Nostalgie für die Zukunft: Vaporwave

vaporwave

 

Dampfender Ambient Pop. Futuristische Ideenwelten mit Trash statt Prunk. Reminiszenzen an die pastellfarbene Ästhetik der 80er und 90er Jahre. Schamlose Verballhornung bekannter Songs und Samples. Was ist Vaporwave?

Im Zuge seiner Entwicklung wurde dieser Begriff für eine große Zahl von Phänomenen und Ideen genutzt, die in den vergangenen Jahren insbesondere über das Internet Bekanntheit erlangten. Sei es die Faszination für kommerzielle wie retro-kulturelle Artefakte aus Film, Fernsehen und Populärmusik, eine demaskierende, nicht selten auch parodierende Überhöhung spätkapitalistischer Konsumexzesse oder die ganz spezielle Adaption eines Zukunftspessimismus, der weder einen dritten Weltkrieg noch eine Singularität antizipiert. Viel mehr spiegelt die Ästhetik dieses Musikgenres eine Erwartungshaltung wider, welche einerseits das langsame Ausbluten unserer Welt zwischen Neonlicht, Schaltkreisen und der fortschreitenden Ökonomisierung aller Lebensrealitäten mit fast stoischer Resignation hinnimmt. Andererseits aber auch das Potenzial des technologischen Fortschritts bedenkt und von Utopien träumt, die urbane mit naturbelassenen Gesellschaftsräumen langsam aber sicher verschmelzen – der postindustrielle Großstadtdschungel, wie er in vielen Filmen der letzten Jahrzehnte geträumt wurde: Als Rauch speiendes, feuchtes, pulsierendes Biotop aus Beton, Elektrizität und lustbesessener Entgleisung.

Hier werden vertikale Gemüsegärten in Wolkenkratzern gepflegt während der Mensch auf speziell präpariertem Asphalt barfuß zur Arbeit geht. Im Radio läuft nostalgische Kaufhausmusik, weil kommerzielle, öffentliche Räume ein Relikt der Vergangenheit sind: Produkte werden vollpersonalisiert in den eigenen vier Wänden verkauft – digital und 3D-gedruckt. Das menschliche Unterfangen versickert zwischen Endlosschleifen chaotischer Selbstreferenzen in Kunst, Kultur und Wissenschaft, die im hyperrealistischen Internetzeitalter mit verstörender Logik eine sich immer weiter intensivierende Beschleunigung demonstrieren. Eine Zukunft, die wie ein seltsam wohliger Albtraum erscheint und eher in Richtung Cyberpunk mit hochgegeltem Kitsch denn postapokalyptische Tristesse tendiert. Im Sound sind diese Meme vor allem als Chop’n’Screws von Werbespots, aufbereiteten Zitaten bekannter Filmklassiker und One Hit Wonders des Frühstücksradios wiederzufinden. Aber auch modifizierte Windows-Sounds, käsiger R’n’B, Lounge Jazz, Muzak und Easy Listening reflektieren aus dem nach Shampoo duftenden Genre-Sud übers Trommelfell. Gerne werden Samples dabei auf mal mehr, mal weniger virtuose Weise mit Unmengen an Effekten ausgestattet, geschichtet und anschließend zu unterschiedlichen Konditionen zerschnitten, hochgepitched, wiederholt oder in Reverb und Delay ertränkt: Da sich der Kapitalismus als omnivorer Leviathan jede Form von Innovation Untertan macht, erscheint die Verteidigung des Authentischen zunehmend unmöglicher. Die Flucht nach vorne wird zum Ausweg, die auf den Gipfel getriebene und zur Schau gestellte Kapitulation vor dem Kapital zum Katalysator seiner Zersetzung, weil wir mit dem Kitsch konfrontiert werden, der uns in Verzückung über Produkte und ihre technologischen Möglichkeiten versetzt.

Doch obwohl Vaporwave damit eine ganz eigene Art der popkulturellen Ästhetisierung entwickelt, hatte dieses schnell zur Kunstform mutierte Genre bereits früh mit Spott und Häme zu kämpfen. Ein Beispiel ist der unter dem Pseudonym „The Needle Drop“ auf Youtube äußerst bekannte Blogger und ehemalige Pizzabäcker Anthony Fantano, der in einem vielbeachteten Verriss aus dem Jahr 2012 dem Album „Floral Shoppe“ des Projektes Macintosh Plus zurecht ein mangelhaftes Sampling und eine gewisse Mutlosigkeit attestierte. Abgeleitet davon, fanden sich in den darauf folgenden Wochen und Monaten durch die virale Natur des Netzes viele Blogger und Rezensenten dazu bemüßigt, das Genre als nur ein weiteres Aufblitzen schnelllebiger Musiktrends im Netz abzustempeln – ähnlich wie es schon bei weitaus schwieriger definierbaren Phänomenen wie Seapunk, Chillwave oder Witch House der Fall war. Auf den Webportalen /mu/, Last.fm, rateyourmusic und Soundcloud überschlug sich so mancher User mit Kommentaren, die diesem vermeintlich nur aus schlechten Plagiaten bestehenden Stil elektronischer Musik sein baldiges Ende prophezeiten. Nicht ganz unschuldig an dieser vergleichsweise extremen Reaktion der einzelnen Communities war die Tatsache, dass im gleichen Zeitraum, also etwa ab dem Jahr 2011, eine große Zahl von lieblos zusammengeschnittenen Sampling-Orgien obskurer Produzenten über Seiten wie Bandcamp, Youtube oder eben Soundcloud hinwegschwappte. Währenddessen krochen zum ersten Mal Bezeichnungen wie „Vaporwave“ aus verschiedenen Blogs und undurchsichtigen Tag-Wolken auf Last.fm und verbanden den Sound so zwangsläufig mit einem ganzen Wust an äußeren Merkmalen, die auf mehr als eine Weise wie eine Selbstparodie wirkten. Oft auch für das, was vorher unter dem ebenfalls recht neuen Begriff des „Hypnagogic Pop“ Beachtung fand, der laut rateyourmusic.com zum ersten Mal in der August 2009 Ausgabe des Wire Magazine geprägt wurde und eine Vorliebe für Lo-Fi Produktionen, die Pop Kultur der 90er Jahre, sogenannte Plunderphonics, extremes Filtering und analoge Tonträger beschreibt. Bekannte Vertreter dieser Richtung sind Ariel Pink’s Haunted Graffiti, James Ferraro und der mittlerweile vor allem im Netz beliebte Singer/Songwriter Mac DeMarco.

Dabei schaffen es beide Phänomene, Vaporwave und Hypnagogic Pop, den Trash vergangener Jahrzehnte in etwas verquer Mystisches zu verwandeln, etwas das zwischen Windows 3.11, Head & Shoulders und Yogurette die eigenen Kindheitserinnerungen mit sakraler Tiefe ausstattet. Inwieweit die Begrifflichkeiten dabei zutreffen, wie genau sie die Tonalität beschreiben, kann sich zwischen einzelnen Künstlern stark unterscheiden. Letztlich sind es stilistische Marker die sich in Stimmung, Klangfarbe und genereller Ästhetik niederschlagen und mal mehr, mal weniger deutlich hervortreten. Das typische Vaporwave-Stück ist demnach ein vollsynthetisches, stark prozessiertes Abbild von „Corporate Background Music“, die in Menü Screens, Geschäfts- und Promotionsvideos, Hotel-Lobbies oder Warteschleifen am Telefon zur Anwendung kommt. Alben- und Tracktitel wurden dabei vor allem in den letzten zwei bis drei Jahren mit allerlei Sonderzeichen, Großbuchstaben, chinesischen und japanischen Lettern sowie kryptischen Bezeichnungen versehen, die unter westlichen Hörern die künstliche, kommerzielle Atmosphäre eines längst globalisierten Jet-Set-Kapitalismus untermalen sollen. Eine der ersten Veröffentlichungen, die diese Aspekte optisch und akustisch stilprägend verbunden hat, ist „Eccojams Vol. 1“ von Chuck Person, einem der zahlreichen Pseudonyme des in New York lebenden Musikers Daniel Lopatin, auch bekannt als Oneohtrix Point Never.

Auch gegenwärtig ist dieser schäumende, einlullende Sound in so mancher Veröffentlichung dominant. Dennoch bahnten sich gerade im Jahr 2015 viele Künstler eigene Wege, das Genre aus seiner auf Sampling fokussierten Entstehungszeit herauszuführen und die gesamte Vaporwave-Ästhetik, die sich mittlerweile auch in Kunst wie der von Kidmograph niederschlägt, musikalisch auf ein virtuoseres Fundament zu stellen. So erschien in diesem Jahr neben dem vielbeachteten zweiten Album des Projektes 2814, das sogar Erwähnung im Rolling Stone fand, auch eine hochatmosphärische Kollaboration zwischen den gestandenen Genregrößen Nmesh und t e l e p a t h テレパシー能力者. Sphärischer New Age, der mit Zitaten von Captain Willard aus Coppolas „Apocalypse Now“ fieberhaftes Kopfkino beschwört.

Für Verblüffung sorgte der aus Bondorf in Baden-Württemberg stammende Oscob, seines Zeichens Besitzer des Kassettenlabels Bedlam Tapes. Zusammen mit dem amerikanischen Produzenten Digital Sex veröffentlichte er im Sommer eine Sammlung von Naturaufnahmen, Ambientflächen mit Spoken Word-Passagen und ungewöhnlich komplex arrangierten Samplekonstruktionen unter dem Titel „OVERGROWTH“ – ein Wagnis welches erneut das experimentelle Potenzial des Genres verdeutlicht und einen hohen Detailreichtum vorweist. Ebenfalls im Sommer erschienen: Das Album „ルートバックホーム“ des Produzenten Remember, auf dem er Vaporwave mit Space Ambient und psychedelisch manipulierten Field Recordings kombiniert, dabei aber zu großen Teilen auf den konventionellen Kitsch des Genres verzichtet. Hier wirken die Arrangements ausgefeilter und überlegter als noch auf den frühen Veröffentlichungen von Labelkollegen wie etwa Hong Kong Express (ein Teil des Duos 2814), death’s dynamic shroud.wmv, Luxury Elite oder DARKPYRAMID.

So können die Jahre 2014 und 2015 als eigentliche erste Blüte des Vaporwave-Genres verstanden werden. Labels wie Beer on the Rug, The Curatorial Club oder Fortune 500, die bereits seit einigen Jahren aktiv sind, achten auch unter dem Druck von neuen Mitstreitern nun verstärkt auf ein hohes Produktionsniveau und frische Ideen. Besonders zu nennen sind hier Dream Catalogue und DMT Tapes FL, die beide erst seit rund einem Jahr existieren, aber schon jetzt mit einer großen Bandbreite kreativer und mühevoll arrangierter Alben viel Aufmerksamkeit auf sich ziehen konnten. Neben wosX und VHSテープリワインダー veröffentlichen hier Infinity Frequencies und Sandtimer. Doch abseits der auf Vaporwave spezialisierten Labels und Künstler, zeigen sich auch immer mehr große Namen anderer Stilrichtungen begeistert von dem vernebelt-bedrohlichen Klangbild dieses Genres. Einflüsse sind etwa auf Veröffentlichungen von Zomby und Actress, aber auch bei Legowelt oder Dalhous herauszuhören, während die weite Welt des Techno und House noch größtenteils unberührt von diesen Entwicklungen blieb – sieht man einmal vom seltsamen Style des Italieners Yari Malaspina ab, der unter dem Pseudonym OOBE düsteren Outsider House in Verbindung mit Ambient Techno und Vaporwave channelt. Angesichts der unaufhaltsam fortschreitenden Ausdifferenzierung elektronischer Musik ist davon auszugehen, dass das Genre als Bestandteil dieses Prozesses auch in den kommenden Jahren für viele Überraschungen sorgen wird.

Dieser Artikel dient demnach als Einstieg für das Jahr 2016, in dem weitere Besprechungen zu Künstlern und Labels aus dem Bereich Vaporwave folgen werden.

 

Xhi [Nils S.]

Dieser Beitrag wurde unter Allgemein veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Hinterlasse eine Antwort