Zwischen den Stühlen: Messer

Zwischen den Stühlen sitzen kann man ja so oder so. Man fläzt sich feist auf beiden Sitzen, oder man sitzt auf den Boden mit schmerzendem Steiß, weil der Schwerpunkt nicht da war, wo er hätte sein sollen. Um verstanden zu werden, ist es wichtig, auf welchen Stuhl man sich setzt. Erfüllte Erwartungen und klare Zuweisungen sind bequem und wichtig, natürlich auch in der Kunst, natürlich auch in der Musiklandschaft. In dieser Beitragsserie widme ich mich vor allem dem, was Erwartungen nicht erfüllt, sich klaren Zuweisungen entzieht, was nicht bequem, aber vielleicht wichtig ist. Und weil erfüllte Erwartungen und klare Zuweisungen bequem und wichtig sind, konzentriere ich mich dabei auf den deutschsprachigen Raum.

2012 saßen alle auf Stühlen. Messer standen währenddessen im Hinterhof und drückten Kippen in den Asphalt. In den beiden Jahren zuvor haben Hendrik Otremba (Gesang), Pascal Wagner (Gitarre), Bastian Ottenhus (Bass) und Philipp Wulf (Schlagzeug) ihre alten Hardcore-Betätigungsfelder, Ritual und Dramamine, eingefroren, einen Vertrag beim Indielabel This Charming Man Records unterschrieben, einige Singles veröffentlicht, und dann standen sie mit ihrem Albumdebüt „Im Schwindel“ im Feuilleton der ZEIT. In einem Interview mit dem Online-Fanzine Rote Raupe gab Philipp Wulf zu, nicht damit gerechnet zu haben.

Ob stickige Jugendzentren oder digitale Bibliotheken von „Irgendwas mit Medien“-Studenten: Der scharfkantige Punk mit „Post“-Ahnung von Messer passt nirgendwo rein und verweigert sich beiden Zielgruppen. Ihr Name fällt im Zusammenhang mit neuen deutschen Punk- (nicht Deutschpunk-) und Indie Rock-Bands, Frau Potz, Captain Planet, oder alten deutschen Punk- (nicht Deutschpunk-) und Indie Rock-Bands, Ton Steine Scherben, Fehlfarben. Das ist durchaus sinniger als „Kunden, die Produkt XY kauften, kauften auch“-Listen, trifft aber nicht den Kern der Sache. Ja, die Musik ist oft genug schlicht im Kern, Punk ist halt so oder so ähnlich und manchmal eben Drecksarbeit. Aber in ihren Songs erlauben Messer sich auch lose Enden, instrumental und strukturell. Der kopflos rennende Opener „Was man sich selbst verspricht“ und das gedehnte Geräuschintro von „Lügen“ klingen wie die Wiedergeburt von Neu! auf einem Plattenbauspielplatz. „Gassenhauer“ blutet langsam aus, kehrt zurück zu dem Spielplatz, an dem Messer ihr Kind zurückließen. Es gibt zudem wenig Aufbegehren, wenig Loslassen, wenig Ausbrüche, dafür mehrheitlich Midtempo, bleierne Monotonie und unaufgelöste Spannung. Man lauscht diesen weiten Strecken mit dem gleichen Gefühl wie dem, wenn man auf einer sehr schmalen Fensterbank sitzt und die Füße den Boden nicht berühren können. Die einzelnen Instrumente sind hart konturiert, der Bass prominent, das ist manchmal nahe dran an den Stahlgerüstsongs von Steve Albinis Shellac. Die schnörkellos scharfgestellte Produktion und die desolat offenen Tonfolgen nehmen der Musik allerdings Stabilität und Effizienz, machen sie so krank, gallig und kalthäutig wie die wahrscheinlich eigenartigste und am schwersten greifbare deutsche Gitarrenband: Mutter. In der musikalischen Entwicklung von Sänger und Texter Hendrik Otremba haben Max Müllers Projekte eine wichtige Rolle eingenommen, backstagebroadcast.de hat er seine Geschichte mit Campingsex und Mutter erzählt, und man hört seiner faserigen, schneidend hohen, seltsam jungenhaften Stimme diese Verbindung immer an. Im stählern nachhallenden Schlusstrack „Romy“ kommen Messer den Vorbildern ästhetisch am nächsten: „Romy / Ein letzter Schuss im Magazin / Romy / Wie gestrecktes Heroin / Im Grabe meines Kindes will ich ruhn.“ 2015 würde die Band in improvisierten Live-Sessions Romy Schneiders Tagebücher vertonen, mit diesem Song setzte sie ihr ein Denkmal aus Schutt.

Das liegt alles noch nicht außerhalb des Bereiches des Möglichen, auch wenn diese Schwere, die der Musik von Messer anhaftet, durchaus distinktiv und auffällig ist. Der Hauptgrund, wieso sich die Band beim Einordnen querlegt, sind die Texte. Ja, doch, es gibt Stellen, die unzufriedene junge Menschen genau so im Kopf haben oder gerne gehabt hätten, „Lügen“ ist da ein gutes Beispiel. Aber auf eine sichtbare Stelle tätowieren will man sich Zeilen wie „Ich spiele meine Spielchen / Bin ziemlich gut darin / Jeder kann mich leiden sehn / Und ich kriege alles hin“ irgendwie doch nicht, auch wenn sie wahr sind. Warum nicht? Messer sind nicht nahbar. Der Schulterschluss durch Humor wird verhindert, stattdessen sind Wortwahl und Sprachbilder mitunter auffallend pathetisch – so pathetisch wie die Entscheidung, ein Messer zu nehmen, wenn man ein Automatikgewehr benutzen könnte. Im Gegensatz zu den zuvor genannten Referenzbands klingt Hendrik Otremba seltsam unflüssig, wenn seine Texte sich reimen. Die Sprache wehrt sich. Wenn die Texte von Hendrik Otremba sich nicht reimen, fühlen sie sich richtiger an, aber keinen Deut weniger sperrig. Das Spoken Word-Stück „Weißer Rauch“, „Augen in der Dunkelheit“ (Turbostaat minus Fischbude), auch mein persönlicher Lieblingssong „Gegen Ende“ (Coldwave meets Krimihörspiel), der es leider nicht auf das Album geschafft hat, klingen im ersten Moment wie abgeschrieben aus großen deutschen Romanen der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Auf dem zweiten Blick gewinnt man eher den Eindruck, Otremba hätte die mutmaßlich verlassene Wohnung besucht, in der sich die Hamburger Underground-Lichtgestalt Tobias Gruben (Die Erde, Cyan Revue, Heroina) Mitte der 90er mutmaßlich den goldenen Schuss gesetzt hat, und hätte die Satzfetzen notiert, die mutmaßlich an die Wände geschmiert waren. Diese Art von Verwahrlosung wird heute seltener gelebt, haben wir ja bei RTLII und „Das Messie-Team“ gelernt. Es ist ein altes Bild, wie auch Messer im Kern alte (wichtig: nicht Retro-) Musik spielen, aber ein immer noch reizvolles, faszinierendes und abstoßendes.

Auch wenn Messer sich Zielgruppen verweigern, wurden sie doch ziemlich gut aufgenommen von der Zielgruppe, die sie nie hatten. Schon im nächsten Jahr wurde der Nachfolger „Die Unsichtbaren“ veröffentlicht – das erstaunte Rascheln im Blätterwald musste ausbleiben, ersetzt wurde es durch anerkennendes Nicken, erfüllte, bisweilen übertroffene Erwartungen. Das ohnehin labile Gleichgewicht von Elfenbeinturm und Gosse von „Im Schwindel“ haben Messer für ihr zweites Album aufgegeben. War bei den abstrakten Widerspenstigkeiten von „Im Schwindel“ noch vor allem der Verweigerungsgestus reizvoll, der Mut zur Zumutung, sind Messer nun reingewachsen in ihren Kunstanspruch. Ästhetisch – und bei einer Band, die schon beim Debüt Szenenbeschreibungen zu Refrainzeilen machte, ist Ästhetik der Schlüssel zum Verständnis – positionieren Messer sich zwischen den monströs lebendigen Großstadtschilderungen des lyrischen Expressionismus, der farbenfrohen theatralen Tristesse Rainer Werner Fassbinders und den schmutzigen Schlagschatten des vulgären 60er-Genrekinos. An Letzteres, an Edgar Wallace-Filme mit Klaus Kinski, lässt vor allem der Opener „Angeschossen“ denken, mit seinem hallenden Nichts zwischen den Instrumenten und seiner Bassline, die zu zitiert klingt, um noch bedrohlich zu sein. Den Hardcore-Hintergrund merkt man Hendrik Otremba teils nicht mehr an, die Gesangsmelodien sind noch fahriger, die Stimme noch brüchiger als auf „Im Schwindel“ – oft genug ist das ziemlich strapaziös. Die Texte ziehen nun noch weitere Kreise um ihr konkretes Zentrum, ein zweites „Lügen“ hätte in dieser stickigen Bilderdichte keinen Platz gefunden. Nicht immer funktioniert das. Vor allem in der zweiten Albumhälfte finden die Elemente oft nicht zusammen. Gut und mit Haltung nicht singen zu können, ist eine Herausforderung, die Otremba in der Regel meistert, bisweilen ziehen seine Limits als Sänger den lyrischen Skulpturen jedoch den Grund unter dem Sockel weg. Man kann in diesen Momenten die Sollbruchstellen und Nähte in der Musik von Messer sehen, man kann ihnen vorwerfen, überambitioniert, gestelzt und verkopft zu sein.

Es gibt diese Stellen in der Musik von Messer, an denen sie kleiner ist, als sie sich gibt, mit den so schmutzig wie elegant gemalten Artworks von Sänger Otremba und der ständigen Aura kühler Distanz. Wer sich darauf versteift, verkennt jedoch, wie groß sie werden kann. Der Klang ist weicher geworden, Produzent Tobias Levin, der seine Sporen schon bei Tocotronic und Ja, Panik verdient hat, fügt den Graustufen des Debüts auf „Die Unsichtbaren“ neue dunkle Farben hinzu. Es rauscht, es zerrt im Hintergrund von „Tiefenrausch“ und „Es gibt etwas“, Krautrockweiten werden in Drei- bis Vierminutenintervalle eingeschlossen. Wenn die Stücke hart und schlicht klingen sollen, sind sie noch effektiver darin als auf dem Vorgänger. „Die kapieren nicht“ ist bereinigt von Noise, kalt und klar wie Winterluft, verlässt sich auf seine Gitarrentupfer und die gehaltene, doch drängende Lebensgier in Otrembas Stimme: „Trinkt die Nacht, trinkt die Luft der Nacht“. „Tollwut“ mündet nach einem psychedelischen Täuschungsmanöver in einen beinahe militärischen Rhythmus, über den Otremba streng gereimte Zeilen skandiert. Mittendrin: ein Verweis auf Malaria!, „trübes, warmes Wasser“, der Dreck haftet noch immer an der Haut, der Durst bleibt. Und dann noch diese beiden Zentren unerwarteter Zartheit, „Süßer Tee“ und „Neonlicht“ – Ersteres erschöpft, mit verwaschenen Shoegazegitarren, die Blaue Stunde nach einer viel zu langen Nacht. Zweiteres eine Verbeugung vor New Orders Tanzmusik für Einsame genauso wie vor dem sakralen Ernst von Joy Division „Atmosphere“, eine impressionsverliebte, höchst romantische Feier des Urbanen, Betonharten, angeblich Hässlichen.

Am attraktivsten an Messers Musik ist die Angstfreiheit, die sie ausstrahlt: es gibt keine Angst vor Pathos, keine Angst, sich zu verheben, keine Angst, nicht verstanden zu werden. Der ästhetische Verweisreichtum wäre bei anderen Bands zu Gimmick verkommen, der Avantgarde-Anstrich zum Selbstzweck. Bei Messer sind sie vor allem eins: konsequent.

http://gruppemesser.blogspot.de/

romy [Maria Victoria O.]

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