Mein kleines Musik-Jahresprojekt 2015

Neujahrsvorsätze sind schon so eine zwielichtige Angelegenheit. Alle 365,25 Tage wollen Millionen von Menschen auf einen Schlag dünner und sportlicher werden, weniger saufen, mit dem Rauchen aufhören und diese eine lästige Angewohnheit loswerden, die ihnen oder ihrem unmittelbaren Umfeld so zu schaffen macht. Von Menschen, die für solche recht naheliegenden und rationalen Maßnahmen ein als symbolträchtig und „richtig“ erdachtes, magisches Datum benötigen, ist es auch zu erwarten, dass deren gut gemeinte Vorsätze meistens höchstens halbherzig umgesetzt werden und sich der Kampfgeist schnell in Luft auflöst. Das Halbjahresabo fürs Fitnessstudio war zu fünf Sechsteln für die Katz, die Nikotinpflaster verkrümeln sich in die hinterste Ecke der Nachttischschublade. Auch ich – eigentlich schon seit jeher kein Freund dieser Vorsätze – habe mir für 2015 zum ersten Mal eine kleine Auflistung von Dingen notiert, die ich bis 31. 12. hinter mich gebracht haben wollte. Teils auch, um mir und der Welt zu beweisen, dass irgendwo tief in mir doch ein Hauch von Selbstdisziplin schlummert. Mindestens zwei neue Länder Erkunden, diese und jene in die gemeine Popkultur eingesickerten Film- und Serienklassiker nachholen und nach gefühlten Jahrzehnten endlich bei allen Referenzschlachten mitreden können, ähnliche Bildungslöcher in der Musikwelt stopfen und eine Liste an Albumklassikern abfrühstücken, endlich mal Bungee-Jumpen, und sicher noch ein Punkt, an den ich gerade nicht erinnern kann. An letzterem könnte man schon erraten haben: Auch aus diesen eigentlich recht geradlinigen und erreichbaren Zielen ist nicht sonderlich viel geworden. Nur ein neues Land, nur eine Serie geguckt, Bungeetermin verschoben, juhu.
Aber es gibt einen Punkt, bei dem ich tatsächlich als Sieger hervorging: Ich habe die Liste an Musikklassikern abgearbeitet. 266 Alben in knapp mehr als 10 Monaten. Und nun versuche ich in diesem autobiografischen Egotrip von einem Blogpost herausklingen zu lassen, wieso das ein lohnendes und weiterzuempfehlendes Unterfangen war.

Was für eine Liste und wieso gerade die?
Es stellten sich naheliegende Fragen: Wie groß und umfangreich soll die Liste sein? Woher kriegt man so eine Liste? Kann man den Weiten des Internets mit all seinen Musikportalen vertrauen oder sollte man die Sache selbst in die Hand nehmen? Selbst zusammenbasteln kam aber nicht in Frage, weil man so noch nie gehörte Namen tendentiell ignoriert, zu selektiv und scheuklappenbehaftet vorgeht und Interpreten vorschnell als unwichtig abtut, so als hätte man tatsächlich bereits umfangreiche Kenntnisse über die wichtigen Protagonisten jedes Genres. Aber als solcher Mensch hätte man so ein Projekt ja gar nicht mehr nötig. Die all-time-Charts von Rateyourmusic.com von Platz 1 bis X wären sicher eine gute Anlaufstelle gewesen. Aber nun raus mit der Katze aus dem Sack: Aus einer Reihe von Gründen und Nichtgründen, die ich jetzt im Nachhinein nicht einmal mehr akkurat benennen kann, unter denen sich aber sicher so langweilige Stichwörter wie Spontanität und Nostalgie befanden, wurde es die teils veraltete und teils recht eigenwillige Einsteigerchart dieses allseits bekannten Imageboards, dem ich früher (zu?) oft Besuche erstattete: /mu/, dem Musikbereich von 4chan.

Die Chart meiner Wahl

/mu/ essentials chart (Klick aufs Bild)

Es hätte sicher besseres, aber auch wesentlich schlechteres gegeben. Und die Unterteilungen ignorieren wir einfach mal. Es ist halt so passiert.

Hintergründiges
Es folgen Disclaimer, die so bereits in diversen anderen hier veröffentlichten Posts Erwähnung fanden, sowohl von mir als auch von meinen geschätzten Kollegen. Deswegen ein Schnelldurchlauf: Jeder Mensch erfährt zumindest auf der Mikroebene eine völlig andere musikalische Sozialisation als jeder andere und für viele Leute sind die großen Klassiker vergangener Jahrzehnte nach wie vor der große Anker- und Referenzpunkt, für andere wiederum ganz und gar nicht.
Ich war lange Zeit letzteres – wenn auch nie absichtlich oder gar aus Überzeugung – und kenne auch heute noch nicht mal alle Klassiker der Sub-Subgenres, die ich aktiv höre und liebe, und war gewillt, das auf einer allgemeineren Ebene zu ändern. Eher aus Gründen der Weiterbildung und nur sekundär in der Hoffnung, neue Lieblinge zu entdecken. Und ich musste mich auch durch eine Masse von Alben wühlen, die in mir ein einziges riesiges Fragezeichen aufscheinen ließen, um auf Gold zu stoßen. Aber das Gold war da, zahlreicher als angenommen, und ich bin sehr froh, nach ihm gegraben zu haben.
Von welchen Interpreten dieser Liste ich vorher tatsächlich noch kein angeführtes Album in voller Länge konsumiert habe, traue ich mich teilweise gar nicht zu sagen. Aber darunter Tummeln sich durchaus Kaliber wie The Beatles, so viel dazu. Insgesamt kannte ich vor diesem Projekt knapp 50 der 266 Alben.

Highlights und Lowlights
Jeder kennt das Gefühl der Reue, in ein geniales Kunstwerk – sei es nun ein Album, ein Film, ein Buch oder etwas anderes – nicht bereits viel früher reingeschnuppert zu haben. Erst recht, wenn man vorher bereits lange Zeit mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit sagen konnte, dass es einem wohl gut gefallen würde. Die meisten der Alben, die sich als Highlights entpuppten, waren dann auch tatsächlich diese, von denen ich das schon vor Jahren hätte erwarten können, aber mir nie die Mühe gemacht habe, tatsächlich hineinzuhören, wieso auch immer. Manche Menschen muss man eben zu ihrem Glück zwingen. So war es absolut keine Überraschung, dass Künstler wie Cash, Dylan, Radiohead, Tangerine Dream oder Neurosis satt einschlugen. Andere Sachen kannte ich schon lange vom Namen und Ruf bzw. Stellenwert her, hätte aber nicht damit gerechnet, dass ich sie dermaßen geil finden würde. Die auffallendsten Beispiele hierfür waren Fleet Foxes, Van Morrison, The Stone Roses, Violent Femmes, The Roots, Paul Simon und seit kurzem wächst auch Nick Drakes introvertiertes wie auch wohlig-warmes „Pink Moon“ ins Unermessliche.
Aber auch das andere Extrem ist eingetreten: Die lange gefürchtete Konfrontation mit Künstlern, von denen ich bereits ahnte, dass das nichts wird. So beliebt, geliebt, sagenumwoben und von mir aus auch wegweisend sie auch (gewesen) sein mögen. Tut mir leid, Rolling Stones. Sorry Fleetwood Mac. War klar, dass das nix mit uns wird, Herr Springsteen. LFO, vor zwei Jahrzehnten wärst du wohl noch geil gewesen, aber du bist dreimal schneller gealtert als alle anderen um dich herum. Und fick dich Megadeth. Schlusslicht spielen Throbbing Gristle, aber hierbei gebe ich mir selber die Hauptschuld und finde ich es auch sehr schade, im Gegensatz zu den meisten vorher genannten.

Neuentdeckungen und Überraschungen
Zwischen all den musikalischen A-Promis und popkulturellen Allzeitgassenhauern begegnete ich auf meiner kleinen Reise aber auch so manchem Namen das allererste Mal. Im Glauben, dass es dabei nicht nur mir so geht, werde ich hier auch nicht nur bloßes Namedropping betreiben.
Sehr fruchtbar war beispielsweise die Begegnung mit Built to Spill, welche dem Indie Rock mit „Perfect From Now On“ noch vor der Jahrtausendwende einem Twist verliehen und ihn ungewohnt psychedelisch und mit überlangen, nonlinearen Songstrukturen darboten. 1984 ließen The Replacements ihren mit Post-Punk und anderen alternativen Elementen gespickten Garagenrock auf die Menschheit los und das Ergebnis könnte auch anno 2015 nicht ehrlicher klingen.
In der Hip-Hop-Sparte war Dr. Octagon von allen unbekannteren Namen am stärksten. Hinter diesem Charakter verbirgt sich Kool Keith, und er lässt seine Persona, dem höllischen und total verrückten Gynäkologen und Chirurgen, auf „Dr. Octagonecologyst“ alle möglichen absurden Dinge tun und erleben. Auch der Sound an sich ist gleichermaßen unberechenbar und dynamisch.
Und auch Oval konnte von Anfang an überzeugen und ist damit wohl auch das erste Glitch-Album, welches das von sich behaupten kann.

Fazit
Das war sie also. Die kleine nachträgliche Erkundungstour durch den Teil der Musikgeschichte, den Kritiker wie auch Fanmassen der westlichen Industrienationen – allen voran aber mit Abstand Großbritannien und USA – im Laufe der letzten sechs Jahrzehnte zu Kultalben und essentiellem Kulturgut hochstilisiert und -gefeiert haben. Erwartungsgemäß gab es Höhen und Tiefen, erfüllte und erschütterte Erwartungen, Spaß und Langeweile, und ein Wechselbad der Gefühle. Aber selbst, wenn ich jedes einzelne der Alben mies gefunden hätte, hätte ich dieses Unterfangen als klar lohnenswert bezeichnet. Denn es wäre immer noch eine Reise durch die Geschichte des Mediums gewesen, das ich so gern habe und mit dem ich den Großteil meiner freien Zeit verbringe. Ich habe keines der Alben einfach so konsumiert, sondern so gut wie immer auch Recherchen betrieben und mehr über den Kontext, die Geschichte und auch das Vermächtnis des jeweiligen Releases und des Interpreten erfahren. Alleine einige der kuriosen Hintergrund- und Entstehungsgeschichten diverser Künstler waren dieses Abenteuer bereits voll und ganz wert.

Und erst durch derartige Nachforschungen kann ich auch sagen, dass die Liste zumindest zu großen Teilen geeignet für ein solches Unterfangen ist, falls sich noch wer an ein derartiges Projekt heranwagen will. Klar hätten manche Interpreten nicht dreimal auf der Liste vertreten sein müssen, so vielseitig und einflussreich sie auch sind und waren. Lieber nur eines der beiden Glam-Album von Bowie reinpacken und den Leuten stattdessen U2 oder Tool aufhalsen. Oder mit Rides „Nowhere“ das dritte der drei heiligen Shoegaze-Essentials hinzufügen. Und, und, und. Außerdem, wie eingangs bereits erwähnt: Das Ding ist schon recht veraltet. Auch wenn „born in the wrong generation“-Kinder einem gerne etwas anderes vorplärren, so erscheint trotzdem auch in dieser Dekade noch der eine oder andere moderne Klassiker und stellt gewiss ein Referenzwerk für zukünftige Musikergenerationen dar. Und so defizitär es angesichts dessen erscheinen mag, wehmütig nur den Großtaten der Vergangenheit hinterherzuhängen, so erhellend, erheiternd, erbauend und mit Überraschungen gespickt kann dieser Blick zurück dennoch sein. Ich bereue nichts.

Interloper [Johannes S.]

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