-Intro im Debüt noch ein typischer Paavoharju-Folk-Song, steht auf „Laulu Laakson Kukista“ an zweiter Stelle ein Lied mit völlig neuem Sound, der aber gleichzeitig klar Paavoharju zugeordnet werden kann. „Kevätrumpu“ („Frühlingstrommel“) ist der mit Abstand tanzbarste Paavoharju-Song. Hier wurden erstmals abstrakte Klänge (die im weitesten Sinne an Ambient erinnern) sowie Folk-Gerüst außer Acht gelassen. Stattdessen hört man etwas, das stilistisch schwer einzuordnen ist. Als Melodieträger dient mal wieder die Stimme Jenni Koivistoinens. Darunter bewegt sich allerdings eine Art organischer Beat, der sich im Grunde im vertrauten Paavoharju-Soundbild bewegt, allerdings ohne dass der Hörer das Gefühl hat, hier noch einem Folksong zu lauschen. Deutlich poppiger, deutlich rhythmischer als alles, was Paavoharju bis dahin gemacht hatten, ist Kevätrumpu wohl auch ihr positivster Song. Man könnte sogar behaupten, dass „Kevätrumpu“ mit seinen sich ineinander verlierenden Hintergrundeffekten sowie den hier auch noch deutlich intuitiveren Vocals vertonte Lebensfreude ist. Als explosives Tanzritual bleibt „Kevätrumpu“ aber auch auf „Laulu Laakson Kukista“ eine Ausnahme, auch wenn der Song sofort eindrücklich klar macht, dass man es hier mit einem atmosphärisch deutlich ausgelasseneren, helleren Album als dem Debüt zu tun hat. Strukturell ist das zweite Album noch etwas stärker in kleine Einzelstücke geteilt, sodass man leicht den Eindruck eines musikalischen Flickenteppichs gewinnen kann. Dennoch finden sich auch die typischen Merkmale des Debüts, z.B. ein nostalgischer Piano-Track wie „Tuoksu Tarttu Meihin“ oder der obligatorische Joose Keskitalo-Song („Italialaisella Laivalla“), auf dem Nachfolger wieder. Sogar einen neuen energetischen Folk-Song, der von Toni Kähkönen gesungen wird, kriegt man mit „Uskallan“ zu hören, während „Tyttö Tanssii“ bspw. ein wunderschönes, mit seiner simplen Melodie aber definitiv etwas „einfacher“ gehaltenes Folk-Lied ist. Insgesamt ist das zweite Werk Paavoharju noch etwas mehr als Gesamtwerk zu verstehen, da hier die Einzelmeisterwerke etwas spärlicher gesät sind und das immer wieder eingesetzte Aufgreifen sich ähnelnder Melodien sowie der Samples eine noch etwas holistischere Herangehensweise offenbart. Es ist natürlich nicht schwer, die sehr nostalgische, oft träumerische Stimmung des Albums als uminterpretierte Weiterführung des im ersten Text schon erläuterten „Unien Savonlinna“-Konzepts zu verstehen. Dass dieses Konzept in seiner atmosphärischen Ausrichtung ohnehin stetiger Wandlung unterlag, sollte dann auch das dritte Album beweisen.

Zwischen der zweiten LP und ihrem Nachfolger vergingen diesmal fünf Jahre, was zu einem großen Teil mit Olli Ainalas Erkrankung (hier sieht man ihn , aber auch mit einem allgemeinen neuen Findungsprozess zu erklären ist. Zwischendurch gab es jedoch noch eine neue, allerdings nur digitale EP zu hören, auf der neben Live- und Neuinterpretationen alter Songs auch einige neue Stücke präsentiert wurden. Das Herz- und Titelstück „Ikkunat Näkevät“ erinnert dabei sehr an die nostalgische, träumerische Stimmung von „Laulu Laakson Kukista“, sodass wohl für die meisten kein besonderer Grund zur Annahme bestand, Paavoharju würden auf ihrem nächsten Album einen größeren Stilwechsel vollziehen. Bei einer dem eigenem künstlerischen Instinkt so sehr vertrauenden Band wie Paavoharju kann man sich aber wohl nie sicher sein, wohin die Reise geht. Dass sie mit ihrer dritten LP dann aber einen Stilmix aus ihrem ursprünglichen Sound und experimentellem Hip Hop aufboten, war wohl doch für das Gros der Hörerschaft eine ziemliche Überraschung.

"Joko sinä tulet tänne alas tai minä nousen sinne"

„Joko sinä tulet tänne alas tai minä nousen sinne“

„Joko sinä tulet tänne alas tai minä nousen sinne“ („Entweder kommst du hierher herab, oder ich steige dorthin auf“) ist in seiner Stimmung auch für eine im ständigen Wandel begriffene Band wie Paavoharju ein Sonderling. Das Grundkonzept des „Unien Savonlinna“ kann auch auf diesem Werk klar herausgearbeitet werden, allerdings ist die Leichtigkeit von „Laulu Laakson Kukista“ sowie die träumerische Andersartigkeit von „Yhä Hämärää“ einem stärker an der Realität orientierten Sound gewichen. „Joko sinä tulet tänne alas tai minä nousen sinne“ hört man an, dass die Band versucht hat, sich stärker am in ihrem Konzept inbegriffenen Aspekt des Verfalls, der verlassenen, verwandelten Stadt, zu orientieren. So klingt das Album nicht nur deutlich urbaner, sondern oft geradezu müde und manchmal sogar hoffnungslos, obwohl die Songs atmosphärisch durchaus sehr unterschiedlich ausfallen und die religiöse Thematik der Texte weiterhin gegeben ist. Eingeleitet wird auch dieses Album mit einem Ambient-Stück, das diesmal aber in der zweiten Hälfte schon durch einen hintergründigen, verschwurbelten Paavoharju-Beat unterstützt wird. Als unheimliches Intro ist aber auch dieser Opener wieder einmal überaus gelungen. Auf „Patsaatkin Kuolevat“ („Auch Statuen sterben“, hier das Musikvideo) ist erstmals der eigens für dieses Albums ins Boot geholte Rapper Henri Pulkkinen zu hören, der mittlerweile als Paperi T auch über die Grenzen Finnlands bekannt geworden ist. Er übernimmt auf dem dritten Album auch einen Großteil der Vocals, während Jenni Koivistoinen größtenteils als Background-Sängerin zu hören ist und Toni Kähkönens Stimme nur sehr kurz mal auftaucht. Die seltsamen Folk-Melodien in „Patsaatkin Kuolevat“ erinnern dann doch daran, dass man es hier mit Paavoharju zu tun hat, auch wenn die schneidende Stimme Pulkkinens in Kombination mit der in Rapform doch eher selten gehörten finnischen Sprache für viele sicher erst einmal ungewöhnlich war. Dennoch ist auch dieser Song ein einnehmendes Stück Musik, das z.B. mit seinen extreme tiefen Bass-Klängen abermals von großer Kreativität zeugt. „Krabat“ zeigt dann erstmals die angesprochene Müdigkeit. Langsam schleppt sich der durch den Sound sozusagen verunstaltete Beat durch den Song und die Vocals bahnen sich durch all diese verfallenen, musikalischen Baustellen nur langsam ihren Werk an die Oberfläche. Richtigen Folk gibt es eigentlich kaum noch zu hören. Lediglich als Intros oder Spielereien dienen die einst essentiellen Gitarren. Dafür bekommt der Hörer dann z.B. mit „Tumulus“ auch mal einen recht konventionellen Hip Hop-Song zu hören, der mit entspannter Melodie und einer Rap-Leistung, bei der man tatsächlich von „Flow“ sprechen könnte, fast wie ein kleiner Ohrwurm daherkommt und somit eine gelungene Abwechslung auf dem Album darstellt. Natürlich gibt es mit abstrakteren Stücken, wie dem Folk-inspirierten „Kuolon Uni“ oder dem mit Verlangsamung und Beschleunigung des Tempos arbeitenden Stück „Penuel“, auch wieder jene, abstraktere Seite des Paavoharju-Sound zu hören. Je länger das Album dauert, desto kaputter fallen die Stücke aus und desto depressiver wird auch die Stimmung. So beginnt „Tattarisuo 1931“ auch noch mit einem dieser müden Beats, verschwindet aber bald in ohrenbetäubenden Noise-Effekten, nur um die unheimliche Melodie am Ende dann wieder zum Vorschein kommen zu lassen. „Valkeat Majat“ ist dann allerdings der wohl am stärksten folkbeinflusste Song, auch wenn hier ebenfalls der Rap dominant ist. Mit „Minä nousen sinne“ ist ihnen dann noch einmal ein zwar eingängiger, in seiner Stimmung aber ziemlich depressiver Abschluss gelungen. Mit melodischer Strophe und den typischen Rap-Vocals von Pulkkinen wird nur der Aufbau für den seltsamen Refrain kreiert, in dem immer wieder, wie hypnotisch, die Worte des Albumtitels „Joko sinä tulet tänne alas tai minä nousen sinne“ wiederholt werden, welche dabei, als wollten Paavoharju zum Ende noch einmal möglichst viel Verfall und Zerstörung aufbieten, unter einem undurchdringlichen Soundberg begraben werden, über dem noch die weiblichen Background-Vocals zu hören sind. Mit dieser seltsamen Mischung aus urbaner Verzweiflung und – dem Titel entsprechend – transzendenter Ekstase entlassen Paavoharju den Hörer dann ins aus Ambient- und Orgelklängen bestehende Outro.

Henri Pulkkinen u. Lauri Ainala

Henri Pulkkinen u. Lauri Ainala

„Joko sinä tulet tänne alas tai minä nousen sinne“ war sicher nicht das Album, was sich viele Paavoharju-Hörer erwartet und einige gewünscht hatten, und so verwundert es auch nicht, dass es definitiv ihr am wenigsten beliebtes Werk ist, aber in seiner mutigen Andersartigkeit, welche zudem von weiterhin großer Kreativität zeugte, ist es meiner Meinung nach ein durchaus sehr gelungener Abschluss einer großartigen Diskographie geworden, wenngleich ihm etwas die Zugänglichkeit und Eingängigkeit früherer Paavoharju-Werke abgeht.

Dass „Joko sinä tulet tänne alas tai minä nousen sinne“ Paavoharjus letztes Album wurde, war dann eine sehr traurige, überraschende Nachricht. Genaue Gründe wurden für die Auflösung der „Band“ auch nicht genannt, und so kann lediglich spekuliert werden, dass mit dem Älterwerden der Mitglieder vielleicht einfach nicht mehr die selbe, enge künstlerische Verbindung zwischen den Freunden bestand. Nichtsdestotrotz ist in mir aufgrund des ohnehin irgendwie spontan erscheinenden Charakters der musikalischen Arbeitsweise Paavoharjus noch ein kleiner Funken Hoffnung vorhanden, dass es möglicherweise irgendwann noch einmal eine Paavoharju-Veröffentlichung geben wird.

Fest steht, dass Paavoharju in der Zeit ihres Bestehens eine herausragende Diskographie geschaffen haben, die stilistisch nahezu unvergleichlich und emotional wie atmosphärisch unglaublich reichhaltig ist. Für mich haben sie nicht nur einige geniale Alben kreiert, sondern darüber hinaus eine eigene künstlerische Oase erfunden, die über die Musik, ja sogar über ihre Kunst selbst hinausgeht und doch dazu beiträgt, dass diese an Lebendigkeit gewinnt. Diese Verbindung zu ihrem eigenen Leben macht Paavoharjus Schaffen nicht nur so viel authentischer, es trägt darüber hinaus auch dazu bei, dass man es als Hörer in seiner Gesamtheit wesentlich besser nachfühlen und verstehen kann, wobei Paavoharjus künstlerische Kreativität außerhalb der Musik sicherlich auch dazu beiträgt. Mit der Auflösung dieser einzigartigen Gruppierung hat nicht nur die finnische Musik- und Folkszene eines ihrer Herzstücke verloren. Denn es ist immer eine kleine Tragödie, wenn sich ein musikalisch genialer Interpret, der zudem in einer so wirklich selten gesehenen Weise bereit ist, das eigene, in der schnöden Realität verwurzelte Leben in seiner Kunst hinter sich zu lassen, aus der musikalischen Öffentlichkeit verabschiedet.

hier noch ein paar Links:

der Paavoharju-Youtube-Channel – hier gibt es allerlei mehr oder weniger groteske Videos, von ihren Erkundungstouren, aber auch allen möglichen anderen Aktivitäten, zu bestaunen.

sehr zu empfehlen ist insbesondere der 50-minütige, nach dem „Unien-Savonlinna“-Konzept benannte Film, der in den Jahren des Bestehens der Band von Lauri Ainala mit der Digitalkamera, die auch zum Aufnehmen eines Teils der Musik diente, aufgenommen wurde und neben abstrakteren Aufnahmen auch Interviews sowie viel Musik der Band selbst, aber auch von einigen der wenigen Nebenprojekte enthält. Leider gibt es dazu – zumindest auf Youtube – keine Untertitel, aber alleine wegen seiner Stimmung und Ästhetik ist der Film empfehlenswert.

der immer noch aktive Paavoharju-Facebook-Account

Levskin [Leonard R.]

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