Meine komplizierte Suche: Fyrnask

Einige Jahre bin ich auf der Suche gewesen. Auf der Suche nach einer gewissen Energie, nach Ausdrucksstärke und Tiefgründigkeit. Nach Natürlichkeit, Wildheit und gleichermaßen Ruhe. Selbst die Beschreibung dessen, was ich suche, fiel mir von Beginn an schwer und führte dazu, dass ich Vorschläge bekam, die eigentlich keines meiner Kriterien erfüllen konnten. Dabei wusste ich die ganze Zeit sehr genau, was ich wollte. Selbst meine Nennungen von vergleichbarer Musik waren nicht sonderlich dienlich. All das schien sich zu einer sinnlosen Suche zu entwickeln, die weder ich selbst noch jemand anders für mich abschließen konnte. Es hat eine ganze Weile gedauert bis ich verstanden habe, dass zielführende Hilfe durch andere kaum möglich ist, da meine Kriterien so subjektiv und mit meinem persönlichen Geschmack und mit meinen Gefühlen zu der Musik verwoben sind, dass nur der Zufall meine Suche nach „mehr davon“ lösen konnte und noch immer kann. Die Erkenntnis war natürlich nicht zufriedenstellend und dennoch musste ich mit ihr leben. Angenehm ist, wenn sich dann Musik, die ich schon sehr lange kenne (oder sind es doch mein Geschmack und Empfinden, die sich entwickeln?), so entwickelt, dass sie meine Suchkriterien erfüllt. Das deutsche Soloprojekt Fyrnask hat das geschafft, an dem fast alle zuvor bei mir gescheitert sind.

Fyrnask-Sonnenkult

(Fyrnask Facebook 2013)

Im Jahr 2008 wurde Fyrnask von Fyrnd ins Leben gerufen. Zwei Jahre darauf folgte ein erstes Demo in Eigenregie, das mit seiner Spielzeit von fast einer Stunde schon weit über die Maße eines normalen Demos hinaus ging. „Fjǫrvar ok Benjar“ ist bei Weitem kein perfektes Stück Musik, zeigt aber schon sehr gut die Richtung der Reise von Fyrnask an. Einfache Produktion und rohe Musik trifft schon auf dieser ersten Veröffentlichung auf eine gewisse Mystik und eine Nebelwaldatmosphäre, die sich gut mit den ersten paar Veröffentlichungen von Helrunar vergleichen lässt. Ein wesentliches Merkmal von Fyrnask ist bereits in dieser frühen Phase erkennbar: Furioser Black Metal mit einprägsamen Melodien trifft auf seichte Folkpassagen, die das Demo immer wieder ein Stück auflockern und interessant halten. Ich kenne dieses Demo schon eine ganze Weile und habe es früher „nur“ gemocht. Erst durch die intensivere Beschäftigung mit Fyrnask und der Entwicklung des ganz eigenen Sounds, muss ich „Fjǫrvar ok Benjar“ mehr zugestehen. Allein das Wechselspiel aus meinen Suchkriterien der Natürlichkeit, Wildheit und Ruhe wird schon von diesem bereits sieben Jahre alten Demo bedient.

Auch das drei Jahre später erschienene Debutalbum „Bluostar“ hat bei mir eine ganze Weile gebraucht, um seine volle Wirkung zu entfalten. Klar, hier wurde bereits sehr viel mehr Wert auf die Produktion, die Stimmigkeit und noch viele weitere Kriterien gelegt, doch irgendwie schien mir das Album über Monate hinweg so in sich gekehrt und privat, dass ich mich nur langsam hervor arbeiten konnte. „Bluostar“ ist ein einsames Ritual. Eine meditative Reise. Schon im fast zehnminütigen „Evige Stier“ wird die Vielschichtigkeit des Albums deutlich: Erst etwas Black Metal, der hier wesentlich energiegeladener wirkt als noch auf dem Demo, dann eine tragende Midtempopassage, dann ein noch ruhigerer Teil mit Cleanvocals und darauf folgend wieder atmosphärisch-intensiver Black Metal. Der rituelle Charakter des Albums wird nicht zuletzt durch die an mehreren Stellen eingeflochtenen rituellen Gesänge bestärkt. Der Mittelteil des Albums war vermutlich zunächst der Teil, der mir den Zugang zu „Bluostar“ erschwert hat. Es wird sich weitgehend von der zuvor klaren Struktur gelöst und ein Gemisch aus Folk, rituellem Ambient und langsamen Gitarrenpassagen lässt das Album so introvertiert wirken, dass man zunächst geneigt sein mag, es nicht weiter zu beanspruchen. Erst der Titelsong kurz vor Ende der einstündigen Laufzeit kehrt wieder zu den bekannten Strukturen zurück und überzeugt vor allem durch ergreifende Melodieführung. „Bluostar“ ist ein Brocken, der mich eigentlich erst richtig überzeugen konnte, nachdem ich mich eine Weile intensiver mit Dark und Ritual Ambient beschäftigt habe. Mittlerweile bin ich froh, das Album nicht nach den ersten paar Durchläufen zur Seite gelegt zu haben. Vielleicht war es auch das großartige Cover, das mich immer wieder motiviert hat.

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„Bluostar“

Zu seinem nächsten Streich setzte Fyrnd dann 2013 mit dem zweiten Album „Eldir Nótt“ an. Und was für ein Streich. Dieses Album hat mich sofort erfasst und vollständig vereinnahmt. Die ruhigeren Passagen sind besser eingebunden und ergeben ein wirklich beeindruckendes Klangbild. Von der ersten bis zur letzten Minute ist „Eldir Nótt“ ein spannendes, natürliches, wildes, ruhiges, energiegeladenes, ausdrucksstarkes und tiefgründiges Album. Bis mir klar geworden ist, dass dieses Album exakt das ist, was ich gesucht habe, waren zig Durchläufe nötig und den letzten Funken hat dann die Live-Performance beim Funkenflug 2015 übertragen. Die dichte Atmosphäre, der weitergeführte rituelle Charakter und das nun nahezu perfektionierte Wechselspiel aus den bisher chaotischsten Black Metal Passagen der Diskografie und den ruhigen Ambient und Folk Teilen, machen „Eldir Nótt“ zu einem wahnsinnig intensiven Hörerlebnis. So intensiv, dass ich an dieser Stelle gar nicht viel mehr Worte darüber verlieren und die Musik für sich sprechen lassen möchte.

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„Eldir Nótt“

Das Jahr 2015 geht so langsam auf sein Ende zu und mir ist in den letzten Wochen klar geworden, dass das musikalische Erlebnis, dem ich meine Suche gewidmet habe, die ganze Zeit direkt vor meiner Nase war. Erst in diesem Jahr habe ich die wunderschöne Vinyl-Version von „Eldir Nótt“ erstanden und das Projekt in Bandbesetzung live erleben dürfen. Ganz bald in 2016 sollte auch das nächste Album von Fyrnask bereit zur Veröffentlichung sein. Ob meine Suchkriterien auch mit diesem Album wieder erfüllt sein werden? Das kann vermutlich weder ich selbst noch jemand anders beantworten. Meine Erwartungen sind gigantisch.

Delirium [Jonas B.]

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